Sommer wie Winter
(Presque Rien)

Frankreich, 100min
R:Sébastien Lifshitz
B:Stéphane Bouquet, Sébastien Lifshitz
D:Jérémie Elkaim,
Stéphane Rideau,
Dominique Reymond,
Marie Matheron
L:IMDb
„Mathieu, was ist nur los mit dir? - Ihm tut der Arsch weh.”
Inhalt
Der 19-jährige Mathieu verbringt die Sommerferien mit der Familie in der Bretagne und lernt am Strand den gleichaltrigen Cédric kennen. Aus dem Urlaubsflirt entwickelt sich die erste große Liebe, es folgt das Coming Out und Mathieus Abschied von der Familie. Doch mit der Zeit verliert die erste Liebe an Glanz...
Kurzkommentar
Es scheint, als wüsste Regisseur Sébastien Lifshitz nicht so genau, wohin er eigentlich will - seinen ganzen Film inszeniert er wortkarg, ohne Erklärungen, ohne Handlungsarahmen, nur in wechselnden Szenen und Schnitten, die ersten Minuten vollkommen dialoglos. Doch ob dieses anstrengenden Formalismus tritt die Botschaft zu sehr in den Hintergrund.
Kritik
Nach der Vorführung, nach "Sommer wie Winter", sitzt man - in gewisser Weise ist das schon fast ein selten und wertvoll gewordener Moment - im Kinosessel und fragt sich, was man du nun eigentlich gesehen hat. Und wenn man dann zusätzlich noch eine Kritik darüber schreiben soll, verstärkt sich das Problem: Wie bringt man dem Leser etwas nahe, was kaum objetivierbar ist, und von dem man selbst nicht behaupten kann, es hinreichend verstanden zu haben. Nun, mir scheint es sich folgendermaßen zu verhalten:

Nicht umsonst wurde als Originaltitel "Presque Rien" gewählt, zu deutsch etwa: Fast nichts. Denn was uns vorgeführt wird, ist, objektiviert, genau das: fast nichts - eine letzlich nicht funktionierende, noch nicht mal sonderlich traurige Liebesgeschichte, geschehend zu Tausenden. Und doch, subjektiv ist es alles, während alles andere an Bedeutung verliert. Und so kreisen die Protagonisten um sich selbst, ihre Gedanken, Gefühle, ihr Eingebundensein in ihr Leben und das des anderen, wie die Kamera um ihre Körper kreist. Wortkarg, dialogarm, handlungsschwach: Nicht unbedingt, weil den Drehbuchautoren nicht mehr eingefallen wäre, sondern weil mehr nicht gesagt werden muss. Über die Liebe wird viel zu viel geredet, obwohl letztlich kein Wort verloren werden müsste, zumindest nicht unter den Liebenden - folglich tun es Mathieu und Cédric auch nicht, sonden geben sich beizeiten auch unverhohlen ihrer Lust hin.

Ach ja, da war noch was: Mathieu und Cedric sind zwei Jungs, eine schwule Liebe also. Insofern vielleicht erstaunlich, wie wenig hemmungslos die Kamera intime Details einfängt, fast schon scheint das Pflicht zu sein im zeitgenössischen französischen Film. Ob der Film dadurch gewinnt, vermag ich nicht zu sagen - vielleicht an Ehrlichkeit, denn Sex zwischen Männern ist eben auch Sex, und wenn Patrice Chereau den heterosexuellen Sex abbilden darf, wieso sollte Sebastien Liefshitz nicht das gleiche Recht für homosexuellen Sex zustehen. Tatsächlich würden hier vielleicht manche gerne widersprechen, auch ohne Bischof in Fulda gewesen zu sein - aber ich sehe keinen Grund dazu. Fraglich ist nur, ob der Regisseur jene Szenen nicht allein deshalb einsetzt, um einmal mehr Aufmerksamkeit zu heischen. Allerdings gibt es einige Unterschiede zu "Intitmacy", nur um hier Vorwürfe des Plagiatismus zu entkräften (wobei zeitlich noch geklärt werden müsste, wer hier von wem inspiriert wurde). Wie auch immer, gestehen wir "Presque Rien" Eigenständigkeit zu, gehen davon aus, dass Liefshitz jene Szenen zum Wohle des Films einbaute, erregen uns nicht weiter an ihnen (im doppelten Sinne), und verschieben diesen interessanten Diskurs auf später.

Und hier offenbart sich dann auch der Wirkungsmechanismus von "Sommer wie Winter": Wir bekommen eine alltägliche Geschichte präsentiert, in all ihrer subjektiven Schwere, aber ohne unnötge Dramatik, dazu intime Liebesszenen, ganz normal und zugleich doch wieder nicht, mit einer gewissen französischen Leichtigkeit eingebunden. Dazu eine Trennung, voll individuellem Schmerz, und doch dreht sich die Welt weiter (dazu der deutsche Titel: "Sommer wie Winter"), und alles in allem ist das Ganze: Fast nichts. Einziger Unterschied, und noch kommt man nicht umhin, ihn zu betonen: Es sind halt zwei Jungs, zwei Männer.

Eine naheliegende These, die wenig raffiniert, aber einleuchtend ist, wäre nun die Behauptung, dass Lifshitzs Intention allein die Normalisierung einer homosexuellen Beziehung in den Köpfen der Zuschauer ist. Erstaunlich in diesem Zusammenhang, wieviele Zuschauer den Film vorzeitig verließen - ob sie sich an der "unanständigen" Beziehung störten?

Vielleicht aber auch an der doch recht eigenwilligen Inszenierung, die es anstrengend macht, dem Film zu folgen - zeitliche Verschiebungen, zahlreiche schnelle Szenenwechsel, kaum Dialoge, mässig nachvollziehbare Story, kaum durchschaubare Familien- und Wohnverhältnisse, alles in allem unnötig kompliziert, und, so möchte man sagen, gekünstelt (aber allein deshalb nicht zwangsläufig Kunst). Auch mit den Darstellern wird man nicht richtig warm, besonders sympathisch ist keiner von beiden - für die angenommene Intention eher kontraproduktiv. Oder vielleicht auch wieder ehrlich, denn welche Beziehungen sind schon so einfach und leicht zu durchschauen wie normale Hollywood-Plots, welche Charaktere schon so geschliffen und aalglatt wie typische Teenie-Figuren.

Also: Kein schlechter Film, aber nicht leicht zu sehen, anstrengende Kost, und wie alle ähnlichen Filme am gleichen Dilemma leidend: Diejenigen, die ihn freiwillig sehen, hätten ihn nicht nötig, die, die ihn sehen sollten, werden ihn sich nicht anschauen.

Anstrengend, wenig mitreissend, aber dennoch sehenswert


Wolfgang Huang