Roter Drache
(Red Dragon)

USA, 118min
R:Brett Ratner
B:Thomas Harris,Ted Tally
D:Anthony Hopkins,
Edward Norton,
Raplh Fiennes,
Harvey Keitel,
Emily Watson
L:IMDb
„Woher wissen Sie, dass er weiter morden wird? - So ist er Gott. Würden Sie das aufgeben?”
Inhalt
FBI-Agent Will Graham (Edward Norton) ist schon seit Jahren auf der Jagd nach einem kannibalischen Serienmörder und konsultiert immer wieder den Psychiater Dr. Hannibal Lecter (Anthony Hopkins) und bittet ihn um Rat. Als Graham feststellt, dass ausgerechnet Lecter sein Ziel ist, sticht dieser ihn nieder. Graham gelingt es jedoch seinerseits Lecter zu verletzen und mit seiner Waffe in Schach zu halten - Lecter wird gefasst. Jahre später hat sich Graham mit seiner Familie zurückgezogen und den FBI-Job aufgegeben, als sein ehemaliger Vorgesetzter Jack Crawford (Harvey Keitel) ihn erneut um Hilfe bittet, da ein offenbarer Nachahmer Lecters bereits zwei Familien vollständig ausgelöscht hat. Graham sagt widerwillig zu, doch er muss schnell erkennen, dass er nur mit Hilfe des "Vorbilds" Lecter eine Chance hat, den Serienmörder aufzuspüren. Er stattet ihm erneut einen Besuch ab.
Kurzkommentar
Brett Ratner ("Rush Hour 2") gelingt mit dem Quasi-Remake von Michael Manns "Red Dragon"-Adaption "Manhunter" ein inszenatorisch-solider, darstellerisch überdurchschnittlicher Thriller und profitiert von dem sauberen Drehbuch Ted Tallys. Dass er zwischen den Hauptcharakteren nicht dieselbe knisternde Atmosphäre aufzubauen vermag wie Genre-Vorstoß "Das Schweigen der Lämmer" ist ihm indes bewusst und so ist seine Adaption mehr an vorder- denn hintergründiger Spannung interessiert. Heraus kommt ein vor allem darstellerisch sehenswerter Thriller, der indes nicht bemerkenswert bleibt.
Kritik
Als Michael Mann 1986 Thomas Harris' Roman "Red Dragon" verfilmte, fand er wenig Beachtung, wenig Erfolg und wenig Anerkennung. Gerade mal 8,6 Mio.$ soll der unter dem Titel "Manhunter" (hier: "Blutmond") veröffentlichte Film laut der IMDb eingespielt haben (Produzent DeLaurentiis wollte den Begriff "Dragon" im Titel vermeiden, weil er zuvor mit dem Mickey Rourke-Vehikel "Year of the Dragon" Schiffbruch erlitten hatte) und obwohl Kritiker den Streifen im Grunde positiv aufnahmen, störten sich Leser der Vorlage an Mann's Story-Abweichungen. So blieb einer der beliebtesten Bösewichte der letzte Jahre lange Zeit unbeachtet.

Erst 1992 dann, mit der Adaption der Fortsetzung "Das Schweigen der Lämmer" durch Regisseur Jonathan Demme ("Philadelphia"), kam der Ruhm, die Oscars und nicht zuletzt auch das Geld. Hannibal, the Cannibal war in aller Munde - zum einen, weil er so freudig-diabolisch verkörpert wurde durch Anthony Hopkins und sein Charakter durch sein überfordertes, unsicheres Gegenüber in Person der FBI-Agentin Clarice Starling erst zu gottähnlicher, angsteinflössend-überlegener Größe heranwuchs. Zum anderen, weil Demme die perfekte Mischung aus subtilem und vordergründigem Horror in einer kongenialen Inszenierung zu realisieren wusste.

Dass Produzent DeLaurentiis (der in Hollywood aufgrund seines Charakters als unfeiner Bursche gilt) nach seiner Produktion von "Manhunter" und "Hannibal" (aber interessanterweise nicht dem "Schweigen") an einer erneuten Adaption von Harris' Roman "Roter Drache" interessiert war, mag nun nicht daran liegen, dass Harris' seinem Roman nachträglich noch einen Prolog beschert und die Vorlage (neben den Freiheiten, die sich Mann bei der Ursprungsadaption genommen hatte) somit nicht "adaptionsgerecht" war. Viel mehr hat der fleißige Italiener (der übrigens mit Regie-Legende Federico Fellini groß geworden ist) natürlich aufs Geld geschaut, konnte Ridley Scotts allgemein als wenig gelungen aufgenommene Fortsetzung "Hannibal" im letzten Jahr doch allein in den USA 165 Mio.$ einspielen.

Dennoch braucht die Kinowelt nicht traurig über eine abstossend-uninspirierte Neuauflage des Romans zu sein, denn Genre-Neuling Brett Ratner ("Rush Hour" 1&2) gelang dank Ted Tallys ordentlichem Drehbuch ein für sich stehend solide-spannender, überdurchschnittlich gut gespielter, ganz einfach interessanter Thriller. Tally, der schon für das irgendwo genial-sadistische Drehbuch des "Schweigens" zuständig war, bringt sowohl Harris' neuen Prolog im Drehbuch unter als auch den wunderbaren Subplot um Mörder Francis Dolarhyde und seine zwiespältige Beziehung zur Blinden Reba McClane (großartig: Emily Watson). Der Zuschauer erwartet zwar erneute Spielchen der (wortwörtlichen) Intelligenzbestie Lecter und (nach "Hannibal") vielleicht sogar erhöhten Gore-Faktor, aber die wahren Stars des Films sind eigentlich Ralph Fiennes, Emily Watson und die Beziehung ihrer Charaktere. Wenn Dolarhyde hin- und hergerissen zwischen psychopathischer "Pflichterfüllung" und Zuneigung zu Reba mit sich um seine Kontrolle kämpfen muss, so sind dies die besten (und genaugenomen einzig-unverbrauchten) Szenen des Films. Der Rest ist eher Standardware, wenn auch (vor allem dank der knackigen Besetzung) stark präsentiert.

Im Grundaufbau funktioniert "Red Dragon" nämlich genauso wie "Das Schweigen der Lämmer" (bzw. umgekehrt): Lecter muss als sadistische, rätselhafte Hilfe konsultiert werden, um einen anderen Serienkiller zu schnappen und sein FBI-Gegenüber versucht die von ihm hingeworfenen Puzzle-Stücke zusammenzusetzen. Dass "Red Dragon" dabei nicht die Klasse des "Schweigens" erreichen kann, liegt nicht nur daran, dass dem Zuschauer die Charakter allzu bekannt sind, es wenig Neues zu entdecken gibt und Demme quasi die bestmögliche Interpretation geliefert hat. Vor allem ist es die innere Spannung der Hauptcharaktere, die "Red Dragon" fehlt: während Clarice Starling zum einen durch ihren Novizen-Status zum anderen durch ihr Geschlecht dem genialen Kannibalen massiv unterlegen scheint und so allein ihre Dialoge den Eintritt wert waren, ist Edward Nortons Charakter Will Graham wesentlich selbstsicherer, Lecter beinahe ebenbürtig. Es ist hier zwar von Vorteil, dass Tally nicht auch noch dieses Element recyclet und dank des (treffenden) Prologs auch das Verhältnis Lecter-Graham interessant wirkt, aber so spannend wie die Konstellation Starling-Lecter kann "Red Dragon" indes nicht sein.

So unterlegen wie der rote Drache den Lämmern hier auch scheint, so gut tut es dem Film, dass er letztendlich auch gar nicht versucht, auf eine Ebene mit ihnen zu kommen. Ratner und Tally wissen schließlich um die Abnutzungserscheinungen Lecters und sie wissen auch um Grahams Fähigkeiten. So wollen sie nicht mehr als eine spannende Kriminalgeschichte erzählen, würzen ihren Film mit vielen, durchaus gut gezeichneten Nebenfiguren, verzichten auf wirklich unappetitliche Szenen und geben Serienkiller Dolarhyde ein erstaunlich nachvollziehbares Gesicht. Sicher, der Mutter-Komplex Dolarhydes ist spätestens seit "Psycho" abgedroschen, aber zumindest mich konnte der Film am Ende noch einmal überraschen.

Regisseur Ratner versprach jedenfalls weniger als der Film letztlich einzulösen vermag und ein außergewöhnlicher Regisseur hätte vermutlich auch auf einige Plattheiten wie etliche Flashbacks verzichtet, aber auch so ist "Red Dragon" gute, größtenteils spannende und dank der Darsteller sehenswerte Unterhaltung geworden.


Kurzvergleich "Blutmond" - "Red Dragon"
Leider war es mir erst nach "Red Dragon" vergönnt, Michael Manns Ur-Verfilmung von 1986 zu sehen. Von daher gilt obiger Kommentar vor allem für Nicht-Kenner der Erstverfilmung. Zuschauer, die bereits "Manhunter" von Michael Mann kennen, dürften sich bei "Red Dragon" nämlich reichlich gelangweilt fühlen. Drehbuchautor Ted Tally hat Manns Adaption derart genau abgekupfert, dass es schon als mehr als dreist zu bezeichnen ist, so wenige Jahre nach der Erstverfilmung ein Remake zu drehen. Szene auf Szene folgt Manns Vorbild, der Eigencharakter von Ratners Version geht gegen Null. Letzten Endes unterscheiden sich "Blutmond" und "Red Dragon" hauptsächlich im psychologischen Kern. Während Mann in gewohnt starker Ausarbeitung die Ähnlichkeit zwischen Jäger und Gejagtem behandelt (siehe auch "Heat"), konzentriert Ratner die innere Spannung des Films auf die bittersüße Beziehung zwischen Dollarhyde und Reba McClane. Nur dadurch (und durch das weniger glatte Ende) ist "Red Dragon" aus Sicht der "Manhunter"-Zuschauer wohl ein gewisses Maß an Existenzberechtigkeit zuzugestehen.

Leicht spannungsschwacher, sonst gelungener Thriller.


Thomas Schlömer