Syriana

USA, 126min
R:Stephen Gaghan
B:Stephen Gaghan, Robert Baer
D:George Clooney,
Matt Damon,
Jeffrey Wright,
Chris Cooper,
William Hurt
L:IMDb
„Korruption? Korruption ist doch die Einmischung des Staats in die Selbstregulierung des Marktes durch gesetzliche Bestimmungen”
Inhalt
Der altgediente CIA-Agent Bob Barnes sieht nach einer langen und ehrenvollen Karriere seinem baldigen Ruhestand entgegen. Sein Sohn geht demnächst aufs College, und Bob hofft, den Rest seines Arbeitslebens gemütlich hinter einem Schreibtisch zu verbringen. Als engagiertes Mitglied seines Teams glaubt Bob nach wie vor fest daran, dass er mit seiner Tätigkeit dem Staat dient und somit die Sicherheit seiner Heimat gewährleistet. Bei Bobs letztem Auftrag, der Ermordung zweier Waffenhändler in Teheran, gerät eine Stinger-Rakete in die Hände eines geheimnisvollen blauäugigen Ägypters. Bei Bobs Rückkehr nach Washington verspricht man ihm eine Beförderung, wenn er einen letzten Undercover-Auftrag ausführt: Er soll Prinz Nasir ermorden. Doch dann lässt ihn einer seiner Gewährsleute vor Ort im Stich, und das Attentat erweist sich als schrecklicher Fehlschlag – Bob steht als Sündenbock am Pranger der CIA: Er wird von jener Organisation verraten, der er sein Leben gewidmet hat. Er versucht zu begreifen, was passiert ist. Und er merkt, dass man ihn belogen und als Schachfigur hin- und hergeschoben hat: Seit Jahren hat er blindlings Aufträge ausgeführt, ohne die wahren Motive zu kennen.
Kurzkommentar
„Traffic“-Autor Stephen Gaghan gelingt ein unterhaltsamer, griffiger Politthriller, ohne jedoch das Thema – die Verstrickung und Verhaspelung der Welt im Kampf um Erdöl – so recht zu durchdringen. Komplexe Zusammenhänge sollen die Figuren ebenso erschlagen wie den Zuschauer, aber ob man der Realität damit besonders nahe kommt, bleibt fraglich. Schlussendlich bleibt der Eindruck, dass der Film offenbar noch nicht mal stark genug ist, das öffentliche Interesse von den angefutterten Kilos George Clooneys abzulenken.
Kritik
Die „Repolitisierung“ des Hollywood-Kinos ist derzeit ein großes Thema in der Kinowelt. Von simpler Feststellung bis zu flammender Unterstützung reicht die Palette an Reaktionen zu Filmen wie „Jarhead“, „München“, „Der ewige Gärtner“, „Good Night and Good Luck“, „Syriana“ & Co. Hinzu kommt die Welle der vermeintlich politisch engagierten Dokumentararbeiten, die vor allem Michael Moore mit „Bowling for Columbine“ revitalisiert hat. Zuletzt im Gespräch war hier etwa „Why We Fight“ von Eugene Jarecki über die schleichende „Militarisierung“ des amerikanischen Geistes. Deutlich wird mit diesen Filmen vor allem, dass sich die Nachwirkungen des 11. Septembers 2001 erst jetzt auch im populären Kino zu manifestieren scheinen und bis zur ersten, direkten Auseinandersetzung mit den Anschlägen ist es auch nicht mehr weit: Oliver Stones „World Trade Center“ steht für Herbst 2006 in den Startlöchern.

Die Herangehensweisen des Hollywood-Kinos an den Komplex von Themen zwischen Globalisierung, „Kampf der Kulturen“ und Terrorismus sind vielfältiger als man vielleicht erwartet hat, denn neben den emphatischen Annäherungen eines Steven Spielberg gibt es eben auch die Filme, die die Komplexität der Zusammenhänge, Interessen und Personen möglichst unvoreingenommen auf den Zuschauer übertragen wollen. So etwa Stephen Gaghans „Syriana“, ein dichter Politthriller über den weltumspannenden Kampf ums Öl. Gaghan, der schon im Falle der TV-Serie „Traffik“ und der anschließenden Hollywood-Adaption durch Steven Soderbergh auf den erschlagenden Charakter multipler Handlungsstränge gesetzt hat, gibt sich nun endgültig entfesselt: „Syriana“ strotzt nur so vor Plotindizien, verschlungenen Geschichten und zurückhaltenden Andeutungen. Ein stakkatoartiges Gewitter aus zweiminütigen Szenen, konzentrierten Dialogen, bekannten Gesichtern, aber unbekannten Figuren. Das Konvolut der Interessen, Personen, Gruppierungen, Firmen, Staaten, soll dem Zuschauer ebenso undurchschaubar erscheinen wie den Figuren. Die Komplexität der Welt soll durch die Komplexität der Handlungsstränge abgebildet werden und die Schematisierung der Figuren durch moralische Uneindeutigkeiten verwässert.

Man könnte sagen, dass dieser Aspekt blendend funktioniert, zumal Gaghan ja dann doch schlau genug ist, kleine Zusammenhänge nach und nach aufzulösen, um den Zuschauer bei der Stange zu halten und er die Prominenz seiner Besetzung intelligent einsetzt, um ihm wenigstens ein Mindestmaß an Übersicht zu garantieren. Man könnte aber auch sagen, dass er Vielschichtigkeit mit Komplexität verwechselt. Denn vielschichtig, das ist „Syriana“ nun gerade nicht. Hinter den Figuren blitzt viel zu selten Vergangenheit auf und Gaghan versäumt es, die Motivation der Personen und Gruppen in einen historischen Kontext zu stellen: wie kommt es, dass Prinz Nasir ein nahezu bilderbuchartiges Interesse an Demokratie und Frauenwahlrecht hat und sein jüngerer Bruder gerade nicht? Ist die Entscheidung seines Vaters, ihn schließlich doch nicht zum Emir zu machen, vielleicht auch persönlich motiviert? Erschlägt in Gaghans Welt das Politische ganz einfach das Private? Man hat das Gefühl, dass Gaghan diese Fragen nur allzu bewusst ignoriert.

So ist „Syriana“ immer dann am stärksten, wenn er sich auf seine (durchweg charismatischen) Figuren einlässt, wenn er mehr will als nur die Überwältigung mittels eines komplexen Plots. Auffällig sind z.B. die zahlreichen Vater/Sohn-Verhältnisse, die der Film andeutet und die kurzzeitig spürbar machen, dass Handlungsentscheidungen eben nicht nur von internationalen Interessen abhängen: der Verlust seines Sohnes führt Matt Damons Bryan Woodman an den Scheidepunkt zwischen Beruflichem und Privatem, Saleem Ahmed Khan bekommt beim Spielen auf apokalyptischen Wüstenfeldern kaum mit, dass sich sein Sohn soeben auf den Weg in den Tod gemacht hat, Anwalt Bennett Holiday verachtet seinen alkoholabhängigen Vater und CIA-Veteran Bob Barnes muss sich von seinem Sohn als „professioneller Lügner“ beschimpfen lassen. Wenn Gaghan auf einen Subtext Wert gelegt hat, dann darauf, dass der Kampf ums Öl nicht nur eine ökonomische Dimension hat, sondern auch eine private: die Zerstörung der Familie.

Es stellt sich dennoch die Frage, ob „Syriana“ mit seiner zweistündigen Verflechtung unauflösbarer Zusammenhänge die richtige Form für das erklärte Ziel der Filmemacher gefunden hat, Diskussionen zu stimulieren und ob die Kinogänger nicht anschließend mehr damit beschäftigt sind, das Wie zu analysieren anstelle des Warum. D.h. nicht, dass „Syriana“ nicht spannend und kompetent gemacht wäre, zudem in seiner Uneitelkeit ziemlich sympathisch; auf Weiteres von Gaghan darf man auf jeden Fall gespannt sein. Man hat nur das dumpfe Gefühl, dass Roger Ebert den Film tatsächlich in einem Satz erfasst hat: „Its interlocking stories come down to one thing: There is less oil than the world requires, and that will make some people rich and others dead.“

Uneitler, durchaus spannender Politthriller, trotz seinem Bemühen um Komplexität aber letztlich allzu vereinfachend


Thomas Schlömer