Rohtenburg

Deutschland, 90min
R:Martin Weisz
B:TS Faull
D:Thomas Kretschmann,
Keri Russell,
Thomas Huber,
Nikolai Kinski,
Axel Wedekind
L:IMDb
„I am your flesh”
Inhalt
Für den Abschluss ihres Studiums hat sich die Amerikanerin Katie Armstrong (Keri Russel) ein bizarres Thema ausgesucht: Sie will eine Blick hinter die Schlagzeilen werfen und herausfinden, was Oliver Hartwin (Thomas Kretschmann) zu einem der notorischsten Mörder in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland machte. Der Kannibale lernt sein freiwilliges Opfer Simon Grombeck (Thomas Huber) über das Internet kennen. Schließlich stößt die Studentin auf ein Video, welches die letztes Stunden im Leben des Simon Grombek festhält.
Kurzkommentar
Das Spielfilmdebüt des US-Amerikaners Martin Weisz erweist sich über weite Strecken als holprige Inszenierung, die dennoch aufgrund der körnig-schmutzigen Optik und der intensiv spielenden Darsteller einen zeitlosen Charakter aufweist. Blutgierige Sensationsstierer werden zudem angenehm enttäuscht.
Kritik
Kannibale kocht vor Wut! Armin Meiwes, der echte A…, dessen Tat 2004 nicht nur in Deutschland für Aufsehen und Schrecken sorgte, macht sich um seinen guten Ruf Sorgen. Er hatte der Hamburger Firma Stampfwerk die Rechte für einen Dokumentarfilm überlassen, was nun aber seitens Atlantic Streamline und Produzent Marco Weber in die deutschen Kinos kommt, ist ein astreiner Spielfilm. Und eben jener, folgt man der Argumentation des Küchenchefs, verletze seine persönliche Würde – er fühlt sich unverstanden und falsch portraitiert, eine einstweilige Verfügung ist nun der erste Schritt, ob auch gegen Senator Film Verleih rechtliche Schritte eingeleitet werden sollen, bleibt bisher offen.

Wie so viele andere Kinofilme in der letzten Zeit auch, gibt sich das Spielfilmdebüt des in Berlin geborenen Regisseurs Martin Weisz, „inspired by true events“. Eben ganz nach dem Motto „Das Leben erzählt eben doch die besten Geschichten“ verfolgt der Videoclip-Spezialist das grausige Geschehen auf zwei Ebenen, welche er zu guter Letzt zusammen führt: Der Zuseher erlebt die amerikanische Studentin, welche sich auf Spurensuche in einem Deutschland begibt, das kein Tourismusverband gern sähe. Weisz zeigt Deutschland in düsteren braun-grauen Tönen und erreicht dabei eine seltsame mentalitätsmischende Wirkung. Optisch zitiert Weisz ein Deutschland der 1950er-Jahre, ohne ihm den VW/Italien-Urlaub-Aufschwungsflair zu gönnen. Viel mehr mischen sich Hartz IV - Verliererschicksale der heutigen Zeit in diese Welt. Der Regisseur nähert sich dem Tabuthema des Kannibalismus auf leisen Sohlen, dann aber oft mit abstoßender Grob- und Rohheit. Das große Plus von Rothenburg ist, dass der Film sich (fast) erfolgreich gegen marktschreierische Revolverblattpsychologie stemmt. Der Kannibale ist hier nicht nur Monster. Der Kannibale ist auch trauernder Sohn und naiver Liebhaber. Das Klischee umgeht Weisz freilich nicht. Auch hier sind Rockmusik und Horrorvideos sowie dubiose Internetseiten und dominante Mutterfigur im Spiel, wenn es darum geht, zu zeigen, warum ein junger Mann diese Taten überhaupt durchführen konnte. Seitens PR wird noch eins draufgesetzt: Angeblich treiben sich in Deutschland alleine ca. 600 Kannibalen herum. Wo diese Zahlen erhoben wurden, wird leider nicht klar, aber: Ihr Nachbar, der Nette, ja, eben der, der könnte auch einer sein!

Der Ton der amerikanischen Produktion ist Englisch, was oftmals dazu führt, dass auch "Deutsche" in Rothenburg untereinander (völlig irreal) akzentgeplagtes Englisch sprechen; unfreiwilliges Schmunzeln ist die Folge. Weiterhin ist zu erwarten, dass der Film an manchen Stellen noch umgeschnitten werden wird – Charaktere des Films sollen eine andere Gewichtung bekommen; man sagte uns ganz eilig: „Die Ekelszenen bleiben alle. Keine Sorge.“

Rohtenburg hat sein wichtigstes Ziel erreicht – eine lüsterne Ausbeutung des Kannibalenmords stellt dieser Film nicht dar; inszenatorische Schwächen jedoch drängen sich unangenehm auf.


Rudolf Inderst