Sommer vorm Balkon

Deutschland, 107min
R:Andreas Dresen
B:Wolfgang Kohlhaase
D:Inka Friedrich,
Nadja Uhl,
Andreas Schmidt,
Stephanie Schönfeld,
Christel Peters
L:IMDb
„Sieh dir die Nacht an. Es wird heute gar nicht dunkel. – Nein, es wird schon wieder hell.”
Inhalt
Ein Sommer in Berlin. In einem alten Mietshaus wohnen die Freundinnen Katrin (Inka Friedrich) und Nike (Nadja Uhl). Nike hat einen Balkon, Katrin hat einen Sohn, Ronald fährt einen Truck, Tina ist Kellnerin, Oskar und Helene sind alt und allein. Ob mitten im Leben oder fast am Ende, sie alle fragen sich das Gleiche: Dauert die Liebe über die Jahreszeiten? Oder ist sie nur ein Botenstoff im Hirn, der kommt und geht? Es wird gelebt und geliebt, und es ist immer noch Sommer in Berlin. Mit präzisem Blick und großer Liebe zu den Figuren hat Regisseur Andreas Dresen die Geschichte von zwei Freundinnen verfilmt. Zwischen Himmel und Erde sitzen sie auf dem Balkon und blicken auf das bunte, schwierige Dasein, in dem die richtigen Männer oft die falschen sind und in dem man besser durchkommt, wenn man nicht nur schön ist, sondern auch stark.
Kurzkommentar
Es gibt eine Einstellung in Andreas Dresens „Sommer vorm Balkon“, die ein in schweren Gliedern angekettetes, zierliches Dreirad in einem Berliner Hinterhof zeigt. Ein exemplarisches Bild für einen Film, der von erbarmungslosen Umständen auf heitere Art erzählen möchte, dabei aber unentschlossen bleibt, ob er es nun märchenhaft verdichten oder realistisch verankern möchte. Mich hat das ziemlich irritiert.
Kritik
Als im Februar 2004 die neu gegründete Deutsche Filmakademie ein Symposium unter dem Titel „Was ich am deutschen Film hasse“ veranstaltete, zählte Tom Tykwer mehrere deutsche Filmschaffende auf, die in ihrer Gesamtheit die resolute Antwort auf den provozierenden Titel darstellen sollten. Tykwer verwies damit auf das eben doch existierende Profil des deutschen Kinos. Auch Andreas Dresen taucht in dieser Aufzählung auf: von Tykwer mit dem Begriff „Demut“ belegt.

Dresen selbst würde dieser „Charakterisierung“ vermutlich nicht widersprechen, allerdings darf bezweifelt werden, ob Tykwer und Dresen den Begriff im gleichen Sinne gebrauchen. Tykwer mag in Dresen vor allem Bescheidenheit und Fürsorglichkeit, vielleicht sogar Askese sehen, Dresen verwendet den Begriff hingegen eher im Sinne einer Gläubigkeit: „Aber ich denke schon, wenn man in der Kunst arbeitet, muss man an bestimmten Punkten gläubig sein, sonst geht es nicht. Und wenn es nur der Gedanke ist, dass es Dinge gibt in der Kunst, beim Filmemachen, die man sich nicht erklären kann. Es entstehen Dinge, die nicht aus einem selber kommen und wo man selbst nur noch Medium ist. Das hat auch mit Demut zu tun: Sich selber an bestimmten Punkten zum Medium zu machen.“ (Revolver, Heft 13)

Wie kaum ein anderer, deutscher Filmemacher sieht Dresen seine Aufgabe als Regisseur also auch darin, Mittler zu sein. Nicht zwischen einer höheren Macht und dem Zuschauer, auch nicht zwischen dem Künstler und dem Betrachter, schon eher zwischen dem Betrachter und dem Leben. Und zwischen Betrachter 1 und Betrachter 2. Dresen sucht die Poesie in alltäglichen Details, die Wahrhaftigkeit zusammengerollter Wurstscheiben und Akkordeon-spielender Großmütter sowie die Solidarität zwischen Menschen, die das selbe Abenteuer bestehen müssen. So wie sich die Sorglosigkeit und zunächst unnachgiebige Fröhlichkeit von Nike und die Niedergeschlagenheit von Katrin ergänzen und ausbalancieren, so glaubt Dresen unbeirrbar an die Notwendigkeit des gegenseitigen Festhaltens und sich daraus entwickelnde Schönheit. Dresen ist soziologisch wie sozialistisch interessiert und nicht umsonst charakterisiert Nadja Uhl die Dreharbeiten zu „Sommer vorm Balkon“ als „gelebten Set-Kommunismus“.

Was an „Sommer vorm Balkon“ – bei allen Qualitäten, die er zweifellos hat – nun etwas irritierend anmutet, ist der überanstrengend wirkende Versuch, mit Leichtigkeit vom Elend zu erzählen. Da sind zwei Frauen, die versuchen, sich so durch den Sommer zu schlagen. Der Sommer, sonst immer Symbol für Blütezeit, Sorglosigkeit, Wärme, Glück, wird hier untergraben und als trügerisch markiert, steigert noch die mögliche Fallhöhe. Der Balkon ist Projektionsfläche und Wunschtraum gleichzeitig – er gibt Katrin und Nike (die Siegesgöttin) kurzzeitig das Gefühl über den Dingen zu stehen, obwohl sie ja eigentlich mitten im Leben sind. Dazu passt ihr Spielchen mit dem schüchternen Apotheker von gegenüber, ein genau genommen sadistischer, fieser Einfall; nicht mehr als ein kurzer Anflug von kindischer Macht und nicht verschieden von etlichen Jungenstreichen, bei denen kleinere, unwissende Zeitgenossen gehänselt und billig ausgespielt werden.

Doch das Hakenschlagen des Lebens wird noch wesentlich stärker: Nike muss erkennen, dass sie ihr Potenzial nicht ausschöpft, dass das soziale Engagement, das ihr Beruf ihr vorgaukelt, nur die eine Seite der Medaille ist und sich ihre vermeintlich innige Freundschaft zu Katrin zumindest teilweise vormacht – eine Zweckgemeinschaft, nicht zuletzt dadurch bedingt, dass man übereinander wohnt. Katrin durchlebt derweil die volle dramatische Bandbreite: permanente Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Vergewaltigungsversuche, Selbstmordgedanken, Therapie. Ihr Sohn, zunächst der starke, unterstützende Rückhalt der kleinen Familie, wird selbst entzaubert als er die erste Lektion seines (Liebes-)lebens lernt. All das auffedern soll Berliner Schnauze, feine Ironie und nicht zuletzt die heitere Musik Pascal Comelades. Irgendetwas passt da nicht.

Natürlich sind Kohlhaase und Dresen zu klug, um ihre Figuren für den einfachen, parodistischen Witz zu missbrauchen, was sich vor allem in Ronald, der als ironische Replik auf den (nicht ganz) stereotypen Macho angelegt ist, mit der Zeit offenbart: er ist jemand, der eigentlich ein Flüchtender ist, einer ohne Zuhause. Er hat zehn Frauen und mehrere Kinder, wohnt aber nirgendwo. Passend dazu sein Beruf des Fernfahrers, den er nicht etwa innehält, weil sich nie originelleres angeboten hat (er ist gelernter Agrartechniker), sondern weil er so immer flüchten kann – vor Verantwortung, Festigung, Stabilität. Im Reigen von „Sommer vorm Balkon“ ist er vielleicht die traurigste Figur, zumal er in dem Moment, indem er zum ersten Mal seine Seele preisgibt, von Nike vor die Tür gesetzt wird.

Dresen selbst weiß um die Bitterkeit dieser Figuren und natürlich auch um die des Lebens, äußerlich gibt sich sein Film jedoch grundoptimistisch: seien es deutsche Schlager, die fröhlich hüpfende, von gelben Tupfern durchsetzte Typographie oder das unerschütterliche Lächeln Nikes. Dresen und Kohlhaase blicken mit einem Lächeln auf die zahlreichen, schmerzlichen Rückschläge des Lebens. Das mag manch einer als lebensbejahend und ermutigend empfinden, als Feel-Good-Movie, nicht selten wirkt es jedoch wie blanker Zweckoptimismus, wie ein gequältes, achselzuckendes, auch schon resignierendes Lächeln mit Hang zum Fatalismus. Gute Miene zu bösem Spiel.

„Die Frauen sind Freundinnen, aber vielleicht ist das auch nur eine Zweckgemeinschaft, weil beide allein sind, keinen Kerl haben. Und dann kommt so ein komischer Typ von LKW-Fahrer an, dann ist da so eine halbe Liebesgeschichte, die schief geht – und am Schluss sitzen beide Frauen wieder auf dem Balkon. So.“ Derartig klingt das dann bei Andreas Dresen. Natürlich liegt in dieser Ambivalenz, in dieser Verweigerung vor dem klassischen kathartischen Effekt auch die größte Stärke des Films. „So ist das Leben. – Aber wirklich.“ sind denn auch die letzten Sätze des Films. Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass Dresen nicht wirklich ausgelassen sein kann, die Brutalitäten des Lebens nicht so einfach wegwischen kann wie seine Figuren. Im Kern überwiegt vielleicht doch (seine) Zerbrechlichkeit.

Heitere bis bittere Komödie, die von der Überwindung der Widrigkeiten des Lebens mittels Solidarität und Freundschaft erzählen möchte, seinen inhärenten Zweckoptimismus aber zu stark zu verschleiern versucht


Thomas Schlömer