Poseidon

USA, 99min
R:Wolfgang Petersen, Shinji Aramaki
B:Paul Gallico, Paul Attanasio, Akiva Goldsman
D:Kurt Russell,
Josh Lucas,
Jacinda Barrett,
Richard Dreyfuss,
Jimmy Bennett
L:IMDb
„Du warst gut”
Inhalt
Silvesterabend mitten im Nordatlantik: Auf dem Kreuzfahrtschiff Poseidon wird ausgelassen gefeiert. Als jedoch der Erste Offizier auf der Brücke merkt, dass etwas nicht stimmt, ist es bereits zu spät. Eine Riesenwelle, eine über 50 Meter hohe Wasserwand, rast mit unheimlicher Geschwindigkeit auf den trägen Ozeanriesen zu. Vergeblich versucht man, das Steuer herumzureißen, doch die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Eine kleine Gruppe von Überlebenden macht sich auf den gefährlichen Weg aus dem Schiff.
Kurzkommentar
Wolfgang Petersen ist wieder in seinem (nassen) Lieblingselement. Erneut beschäftigt sich der deutsche Exportschlager mit Katastrophen auf/im/unter Wasser und lässt einem digitalen Luxusliner die Luft aus dem Bug. Allerdings erweist sich, abgesehen von den kraftvollen Effekten und obgleich eines Staraufgebots (Kurt Russel, Richard Dreyfuss und Josh Lucas), die Geschichte als reichlich kurzatmig, so dass die Vermutung schnell zur traurigen Gewissheit wird: Der Katastrophenfilm ist und bleibt tot.
Kritik
In der Studiolandschaft Hollywoods ist der Deutsche Wolfgang Petersen ein beliebter Regisseur, denn es heißt, wie auch im Falle Roland Emmerichs, dass beide mit ihrem Budget sehr gut umgehen könnten und niemals in eine etwaige Dollarüberziehungsfalle tappten. Da klingt es nur konsequent, wenn man Petersen, der Regisseur, von dessen brillanten und ultimativen U-Boot Streifen „Das Boot“ noch heute die Besucherfahrten durch die Bavaria Filmstudios in München leben, mit der Aufgabe betraut, für 160 Millionen Dollar ein Poseidon-Remake zu stemmen.

Doch leider scheint die Zeit der großen Katastrophenfilme unwiederbringlich vorbei zu sein – Erinnerungen zurück an die 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die dominiert wurden von dyschronischen Zukunftsentwürfen wie „Logan’s Run“, „The Omega Man“ oder „Soylent Green“ und fulminanten Katastrophenorgien wie etwa „Towering Inferno“ oder eben „Poseidon“ (1972) steigen aus dem Nebel der prä-9/11-Vergangenheit empor. Vielleicht hatte man sich von Studioseite erhofft, dass Petersen das gleiche vollbringt wie Scott mit seinem „Gladiator“, denn um den Sandalenfilm an sich stand es ähnlich düster. Doch offenbart sich sehr schnell der entscheidende Unterschied zwischen diesen beiden Produktionen: The moviegoer cares. „Gladiator“ rührt, während „Poseidon“ nur zur Kenntnis nehmen lässt. Um einen Wahlkampfslogan der US-Demokraten aus dem Jahre 1992 zu missbrauchen: „It’s the characters, stupid!“ Den Zuseher interessiert es schlichtweg nicht, ob es den blassen (im doppelten Sinne) Filmgestalten gelingen wird, aus dem Stahlsarg der Nässe zu entkommen.

Die Schifffahrt des Grauens, die am Startwochenende nur 22 Millionen Dollar in den USA einspielte, bietet ein heftiges Effektfeuerwerk; der Einschlag der Welle ist in technisch-optischer Hinsicht ein Genuss; man ertappt sich des Öfteren, Spaß dabei zu haben, wie die kleinen CGI-Figuren blessurenvoll-verrenkt in die Tiefe stürzen und dabei duzende Male mit ihren Gliedmaßen an hervorstehenden Metallkonstruktionen dumpf aufschlagen und abprallen. Später zaubert die KNB-Effektschmiede verkohlte Körper und eindrucksvolle Wasserleichen aus dem Schrank. Angesichts der vielen digitalen Urlaubsbilder und –videos von der asiatischen Flutkatastrophe 2004, auf denen beileibe zu gut zu erkennen war, wie Menschen von höchster Angst und Panik ergriffen um ihr Leben kämpfen, bleibt aber irgendwie ein schaler Nachgeschmack zurück.

Bemerkenswerterweise hat sich wenig im Vergleich zu den 1970er-Jahren geändert, wenn man ein Auge auf die Gruppensoziologie wirft: Zusammenfassend gefragt: Wer führt? Wer entscheidet, was die Gruppe tun soll? Natürlich – der weiße Mann. Er ist es, der handelt; er ist es, der wagemutig rettet und er ist es, der sich (für die Kernfamilie in spe) opfert. Der Rest bleibt dabei sprichwörtlich im Regen stehen. Die Geschichte, die von der Bestrafung der menschlichen (Technik-)hybris aber auch vom Loblieb auf Aktionismus und Individualismus handelt, bietet inhaltliche Magerkost (Der Kapitän: „Riesenwellen können tödlich sein!“) und lässt schmerzlich auf den nächsten Katastrophenfilm warten. Oliver Stone wagt sich an 9/11. Schiff ahoi.

Ein verwässertes Drehbuch schlägt keine Wellen. Unstimmiges Katastrophenszenario voller Pathos und Kitsch.


Rudolf Inderst