Enfant, L'

Frankreich / Belgien, 95min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
B:Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
D:Jérémie Renier,
Déborah François,
Jérémie Segard,
Olivier Gourmet,
Fabrizio Rongione
L:IMDb
„Machen wir eben ein Neues”
Inhalt
Der 20-jährige Bruno (Jérémie Renier) hält sich mit kleinen Gaunereien über Wasser. Er ist ein junger Mann ohne Sinn für Verantwortung, immer auf der Suche nach dem nächsten geldbringenden Deal. Eines Tages wird er von seiner Freundin Sonia (Déborah François) mit seinem neugeborenen Sohn Jimmy konfrontiert. Es dauert nicht lang, bis Bruno auch ihn verkauft, für 5000 Euro an eine Drückerbande. Als er Sonia davon erzählt, bricht diese zusammen. Erst jetzt dämmert Bruno die Abscheulichkeit seiner Tat. Er setzt nun alles daran, Jimmy zurück zu bekommen.
Kurzkommentar
„L'enfant“ ist gewissermaßen Kino des Verzichts. Ohne Rückgriff auf gängige psychologische wie filmische Schemata machen Jean-Pierre und Luc Dardenne auf virtuose Weise das Zurücklassen der Kindheit spürbar. Das gelingt ihnen in einer umwerfenden Intensität. Und doch gibt es ein zentrales Problem: der Film scheint kein Geheimnis zu besitzen.
Kritik
Man könnte „L'enfant“ Negativkino nennen, denn er definiert sich zuallererst darüber, was er nicht ist. Und was er nicht tut: konstruieren, psychologisieren, kritisieren, urteilen. Kein Kino wirkt so selbstverständlich, so klar wie das der Dardennes. Die filmische Homogenität, die „L'enfant“ ausstrahlt, ist jedenfalls umwerfend. Die Kamera, der Schnitt, die Darsteller, das Drehbuch, alles ist unsichtbar, wie direkt aus dem Leben gegriffen. Nichts verrät die filmische Konstruktion. Ihren Anspruch, „Kino ohne Stil“ zu realisieren und „Ethik als Optik“ aufzufassen, haben sie mit „L'enfant“ endgültig perfektioniert.

Konsequent verweigern sie jedwede einfache Deutung, die das Verhalten von Bruno extrinsisch begründen könnte: es gibt Arbeit (eine Hausmeisterstelle), ein akzeptables Sozialsystem (Obdachlosenunterkünfte), umgängliche Mitbürger (Hebamme, Polizist). Auch psychologisch bleiben die Dardennes enthaltsam: Motivation für die Handlungen Brunos scheint allein kindliche Sorglosigkeit, also eigentlich keine. Das Geld, das Bruno für seinen Sohn bekommen kann, ist jedenfalls nicht das Motiv für den Verkauf. Dazu machen die Dardennes zuvor zu sehr klar, dass Bruno mit seinem wackeligen Einkommen wunderbar zurechtkommt, Grundversorgung also nie in Frage steht. Die gerät erst außer Kontrolle als er sich mit den Kinderhändlern einlässt. Und erst ab diesem Zeitpunkt beginnt sein moralisches Bewusstsein zu erwachen.

Selbst wenn man genauer hinsieht, hat man Probleme, in „L'enfant“ mehr zu sehen als eine filmische Askese: die Dardennes erzählen von Menschen, die keine Kindheit hatten und deswegen auch nie erwachsen geworden sind. Brunos Mutter scheint mit ihren eigenen Problemen beschäftigt und nimmt die Nachricht über einen Enkel ebenso achselzuckend entgegen wie Bruno selbst. In die Wohnung gebeten wird er bezeichnenderweise nicht, womit das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn so ziemlich geklärt ist, aber nur kurzzeitig an die Rolle der Pädagogik erinnert wird. Den Hausmeister-Job lehnt Bruno zwar mit dem Kommentar „Nur Wichser gehen arbeiten“ ab, Überzeugung ist diesen Worten aber nicht zu entnehmen. Dann die Frage nach einer Gesellschaft dieser leer stehenden Wohnungen und Garagen, die sich als ideale Umschlagplätze für den Kinderhandel herausstellen. Sprechen die Dardennes über die Mise-en-Scène zu uns? Wohl nicht. Wie alle Elemente des Films soll sie lediglich eine realitätsnahe Glaubwürdigkeit untermauern.

Dann die Virtuosität der Verfolgungsjagd oder der Kindesübergabe: wie die Dardennes hier mit dem Unsichtbaren, mit der Fantasie und mit Geräuschen arbeiten, kann man getrost als die beste Horrorsequenz des Jahres bezeichnen. Auch hier wirkt „L'enfant“ wie ein Kino des Verzichts: nichts erinnert stilistisch an gängige Verfolgungsjagden und doch entfalten sie die maximale Wirkung.

Diese Versiertheit der Dardennes ist atemberaubend, destilliert aber vielleicht endgültig das einzige, schwerwiegende Problem des Films: er besitzt kaum Vieldeutigkeiten. Wo das wirkliche Leben undurchsichtig ist und die Wahrheit relativ, erzählen die Dardennes mit einer Klarheit, die irreal anmutet und sich mit dem dokumentarischen Gestus beißt: alles am und im Film soll „wahr“ wirken, echt und authentisch, gemessen an der Realität ist aber genau das die Lüge. Vielleicht soll der Verzicht der Dardennes auf alle erdenklichen Erklärungsmuster dem Zuschauer gerade die Möglichkeit einer vielfältigen Auseinandersetzung erlauben, vielleicht ist die Reduzierung der Psychologisierung aufs „Kind-sein“ aber auch zu wenig, zu eng, zu eindeutig und kaum stimulierend.

Zur Interpretation lädt allein der Titel ein: das Kind muss weder der Säugling noch Bruno sein, auch wenn die Dardennes ihn immer wieder kindliche Momente durchleben lassen: wenn er mit einem Stock im Fluss spielt, wenn er im Matsch tritt, um anschließend Fußabdrücke an der Wand zu hinterlassen usw. Das Kind könnte aber auch der junge Dieb sein, der für Bruno arbeitet und dessen drohender Tod sein wachsendes Verantwortungsgefühl endgültig reifen lässt.

Virtuos inszeniertes Drama über Kind-sein, Liebe und Moral, in seiner Klarheit aber ebenso befreiend wie begrenzend


Thomas Schlömer