Fountain, The

USA, 97min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Darren Aronofsky
B:Darren Aronofsky, Ari Handel
D:Hugh Jackman,
Rachel Weisz,
Alexander Bisping,
Ellen Burstyn,
Sean Gullette
L:IMDb
„Our bodies are prisons for our souls; all flesh decays, death turns all to ash and thus, death frees every soul.”
Inhalt
Drei Zeitalter, ein Mann, eine Mission: Im 16. Jahrhundert versucht der Konquistador Tomas (Hugh Jackman) in einem Maya-Heiligtum im südamerikanischen Dschungel den Quell ewigen Lebens zu finden. Fünfhundert Jahre später arbeitet der Wissenschaftler Tommy Creo verzweifelt an einer neuen Heilmethode für Krebs – vor allem um seine erkrankte Frau Izzi (Rachel Weisz) zu retten. Doch Izzi hat ihre Methode gefunden, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen: Für ihren Mann schreibt sie ein Buch, das von den Abenteuern des Eroberers Tomas erzählt. Aber erst 500 Jahre später in einer fantastischen Reise, die ihn durch Raum und Zeit in die Transzendenz führt, findet Tommy die Antwort auf seine Suche.
Kurzkommentar
„The Fountain“ ist hochgradig ambitioniert, hoffnungslos romantisch und nimmt sich in jeder Sekunde todernst. Das liefert einerseits genügend Anreiz, den technisch brillanten Gefühlsrausch entnervt als prätentiösen, spiritistischen Quatsch abzukanzeln. Wer sich eine gewisse Toleranz gegenüber dem unübersehbaren Abschreckungspotential bewahrt, kann darin andererseits nicht weniger als eine visionäre Offenbarung erkennen.
Kritik
Endlich haben wir wieder einen wie Stanley Kubrick. So ist es jedenfalls einem Teil der Resonanz zu “The Fountain“ entnehmen. Dass Darren Aronofsky alsbald mit dem ein oder anderen filmischen Schwergewicht verglichen werden würde, war abzusehen. Es ist sicherlich auch zu großen Teilen ein Mittel des Phänomens „Hype“, und man sieht ja, wie gut es funktioniert. Abgesehen davon, dass auch Kubrick ein Publikumsspalter war, geschieht der Vergleich allerdings auch nicht grundlos: Aronofskys filmisches Schaffen entwickelt sich hin zu ähnlich unverwechselbarer Eigenständigkeit, folgt der gleichen Auffassung des Films als künstlerischem Werk – ein Verständnis, das keinesfalls durch Zugeständnisse verwässert werden darf. Sein dritter Film ist nun eine fantastisch-spirituelle Erkenntnisreise, die in ihrem thematischen Existentialismus vom Platz des Menschen im Kosmos als geistiger Verwandter dieser anderen Odyssee im Weltraum da durchgehen kann. Auf den ersten Blick ist die größte Gemeinsamkeit wohl aber, dass auch Aronofsky jetzt einen Film gedreht hat, den „erstmal keiner kapiert.“

Nicht weniger als der Wunschtraum vom ewigen Leben sollte es also sein, den der gebürtige New Yorker und Harvard-Absolvent in bewegten Bildern interpretieren wollte. Nun gehört die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit wohl zu den beliebtesten Themen der Menschheitsgeschichte, so dass sich Aronofsky auf dementsprechend vielfältige Weise heranwagen kann. Dass er sich alle Mühe gibt, sich im Ergebnis nicht eindeutig zu erklären, gehört zum provozierend guten Ton des Filmemachers, mehr Fragen zu stellen, als zu beantworten. Aronofsky ist kein reiner Unterhalter und, wenigstens soviel ist sicher, duldet kein passives Publikum. Zwischen An- und Aufgeregtheit soll sich die eigene Lesart herauskristallisieren – „Finish it!“

Die dann etwa so aussehen könnte: Mythos, Wissenschaft und Glaube sind die Quellen, aus denen Aronofsky schöpft und diese Dreiteilung spiegelt sich in den drei Erzählsträngen wieder, die ineinander verwoben werden. Als spanischer Conquistador Tomás begibt sich Hugh Jackman, getrieben von reichlich Bibelmetaphorik, auf sie Suche nach einem sagenhaften Jungbrunnen, um sich in einem Mythos zentralamerikanischer Ureinwohner, der Maya, wiederzufinden. In der rational-säkularen Gegenwart ist es ein medizinischer „Heiliger Gral“, den es zu finden lohnt, nämlich ein Heilmittel gegen Krebs. Was im dritten Teil vielleicht futuristisch anmuten mag, ist angesichts der spirituellen Natur der Materie weniger Science-Fiction und noch eher im fantastischen Genre angesiedelt. Den Eindruck der chronologischen Trennung der Handlungsstränge sollte man jedenfalls unbedingt schnell abschütteln.

[Spoilerwarnung!]
Denn sie sind nicht ohne Grund Versionen von ein- und derselben Geschichte. Einzig die Gegenwartsepisode um den Wissenschaftler und die Autorin ereignet sich „tatsächlich“ (= innerhalb der filmischen Realität), während sich die übrigen Handlungsstränge in der Psyche der Protagonisten abspielen. Ein Beispiel: Von der Reise des Eroberers Tomás erzählt Izzis (Rachel Weisz) Roman, für dessen Vollendung sie noch auf dem Sterbebett sorgen will. Tommy (Jackman, der Wissenschaftler) liest in Izzis Buch und der Schnitt befördert uns von der „Gegenwart“ in die „Vergangenheit“, die eigentlich also das Produkt von Izzis Fantasie ist. Die plötzlichen Übergang in die „Zukunft“ mögen zunächst verwirren, erklären sich aber, wenn Tommy im Krankenhaus aus dem Schlaf hochschreckt und wir uns wieder in der „Gegenwart“ befinden. Die Reise durchs All ist Tommys panischer Fiebertraum von der Rettung Izzis, also nichts Geringeres als sein Unterbewusstsein (!).
[Spoiler Ende]

Der „Reise durchs All“ kommt die schwierigste Aufgabe zu, weil sie mit einem Nichts an Spielhandlung die spirituelle Vorstellung von einem Leben nach dem Tod transportieren soll. Dabei ist sie im Grunde eine reine Visualisierung der emotionalen Zustände der Hauptfigur. Nicht gerade greifbare, leicht bekömmliche Kost. Sofern von der Kritik gängige Science-Fiction-Konventionen angelegt wurden, musste dieser Teil, mit dem blassen, kahlen Hugh Jackman als im Lotussitz meditierendem Geistwesen, entsprechend viel Spott ernten. Im Grunde ist Aronofskys Problem, dass er mit einer derart hochtrabenden Ambition eine ungleich simple Erkenntnis vermitteln will. Nur mit der Einsicht in die Unvermeidlichkeit des Todes ist ein bewusstes Leben möglich. Das fällt als schlussendlicher „Aha!“-Effekt gegenüber all dem dramatischen Pathos so sehr ins Biedere ab, dass man sich nachgerade schämt, es in Worte zu fassen. Aber: Welche Erkenntnis soll da sonst stehen?

Die Bilder, die Aronofsky abliefert, sind bisweilen schlichtweg einzigartig. Weg sind die hektische Paranoia von „Pi“ und die rauschhafte Raserei von „Requiem for a Dream“. Stattdessen fühlt man sich tatsächlich an die klare, geometrische Struktur von Kubricks Bildern erinnert. Eine dezent bewegte Kamera scheint nur rechte Winkel zu kennen und vermittelt eine ausgeprägte Linearität, die dem Blickwinkel des Zuschauers fluchtpunktartig in die Tiefe folgt – ein Sog, der wirkt. Wie Kubrick verlässt sich Aronofsky auf die Aussagekraft seiner surrealistischen Bilder: Die Erzählung erfolgt überwiegend visuell, es gibt kaum erhellende Dialogzeilen zur weiteren Orientierung. Durch die wiederkehrenden Bildkompositionen erhält „The Fountain“ zusätzlich zu den inhaltlichen Parallelen der drei Erzählstränge eine ausgesprochen kunstfertige, visuelle Symmetrie von poetischer Qualität: Zu allen Zeiten jagt der Mensch der gleichen Wunschvorstellung vom ewigen Leben nach, gequält von derselben existentiellen Ungewissheit.

Für die Musik verließ man sich abermals auf die bewährte Zusammenarbeit von Komponist Clint Mansell und dem Kronos Quartet, das bei der Umsetzung von der schottischen Band Mogwai unterstützt wurde. Gemeinsam runden sie ein atmosphärisches Gesamtkunstwerk auf klanglicher Ebene ab.

Als Stanley Kubrick "2001" veröffentlichte, waren die Reaktionen von Publikum und Kritik äußerst verhalten bis gemischt. Zu langatmig erschien vielen Kubricks existentielle Sci-Fi-Meditation. Der Status und Ruf, den sein Film heute genießt, wurde ihm erst nach Jahren zuteil. Es wird also noch eine Weile dauern, bis sich zeigt, ob Darren Aronofsky für seinen Wagemut die gleiche Anerkennung zuteil wird.


Einmal und nie wieder: Inspirierende, beispielhafte Begegnung mit den Möglichkeiten des Kinos.


Reinhard Prosch