Große Stille, Die

Deutschland, 162min
R:Philip Gröning
B:Philip Gröning
L:IMDb
„Sehet, das ist die Stille: Gott in euch selbst ein Wort sprechen lassen, das er ist.”
Inhalt
Ein Film über die „Grande Chartreuse“, das Mutterkloster des legendären Schweigeordens: die Karthäuser. 19 Jahre nach der ersten Begegnung des Regisseurs Philip Gröning mit dem Prior des Klosters ist es der erste Film, der jemals über das Leben hinter den Klostermauern gedreht werden durfte. Eine strenge, fast stumme Meditation über das Klosterleben in seiner reinsten Form. Keine Musik, keine Interviews, keine Kommentare, kein zusätzliches Material. Nur der Lauf der Zeit, der Wechsel der Jahreszeiten und das sich immer wiederholende Element des Tages: das Gebet.
Kurzkommentar
Als minimalistische Kloster-Doku schwimmt "Die Große Stille" derzeit auf einer Begeisterungwelle von Kritik und Publikum. Grundsätzlich ist Philip Grönings Film sicher auch ein Ereignis, vielleicht aber auch von oberflächlich spirituellem Zuschnitt. Die strenge Innerlichkeit der mönchischen Existenz dient vor allem der ästhetischen Sprache des unter dem Strich aber - natürlich auch in seiner Entstehungsgeschichte - faszinierenden Projektes.
Kritik
Knappe drei Stunden Ansichten einer entrückten Parallelwelt, kaum Sprache; stattdessen pures Beobachten monastischer, weltabgewandter Lebensformen. Vor allem Stille und Innerlichkeit bis zur Schmerzgrenze. Erst dann, meint der Regisseur mit nicht unreligiösem Pathos, beginnt man zu sehen, zu hören. Jedes Geräusch wird mit Geist und Ewigkeit aufgeladen, wird wesentlich. So das einer auf einem Steinboden ausschaukelnden Metallschüssel. Und Sehen ganz sicher nicht nur des Sichtbaren, das wohl nur eine Ahnung des Geheimnisses abbilden soll, das die Karthäuser-Meditation umgibt. In einem der "strengsten christlichen Klöster" - und wir stressgebeutelten "Weltleute" machen per Kinokarte den Ort der Innerlichkeit zur Öffentlichkeit. Regisseur Philip Gröning meinte es hingegen ernst, nahm die karthäusische Lebensweise an und die Kamera in die Hand. Nachdem er fast zwei Jahrzehnte auf eine Drehgenehmigung warten musste.

Die selbst erfahrene Rundherum-Entbehrung, Kern von Grönings nicht sensationsfreier Klosterdokumentation, ist auch die Askese des Kinobesuchers. Des Programmkinogängers wohlgemerkt, weitab vom modernen Lärm und der ratternden Schnittfolge der Multiplex-Filme. Hier wächst sich "Die große Stille" mittlerweile zum großen Publikumserfolg aus. Ein Stück weit dreht Philip Grönings Experiment auch die technische und inhaltliche Geschichte des Kinos zurück: Die ätherische Ruhe, sich 160 Minuten Zeit nicht zuletzt deswegen nehmend, weil der Rhythmus des Klosters weder Anfang noch Ende kennt, fordert Sehgewohnheiten und Geduld einiges ab. Sämtliche gängig Erzählmuster werden vor Eintritt nicht nur sprachlich abgelegt, Dramaturgie entsteht nur insofern, als Gröning aus zahllosen Stunden Filmmaterial sicher die "besten" ausgesucht hat. Ein "Highlight" ist zweifellos das Aufnahmeritual zweier Novizen. Eine der wenigen Momente, das auch das Durchbrechen des berühmten Schweigegelübdes zeigt. Ansonsten wirkt die als Ausnahmeprojekt beschaulich kontemplative "Große Stille" auch wie eine konzeptschwache Kollage immerwährenden Betens.

Begrüßenswert wäre es nämlich gewesen, wenn an die Stelle von erbaulicher Beobachtung ein Stück Erklärung und geordnete Szenenabfolge getreten wäre. Es hätte beileibe nicht kritische Erklärung "monastischer Sinnstiftung" sein müssen, auch keine "klassische Dokumentation". Nur wäre es begrüßenswert gewesen, schlichtweg einmal zu z.B. erfahren, welcher philologischen Arbeit genau die Mönche in ihren kargen Zellen nachgehen, wie der lithurgisch geregelte Tagesablauf eines Klosterbruders aussieht. Was motiviert den Einzelnen zum Eintritt, welche Biographien sehen wir, was führt zur totalen Selbstaufgabe an Gott? Dass Gröning keine Antworten liefert, hat sicher seine ästhetische und inhaltliche Berechtigung. Vielleicht wäre es auch zu profan gewesen. Weniger ist aber nicht ausschließlich mehr. Dennoch eine Zumutung im positiven Sinne, auch in visueller Hinsicht: Gröning versteht das Handwerk suggestiver Bilder.

Schaut man sich "Die große Stille" in einer Münchener Matinée-Vorstellung an, und das ausgerechnet am Sonntag, lassen sich zudem einige Beobachtungen treffen - bemerkenswert ist bei diesem filmischen Versuch nicht nur das Geschehen auf, sondern auch vor der Leinwand: Selbst der geneigte, womöglich nicht nur modisch spirituell gestimmte Kunstkinogänger ringt einerseits mit dem Schlaf, wird dann andererseits aber immer wieder von der Faszination der fremden Welt gebannt. Aber das Entscheidendste: "Die große Stille" erreicht ohne Frage ein Alterssegment des Kinopublikums, das man in einer Ära, in der der durchschnittliche Film für ein immer jünger werdendes Publikum gedreht wird, kaum mehr für denkbar gehalten hätte: das derjenigen jenseits der 50, vielleicht 60. Die Gründe dafür mögen offenkundig sein.

Bildpoetisches Kloster-Dokument mit leichtem Spiritualitätsüberschuss


Flemming Schock