Luna Papa

Deutschland / Österreich, 107min
R:Bakhtyar Khudojnazarov
B:Irakli Kvirikadze
D:Moritz Bleibtreu,
Chulpan Khamatova,
Ato Mukhamedshanov
„Ihr guckt kein Fern, und die Kunst liebt ihr auch nicht. Verbrecher!”
Inhalt
In einem usbekischen Dorf kümmert sich die 17-jährige Mamlakat (Chulpan Khamatova) um Vater Safar (Ato Mukhamedshanov) und Bruder Nasreddin (Moritz Bleibtreu). Der ehemalige Soldat ist durch eine Kriegsverletzung geistig behindert. Als eine Schauspieltruppe in der Nähe gastiert, landet Mamlakat in den Armen eines verführerischen Fremden. Der schwängert sie und verschwindet unerkannt. Um die Familienehre zu retten machen sich Vater, Sohn und Tochter in ihrem klapprigen Auto auf die Suche nach dem Schuldigen. Und auch der Kleine, der in jener Nacht gezeugt wurde, gibt aus dem Bauch der jungen Mutter seine Kommentare ab.
Kurzkommentar
Wer die Grenzen des Gewohnten nur ungern überschreitet, sollte um die erstaunlichen Bilderwelten von "Luna Papa" einen Bogen machen. Die symbolisch-lebhafte und visuell bezaubernde Reise durch ein Traumland kränkelt zwar etwas an durchlöcherter Narration, kann aber überwiegend durch Darsteller und Stilistik melodramatisch bis komisch unterhalten.
Kritik
So in etwa wie der Name des Regisseurs Bakhtiar Khudojnazarov ist "Luna Papa": ungewöhnlich, und mehr sogar: surreal und deswegen befremdlicher Lebendigkeit. Nach "Tuvalu", dem avangardistischen Rückschritt zum formhaften Stummfilmexperiment, scheint die von acht Ländern finanzierte Produktion ähnlich schräge Blüten zu tragen. Nicht nur die Hauptdarstellerin Chulpan Khmatova verbindet beide Filme, denn in beiden Fällen ist die Fantasie bemerkenswert und vor allem durch visionäre Bildentwürfe getragen. Nur hat, im Gegensatz zum mitteilungslos naiv-utopischen "Tuvalu", das unwirkliche Ergebnis diesmal neben der äußeren auch eine innere Gestalt, und zwar eine schräges Miteinander von fantastischen, abenteuerlichen, lächerlich-ridikülen, tragischen, folkloristischen und auch poetischen Momenten.
Das alles weiß Khudojnazarov in einer erfrischend bizarren Verpackung anzubieten, getragen von geradezu überschäumender Erzählfreude, die eigentlich einem nur uninteressanten, aber auch verzichtbaren Hauptplot, nämlich der Suche nach dem "Luna Papa", dem anonymen Vater der Dorfschönheit Mamlakat (Khmatova), folgt. Von Beginn an spielt der surreale durchsetzte Film mit seinem noch traumhafteren Setting, irgendwo im Nirgendo zu verorten, mit den durch konventionelle Narration geprägen Erwartungen des Zuschauers und enttäuscht sie. Man zeigt sich irritiert und sucht einen klar und realistisch ausgeformten Handlungsstrang, doch ihn gibt es nicht. Negativ ist dies "Luna Papa", der sich vielmehr als inkohärenter Zusammenwurf aus wundersamen Momentaufnahmen und ihrer Geschichte entpuppt, eigentlich nicht; es bedarf nur der Gewöhnung.

Zwar folgt Khudojnazarov überwiegend in komischer Linie der Suche nach dem mysteriösen Vater, aber durchzogen und überdeckt ist dieses Leitmotiv von der Vermengung scheinbar glaubwürdig beobachteter Tradition und überzeichneten und unstimmigen Elementen. So ist der Ort, der die gekannte Realität außer Kraft setzt nicht nur auch eine scheinbar außergeschichtliche Gegend, sondern immer noch in Berührung mit neuzeitlichen und postmodernen Ikonen: mit Shakespeare und Tom Cruise. Aber auch das gibt keine Anleitung, im ungeheuren Phantasie- und Kulturclash von "Luna Papa" vertrauten Halt zu bekommen. Systematische hermeneutische Zugänge scheitern, und das wird Khudojnarovs geplant haben, wird er mit seinem schnell erzählten Traum nur ein Märchen aus dem faszinierenden Absurdistan.

Dabei werden die von einem Märchen geforderten Qualitäten, Imaginationskraft in Verbund mit darstellerischer Kraft, vorbildlich eingelöst. Imagination deswegen, weil "Luna Papa" es genau wie "Tuvalu" trotz natürlich geringem Budget schafft, Bilder von teils betörender Schönheit zu beschwören. Diese ist befremdlich, aber kraftvoll, läd zu längerem Verweilen ein und bildet in leuchtenden Farben schillernde und seelenruhige Momente ab, die in Erinnerung bleiben. Hinzu kommt, dass die wild kolorierten, metaphorischen Bilder von guten Darstellerleistungen geschmückt werden. Moritz Bleibtreu ist die Rolle des herzensguten Dorftrottel wie auf den Leib geschrieben und Chulpan Khmatova, deren Talent in "Tuvalu" entdeckt wurde, dort aber schweigen musste, dürfte nach dieser Glanzrolle für den europäischen Film immer interessanter werden. Sie spielt in Gesten und einer Eingebung, die sich in die eigenwillige Hülle des Films sagenhaft einfügen und mysteriös schön sind. Abgesehen vom hochgehaltenen Familienethos hat "Luna Papa" keine Moral und auch keine große Geschichte, aber die Zusammensetzung wild ersonnener Beobachtungen eines Traums ist zeichenhaft bemerkenswert und ein interessanter Impuls für den Gegenwartsfilm.

Fantastisch Schräges aus Absurdistan


Flemming Schock