Wächter der Nacht
(Nochnoi Dozor)

Russland, 114min
R:Timur Bekmambetov
B:Timur Bekmambetov
D:Konstantin Khabensky,
Vladimir Menshov,
Valery Zolotukhin,
Maria Poroshina,
Galina Tunina
L:IMDb
„For it is easier to kill the Light within oneself, than to scatter the Darkness around”
Inhalt
Im Moskau von heute stehen sich die Hüter des Lichts und die Krieger der Finsternis in ewiger Feindschaft gegenüber. Das Gleichgewicht der Kräfte wird garantiert durch die Vereinbarungen eines jahrhundertealten Waffenstillstands zwischen den rivalisierenden Seiten, der täglich erneut auf die Probe gestellt wird. Auf der Seite des Lichts stehen die Wächter der Nacht, eine Gruppe von übersinnlich begabten Anderen, die in der Nacht die Menschen vor der andauernden Bedrohung durch die Dunklen Anderen beschützen – Vampire, Hexen, Formwandler und Meister der schwarzen Magie. Die Wächter der Nacht achten darauf, dass der Waffenstillstand eingehalten wird - ebenso wie ihre Widersacher, die als Wächter des Tages von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang ihre Gegner in Schach halten. Doch eine uralte Prophezeiung besagt, dass eines Tages ein Anderer kommen wird, mächtiger als alle Anderen zuvor, der den Kampf zwischen Licht und Finsternis für eine Seite entscheiden kann. Würde er von der dunklen Seite verführt werden, würde er die Welt in einen neu aufflammenden Krieg zwischen Dunkelheit und Licht stürzen, dessen Auswirkungen katastrophal wären. Und es mehren sich die Anzeichen, dass dieser Tag kurz bevorsteht.
Kurzkommentar
Mit den großen Filmerfolgen der letzten Zeit hat die Filmform Trilogie als feste Größe Schule gemacht – Sequels werden nicht mehr nachträglich erdacht, sondern sind von vornherein eingeplant. Als erste von drei Literaturverfilmungen russischer Erfolgsromane um eine epochale Entscheidungsschlacht setzt „Wächter der Nacht“ nach dem Vorbild des „Herrn der Ringe“ mit großem Anlauf zum großen internationalen Sprung an. Qualitativ kommt die Inszenierung dieses ersten Teils nicht über den Unterhaltungswert thematisch verwandter Streifen wie „Spawn“ oder „Constantine“ hinaus, die mit einem ähnlich unausgewogenen Verhältnis von Spezialeffekten und narrativen Elementen zu kämpfen haben.
Kritik
Nicht nur der Begriff „Blockbuster“ ist sprachlich gesehen amerikanischen Ursprungs, bislang sind dies auch die Filme, die man gemeinhin ob ihres großen Erfolges als solche bezeichnet. Die großen kommerziellen Publikumshits kommen nach wie vor überwiegend aus den Vereinigten Staaten. „Wächter der Nacht – Nochnoi dozor“ wird nun, nachdem er im heimischen Russland abräumte, als internationale Wiederbelebung des russischen Erfolgsfilms vermarktet. Dabei profitiert er von denkbar günstigen Rahmenbedingungen: Es handelt sich um die Verfilmung einer äußerst populären Romanreihe, ist damit von vornherein als Trilogie angesetzt – ein derzeit sehr verbreitetes Phänomen – und behandelt mit seiner apokalyptischen Thematik einen Stoff, der Hochkonjunktur hat.

Man kommt nicht umhin, die groß angelegten Breitwandtrilogien mit ähnlich epochaler Veranlagung zu Rate zu ziehen. Das schematische Schwarz-Weiss von Gut gegen Böse funktioniert auch dank seiner klaren Absolutheit als Publikumsmagnet immer noch am besten, das war so bei „Star Wars“, seien es die neuen oder die alten Filme, ebenso wie jüngst beim Herrn der Ringe und in der Matrix. Nicht nur in thematischer Hinsicht stehen diese drei Pate, auch eine stilistische Nähe ist nicht von der Hand zu weisen. Es ist diese Liga, in der Wächter der Nacht spielen will, nicht aber ohne gleichzeitig seine Andersartigkeit mit aller Gewalt zu demonstrieren.

Eine unverwechselbare Note zu finden erweist sich jedoch als schwierig, wenn man eine Handschrift benutzen muss, die massenkompatibel und erfolgsorientiert bleiben soll. Freimütig gibt Regisseur Tibur Bekmambetov im Interview zu, dass er seinen Film als Begegnung von amerikanischer Bildsprache und russischer Erzählkultur begreift. Bei der Umsetzung greift er von Beginn an in den Bauchladen des Musik- und Werbefernsehens, in dem er sein Handwerk erlernte: Zeitlupe, Zeitraffer, rasanter, bisweilen hektisch-epileptischer Schnitt und ein aufwändiger „zoom-out“ in die Totale prägen die biblische Schlacht der Armeen des Lichts und der Dunkelheit zum Auftakt. Ohne Massenszene kommt spätestens seit dem „Herrn der Ringe“ kein Epos mehr aus, aber Bekmambetov zollt damit auch den Konventionen des Subgenres Weltuntergangsthriller Tribut. Die Apokalypse muss nicht nur zeitlich allumfassend als jahrtausende schwelender Konflikt in Szene gesetzt werden, sie muss auch etwas Mittelalterlich-Schmutziges haben und mit groben Waffen gefochten werden. Da braucht es Ziegenschädel, Rüstungen, Bannerträger, Lanzen und Streitäxte.

Um dem Töten Einhalt zu gebieten, einigen sich Gesser, der General des Lichts und Zawulon, der Heerführer der Finsternis, auf einen Waffenstillstand. Dieser soll nach dem Willen der beiden Parteien durch ein akribisches System von Kontrolle und Gegenkontrolle gesichert werden. So genannte „Andere“ sollen über seine Einhaltung wachen, Menschen mit besonderen Fähigkeiten, seien es Formwandler, Hexen, Vampire oder Menschen mit dem zweiten Gesicht – sie sind zu beiden Seiten gerecht verteilt. Und doch ist der Frieden von Anfang an zum Scheitern verurteilt, denn es geht die Legende von einem Auserwählten, welcher das Kräftegleichgewicht durch seine Entscheidung für eine der beiden Seiten stören und die Schlacht ein für allemal schlagen wird. Durch die Gewissheit dieses Glaubens wird die Legende zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Einen Schnitt später sind wir in der Neuzeit angekommen und die Kamera fokussiert einen Fingerdruck auf den Klingelknopf, um anschließend dem Schrillen durch das Mauerwerk hindurch zu folgen. Ähnliche Fahrten durchs Wohnungsinterieur kennt man aus „Fight Club“; David Finchers düstere Impressionen, die schon für amerikanische Produktionen stilbildend wirkten, dürfen als weitere Referenz gelten.

Die visuelle Adaption von Hollywoods Blockbusterästhetik – schnitttechnisch ist „Wächter der Nacht“ näher dran an Michael Bays Werken als an den genannten Vorbildern – mag unter dem vergleichsweise bescheidenen Produktionsbudget aus qualitativer Sicht nicht so sehr gelitten haben, wie man meinen könnte. Vielmehr stört hingegen der Eindruck, dass die durchaus spektakulären Bilder über die mangelnde Tragfähigkeit der Dramaturgie hinwegtrösten sollen. Aus der simplen und klassischsten aller Ausgangssituationen wird eine unübersichtliche Charakterschau, die den Handlungsfaden mittels zahlreicher Akteure und sphärisch anmutenden Traumsequenzen bzw. Rückblenden zerstückelt. Während der Regisseur die visuellen Möglichkeiten seiner Zwischenwelt abfeiert, verlässt er sich zu sehr darauf, dass das Publikum die hastig aufgestellten Gesetzmäßigkeiten des sich im Verborgenen abspielenden Konflikts nicht zu hinterfragen beginnt.

Die Figur der Jungfrau wird über den Umweg einer byzantinischen Legende nicht nur halbwegs sattelfest – wenngleich willkürlich – eingeführt, ihre Geschichte wird auch in einer sehenswerten Animationssequenz originell visualisiert: Die Zeichnungen Gessers auf den Buchseiten werden wie im Daumenkino zum Leben erweckt. Ein derartige Verankerung wäre an anderer Stelle dringend nötig gewesen: So erfahren wir weder Genaueres über den Zusammenhang zwischen dem zerstörerischen Wirbel und dem mysteriösen Fluch, noch spielt die Thematik um das Zwielicht, in dem sich die „Anderen“ bewegen können, eine konsistente Rolle. Ebenso undeutlich skizziert ist das Verhältnis zwischen den „hellen“ und den „dunklen“ Wächtern: Es bleibt bei der „nebensätzlichen“ Abhandlung des originellen Einfalls einer Verwaltungsbürokratie, in der den Vampiren Lizenzen erteilt werden zum Aussaugen der Menschen. Das wirkt fahrig und nicht zu Ende gedacht.

Exemplarisch für das visuelle Übergewicht steht Antons Weggefährtin Olga, die sich kamerawirksam von der Eulen- in die Menschengestalt verwandeln darf, ohne danach eine tragende Rolle zu spielen. Während die optischen Schaueffekte den Film dominieren, hält sich auch der Soundtrack fern von jeglicher Subtilität: Ein ums andere mal zerstören einsetzende Krawallgitarren Anflüge atmosphärischen Schauerns. „Wächter der Nacht“ setzt qualitativ auf dem Niveau ein, auf dem die Matrix-Trilogie sich letztlich einpendelte. Unterhaltsam zimmert er einige originelle Ideen in einen von klar erkennbaren Vorbildern geprägten Rahmen, ist aber letztlich zu abstrus und selbstverliebt, um wirklich zu überzeugen. Einzig die Hoffnung auf eine Steigerung durch die beiden angekündigten Nachfolger verhindert ein abschließendes Urteil. Ohne die Vorarbeit einer extrem populären Literaturvorlage wird sich „Wächter der Nacht“ schwer tun, im nicht russischsprachigen Raum den Anspruch auf ein ebenso großes Publikum wie in seiner Heimat zu rechtfertigen.

Überlauter Fantasymix, der sich zu sehr auf seinen Schauwert verlegt und die Verheißungen seines Potentials noch schuldig bleibt


Reinhard Prosch