Brokeback Mountain

USA, 130min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Ang Lee
B:E. Annie Proulx, Larry McMurtry, Diana Ossana
D:Heath Ledger,
Jake Gyllenhaal,
Michelle Williams,
Anne Hathaway,
Anna Faris
L:IMDb
„You may be a sinner, but i ain´t yet had the opportunity.”
Inhalt
Wyoming, 1961: Die Cowboys Jack (Jake Gyllenhaal) und Ennis (Heath Ledger) werden auf Brokeback Mountain als Schafhirten engagiert. Zwischen beiden entwickelt sich schnell mehr als nur eine tiefe Freundschaft - sie verlieben sich ineinander. Doch angesichts der engen Moralvorstellungen und herrschenden Konventionen im rauen Wyoming bleiben ihnen nur getrennte Wege. Beide heiraten, gründen Familien - und kommen doch nicht voneinander los. Nur heimlich können sie über die Jahre Augenblicke des gemeinsamen Glückes genießen, die raue Realität holt sie immer wieder ein. Bis Jack einen letzten verzweifelten Versuch unternimmt für ihre Zukunft zu kämpfen.
Kurzkommentar
Ang Lees („Tiger and Dragon“) vermeintlicher Tabubruch in „Brokeback Mountain“ ist kaum Eklat-, sondern erfolgsträchtig. Die Sozial- und Moralkritik des Furore machenden Schwulendramas gibt sich überlegen unaufgeregt und benutzt sie stattdessen für den Entwurf einer notwendig tragischen Liebesgeschichte. Poetische Landschaftsaufnahmen entsprechen dem vereinsamten Seelenleben der großartig besetzten Hauptfiguren. Die berührende Geschichte einer Liebe zur falschen Zeit am falschen Ort.
Kritik
Über warme Cowboys spricht man, und das nicht als größtmöglich anzunehmenden Unfall. Mode-Outing, wer hätte das gedacht. Nur der Präsident hat ihn, den Film, noch nicht gesehen! Er hat, sagt er, nur davon gehört. Ist George W. Bush damit der letzte Homophobe im eigenen Land und damit nicht mehr diskursfähig? Erliegt man dem Reiz von Klischees, konnte man bisher meinen, der rabiat-maskuline Zug der Außenpolitik der USA des 21. Jahrhunderts sei die Fortsetzung der Sexualmoral im Innern: Möglichst verkrampft wird da der Cowboy, die Verkörperung des männlichen Lebensstils schlechthin, von strammen Christen gegen die gesellschaftliche Gleichsetzung der "sündigen" Homos mit schweren Geschützen in Stellung gebracht. Gleichgeschlechtliche Liebe als „psychischer Defekt“ einerseits, die weltweit größte (Schwulen-)Pornoindustrie andererseits. Scheinheilige Cowboys, meint man. Aber „Brokeback Mountain“ von Ang Lee provoziert auch in den USA keine Skandal-, sondern eine Erfolgswelle. Der Triumph bei den Filmfestspielen in Venedig war ja noch etwas anderes, aber dann räumte Ang Lees Westernromanze bei den Golden Globes ab und nun stehen die Zeichen mit acht Nominierungen auch noch bei den Oscars auf Sieg.

Dass „Brokeback Mountain“ wenige Tage nach der Oscar-Verleihung mit einiger Verspätung in Deutschland startet, verdankt sich exakt diesem Publicity-Effekt. Dann dürfte der Streifen mit allen wichtigsten Preisen soweit überhäuft sein, dass er auch hier vom Independent-Streifen zum Hauptereignis wird. Natürlich mag man hier eher fragen, was an zwei Homos mit Stetson eigentlich so aufregend ist? Sind es die expliziten Schwulenszenen des Films, die für Angst und Schrecken sorgen? Nein, wenn Hollywood mit Gewaltdarstellung kein Problem hat, mit Sexszenen im Allgemeinen jedoch schon, dann sind leidenschaftliche Schwulenmomente im Besonderen weiterhin tabu. Aber um solcherart billiger Sensationsmache geht es Ang Lee natürlich eh nicht und so bleiben die fleischlichen Aufnahmen Andeutungen in Sekundenlänge und der Sex ruppig-kurz. Der chinesisch-amerikanische Regisseur findet nach seinem finanziell verheerenden Blockbuster-Versuch „Hulk“ vielmehr zur einfühlsamen und unaufgeregten Beobachtung des Seelenlebens zurück, die er so meisterhaft beherrscht. Interessanterweise stützt er sich dabei auf die Vorlage einer Kurzgeschichte von Annie E. Proulx, die nicht irgendeine Erzählerin ist, sondern vielleicht die amerikanische Erzählerin.

Proulx hat alle wichtigen Literaturpreise eingestrichen, ihr Pulitzer-gekrönter Roman „Schiffsmeldungen“ wurde bereits verfilmt. Das Verlorensein inmitten der Weite Amerikas ist ein wiederkehrendes Grundmotiv von Proulxs Prosa. Und auch in Ang Lees Umsetzung von „Brokeback Mountain“ ist die Weite der Landschaft ständiges Abbild des Innenlebens. So schön wie traurig und sehnsuchtsvoll. Wenn „Brokeback Mountain“ sich vor der Folie der Gesellschaftsmoral der 60er im tiefen Westen zu entwickeln beginnt, werden die elegischen Naturbilder zur Ersatzaussprache für das Unaussprechliche. Die mit sich hadernde Isolation der wortkargen Cowboys gewinnt in der beschaulich klischeehaften Westernidylle etwas Tröstliches. Vielleicht braucht es ja den Blick eines nicht von dort Kommenden, um der Landschaft so viel erzählerische Kraft zu geben, wie es Ang Lee vermag. Auf fast bukolische Art nimmt er sich Zeit, die Romanze seiner zwei Protagonisten „da draußen“ anlaufen zu lassen, um sie dann durch den unweigerlichen – gleichwohl nie offenen – Konflikt mit den moralischen Normen ihrer Zeit zu einem Drama auszuweiten, das auch das der Gesellschaft ist. Jack und Ennis, beide Figuren, rebellieren nie offen gegen die sittlichen Normen der Zeit; stattdessen die Annahme des idealen Scheins der amerikanischen Kernfamilie.

Das geschieht auf unterschiedlichem sozialen Levels und auch der Grad der Bereitschaft zum sittlichen Opportunismus variiert: Jack möchte am liebsten den Eklat wagen und eine schwule Ranch gründen, Ennis hingegen murmelt realistischer ständig von der Macht der Normvorstellungen. Glück ist in beiden Fällen nur in der unerfüllten Liebe zu finden und so bleibt es letztlich beim unbefriedigenden Zustand der alljährlichen, als Angelausflüge getarnten Schwulentrips in die Berg. Zerbrechen ist vorprogrammiert. Elegant verschraubt Lee ein zeitgeschichtliches Portrait des wertkonservativen tiefen Westens mit seiner berührend entwickelten Liebesgeschichte, die die beiden Cowboys am Ende zu tragischen Helden macht. Sicher war es eine Verlegenheitslösung, Heath Ledger für den Oscar der besten männlichen Hauptrolle vorzuschlagen und Jake Gyllenhaal für den des besten Nebendarstellers. Wir haben es mit vielmehr mit zwei Hauptdarstellern zu tun, die Lee besser nur schwer hätte besetzen können. Bewegend intensiv spielen beide, nur Ledger wirkt im englischen Original mit nuschelndem Landslang zeitweilig angestrengt. Dass er gegen die Show von Joaquin Phoenix in „Walk the Line“ im Rennen um den Oscar chancenlos sein dürfte, ändert nichts daran, dass „Brokeback Mountain“ einer der Glanzpunkte des Kinojahres 2006 ist.

Einfühlsames Schwulen-Drama in poetischen Bildern


Flemming Schock