Kiss Kiss Bang Bang

USA, 103min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Shane Black
B:Brett Halliday, Shane Black
D:Robert Downey Jr.,
Val Kilmer,
Michelle Monaghan,
Corbin Bernsen,
Dash Mihok
L:IMDb
„Ich nenne sie meine Schwuchtel-Kanone. Sie ist nur für ein paar Schüsse gut, dann musst du sie liegen lassen und dir eine Neue suchen.”
Inhalt
Harry Lockhart ist im Grunde ein anständiger Typ. Gut, er ist ein Kleinganove, der mit einem Cocktail aus zerzaustem Charme und schlitzohrigem Optimismus durchs Leben schliddert, aber im Grunde will er sauber bleiben. Er weiß nur nicht recht, wie. Doch eines Tages hat Harrys ewige Pechsträhne ein Ende. Gerade macht er mit seinem Partner nach Ladenschluss Weihnachts-„Einkäufe“ in einem New Yorker Spielwarengeschäft, als die beiden von der Alarmanlage unterbrochen werden. Auf seiner hektischen Flucht vor den Cops stolpert Harry zufällig in den Casting-Termin für einen Hollywood-Krimi, und ehe er sich’s versieht, sitzt er schon im Flugzeug nach Los Angeles, um Probeaufnahmen zu machen. Dort landet Harry im Haifischteich der Huren, Gauner, Loser und ewigen Träumer. Als Vorbereitung auf die Testaufnahmen soll er beim ruppigen Privatschnüffler Perry van Shrike, dem „schwulen Perry“, in die Lehre gehen. Der schwule Perry ist skrupellos, gnadenlos tough und schwul. Er bringt wenig Geduld für Harry auf, der sein Schauspieltalent ausprobiert, indem er sich als Detective ausgibt.
Kurzkommentar
„Kiss Kiss, Bang Bang“ kann einem in schwachen Momenten ziemlich auf den Senkel gehen, aber Shane Blacks aberwitziger Cocktail aus Komödie und Thriller, Buddy-Movie und Film-Noir, Persiflage und Genretreue ist rundum unterhaltsam, dabei nicht blöd und billig, sondern clever bis geistreich. Wie er gleichzeitig das Genre parodiert und sich zu eigen macht, ist vielleicht nicht großartig, aber doch ein bisschen bewundernswert.
Kritik
Selbstreferenz auf der Leinwand ist immer so ein Problem: entweder das Immersionsgefühl ist umso größer und man fühlt sich als Zuschauer unmittelbar in den Film eingebunden – Stephen Frears´„High Fidelity“ wäre vielleicht hier ein gutes Beispiel – oder der Schuss geht nach hinten los und man kommt gar nicht erst rein. Wobei man hier schon wieder differenzieren muss: manchmal soll man gar nicht erst rein, etwa dann, wenn genau darin der Humor liegen soll, siehe etwa die „Scary Movie“-Reihe. Und überhaupt sollte man noch unterscheiden zwischen den Filmen, die den Zuschauer als Adressaten bewusst machen, und denen, die ihre eigene Struktur oder ihr Wesen offen legen wie ein Arzt, der sich selbst operiert (und dabei gleich noch ein paar schwarzhumorige Scherze macht).

„Kiss Kiss, Bang Bang“ zählt zur Kategorie der Arzt-Filme: er ist eine schwarzhumorige, brillant geschriebene, hochunterhaltsame Eigenoperation eines Autors, der so viele Drehbücher einer gewissen Schublade verfasst hat, dass er nicht mehr umhin kommt, die Schublade selbst zum Thema zu machen. Das birgt zwei Probleme: zum einen das der Egozentrik, denn über eine Eigenoperation lacht zunächst der Ausführende selbst, zum anderen die angesprochene Immersionsproblematik. Man kann es lustig finden, wenn Harry Lockhart den Film anhält, um flugs zu einem Unterarm der Geschichte zu springen (die ja genau genommen gar keine Geschichte ist, sondern ein bewusstes Patchwork), man kann es aber auch so langweilig und nerdig finden wie den 80. Scherz über die „Herr der Ringe“-Verfilmung. Damit nämlich fällt „Kiss Kiss, Bang Bang“ auf ein Niveau, das dem etlicher Brachialpersiflagen gleicht, die glauben, schon die alleinige Erwähnung eines „großen“ Films würde den eigenen aufwerten. Zumal Shane Blacks Talent für Charaktere und Dialoge erkennen lässt, dass sein Film solche Sperenzchen kaum nötig hätte und wesentlich stärker gewesen wäre, wenn er die Entdeckung seiner zahlreichen Anspielungen auf Formelelemente des „Buddy-Movie“, auf Plotkonstruktionen der „Schwarzen Serie“ und auf Manierismen des Hollywood-Kinos dem Zuschauer überlassen hätte.

Glücklicherweise beschränkt sich Black bei weitem nicht aufs Parodieren und Veralbern und wenn an seinem Film etwas zu bewundern ist, dann, mit welcher Versiertheit er vom Komischen zum Tragischen wechseln kann, vom Kopierten zum Originellen, von Ent- zu Anspannung, von Fiktion zu Wirklichkeit. In dieser Sekunde noch stolpert Robert Downey Jr. auf der Suche nach seinem eigenen Finger benommen durch eine fremde Küche, in der nächsten muss er mit ansehen, wie vor seinen Augen eine wehrlose Frau erschossen wird. Beides entfaltet seine volle Wirkung, der Humor und der Schock, beides hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck. „Kiss Kiss, Bang Bang“ kann widerlich zynisch sein, aber er weiß genau, wann Schluss ist: wer etwa hätte erwartet, dass Harry Lockharts kaltblütiges Erschießen eines in gängigen Actionfilmen reihenweise umgenieteten Hitman mit der richtigen Dosis Respekt und Ehrfurcht gehandhabt wird?

Vielleicht ist dieses Wechselbad der Gefühle, zu dem auch der konsequent durchgewürfelte, absurde Plot zählt, die eigentliche Leistung Blacks: er macht das Arbeiten im Haifischbecken Hollywood spürbar, wo das größte Glück direkt neben einer 9mm liegt.

Und auch das ist noch bewundernswert: dass der Film trotz seines enervierenden, selbstreferenziellen Gelabers sowohl als Dekonstruktion als auch als Musterbeispiel einer formelhaften US-Actionkomödie gelten kann. Gay Perry und Harry Lockhart sind sicher eines der amüsantesten „Buddy“-Paare der letzten Jahre – nicht zuletzt aufgrund der fabelhaften Darsteller – und wann hat es zuletzt eine solch entspannte Frauenrolle im Testosteronkino gegeben wie die von Harmony Faith Lane, nicht minder mit großartigem Charisma gemimt von Michelle Monaghan. Leider war „Kiss Kiss, Bang Bang“ an der amerikanischen Kasse bislang nicht sonderlich erfolgreich, trotz des eher überschaubaren Budgets von 15 Mio.$ – kein Wunder, wenn der Film landesweit nur auf 80 Leinwänden zu sehen ist. Hollywood.

Angenehm aberwitziges Buddy-Movie, gleichzeitig Dekonstruktion und Musterbeispiel der Unterhaltungsqualitäten Hollywoods


Thomas Schlömer