Long Hello and Short Goodbye

Deutschland, 100min
R:Rainer Kaufmann
D:Nicolette Krebitz,
Marc Hosemann,
Katja Riemann,
Axel Milberg
„Können Sie mir sagen, welches Jahr wir haben?”
Inhalt
Deutschland in einer fiktiven Epoche zwischen den 70er Jahren und der Gegenwart. Die verführerische Polizistin Melody (Nicolette Krebitz) arbeitet erfolgreich als verdeckte Ermittlerin. Vom hohen Polizeitier Kahnitz (Axel Milberg) wird sie damit beauftragt, das Vertrauen des gerade aus dem Knast entlassenden Safeknackers Ben (Marc Hosemann) zu gewinnen, um ihn bei der nächsten Straftat in flagranti zu erwischen und wieder direkt in den Knast zu verfrachten. Melodys Strategie der Vetrauensgewinnung beginnt kurioserweise mit der Bekanntgabe ihrer polizeilichen Identität und ihres Auftrages gegenüber Ben, der ihr denn kein Wort glaubt. Dummerweise verliebt sich Melody in den workargen Ben und sieht sich in ihrer staatshüterischen Loyal erschüttert. Ihr eifersüchtiger und skrupellose Boss Kahnitz findet jedoch ein Erpressungsmittel, das sie dazu zwingen soll, Ben innerhalb der nächsten 8 Tage zu einem erneuten Delikt zu verleiten. Doch es gibt noch andere Spielteilnehmer mit eigensüchtigen Anliegen.
Kritik
Rainer Kaufmann, patenter Regisseur von deutschen Kassenmagneten wie 'Stadtgespräch' oder 'Die Apothekerin', greift erneut auf die Beteiligung eines Amerikaners am Drehbuch zurück, um durch amerikanischen Formalismus größtmöglichen Publikumseffekt zu erzielen. Dieser wird jedoch ausbleiben, da das Ergebnis zwar eine experimentell-kunsthafte Hülle, aber leider keine Inhalte aufzuweisen hat, die nicht sonderlich platt wären. An Kaufmanns Film wird das augenblickliche Dilemma nicht nur des deutschen Kinos augenscheinlich: Stillstand, Mangel an Inhalten und innovativen Erzählmomenten wird durch extravagante Experimentalität in der Form zu kaschieren versucht. Wo drehbuchmäßgie Ratlosigkeit herrscht, übernehmen Bild und Ton die Konstruktion des Gesamtwerkes. Je eigenwilliger und grenzenüberschreitender der optische Stil, desto mehr wird das Gesamtkonstrukt durch Bilder und Ton getragen. Die einen zelebrieren dies im Gelübde eines nackten Purismus (das dänische 'Dogma `95'), die anderen bilden den Kontrast in extraordinär überdrehter Optik.

Beide Pole sind Teil der erzähltechnischen Krise des Kinos, vor der nun auch Kaufmann überrollt wurde. Die Kritik an 'Long Hello and Short Goodbye' ist dem Gesagten nach in zwei Ebenen, auf die formale und inhaltliche, zu differenzieren. Technisch-formal ist bemerkenswert, was Kaufmanns Bilderflut zu leisten vermag. Mit Beginn der ersten Szene wird der Zuschauer in eine schräge Welt katapultiert, in ihrer Optik eine Synthese aus 70er Jahre Trash und Quasi-Gegenwart, stets schmuddelig und desolat. Bewußt wird einmal die Suggestivfrage nach dem aktuellen Jahresdatum gestellt, da der abgedrehten Noir-Fiktion keine zeitliche Verortung verpaßt werden kann. Wo der ungewaschene Marc Hosemann über den gesamten Streifen aus der gleichen Buchse blinzelt, wird Nicolette Krebitz als wandelfreudiger Kleiderständer der 70er umfunktioniert. Weniger gewöhnungsbedürftig ist die Kameratechnik, die erfreulicherweise auf vermeintlich authentischeren Zitterschwachsinn verzichtet und nur zu Anfang durch wirres, abgehaktes Hereinzoomen aus der späteren optischen Einfassung fällt. Elegant sind die Rückblenden inszeniert. Wäre dies durchgehalten und eine werbespotähnlichere Wirkung erzielt worden, hätte die Fotografie einen noch surrealistischeren Zug erhalten, welche durch den pointierten Elektro-Soundtrack einen noch spezielleren Stempel aufgedrückt bekommt. Summa summarum ist das Visuelle und Akustische dem Zeitgeist des Kinos zwar opportun, aber als durchaus kreativ einzustufen und vermittelt ein bizarres, dichtes Ambiente.

Ist hier der Ideenreichtum zu finden, kommen wir nun zur Ideenarmut, zur substanzlosen Handlung und ihren verflachten Protagonisten. Eigentlich schade, daß die aufstrebende Nicolette Krebitz und die routinierte Katja Riemann sich für ihre lächerlichen Parts haben einspannen lassen. Besonders Riemann hat keine andere Aufgabe, als nur ihren stilgerechten Look zu präsentieren, erotische Schießübungen zu praktizieren und einige verbale Phrasen zum besten zu geben. Soweit sie das peinliche Drehbuch - unter dem Spannungslevel einer drittklassigen Soap - zum Zuge kommen läßt, agiert sie wenigstens ebenso solide wie die durchweg erotische Krebitz oder auch Marc Hosemann, der mit eindringlich stahlblauen Augen irgendwie apart aus der Buchse guckt und spröden Charme vergießt. Viel mehr geschieht denn auch nicht.

Wenn die Einfältigkeit der Erzählung nicht für den Masochisten nicht ausreicht, geben einem die Dialoge des Drehbuchs die schmerzvolle Breitseite. Zu jedem Zeitpunkt wird Romantik und Erotik zwischen Melody und Ben unter der haarsträubenden Absurdität der 'Gespräche' erstickt, die zumeist nur affektierte Monologe von Krebitz bleiben. Die Annahme wird zunehmend plausibel, daß keiner so recht plant, was der Murks eigentlich soll. Gangster Ben (von Marc Hosemann wie´n Laufstegmodell ohne Haarwäsche dargestellt) hat vornehmlich zu schweigen und ab und an schönäugig in die Linse zu glotzen, was für die Stilübung noch reicht. Schon töricht ist die Figur des schurkischen Oberbullen, der Ben aus Eifersucht über die Klinge springen lassen will und auch die anderen Intriganten sind wirklich saublöd. Nur gut, daß als dramaturgische Strafe zum Schluß ausgiebig kunstvoll gestorben wird. Was danach bleibt, sind einige bedeutende Blicke und ein äußerst stilisierter, atmosphärischer Filmkosmos.

Formvollendeter Großstadt-Noir mit borniertem Inhalt


Flemming Schock