Exorzismus von Emily Rose, Der
(Exorcism of Emily Rose, The)

USA, 119min
R:Scott Derrickson
B:Scott Derrickson, Paul Harris Boardman
D:Jennifer Carpenter,
Laura Linney,
Tom Wilkinson,
Andrew Wheeler
L:IMDb
„Once you see the darkness, I think you hold onto it the rest of your life”
Inhalt
Erzählt wird die Geschichte der jungen Studentin Emily Rose (Jennifer Carpenter), welche von fürchterlichen Visionen und krampfartigen Anfällen heimgesucht wird. Die katholische Kirche entscheidet auf Besessenheit und lässt Pater Moore (Tom Wilkinson) das seltene Ritual des Exorzismus durchführen, welches tragischerweise zum Tod Emilys führt. Daraufhin klagt die Staatsanwaltschaft (u.a. Campbell Scott) Moore an – der Vorwurf lautet fahrlässige Tötung. Die höchst skeptische Anwältin Erin Bruner (Laura Linney) versucht, die Unschuld des Geistlichen zu beweisen und die Wahrheit herauszufinden. Dies gestaltet sich jedoch im Laufe des Prozesses immer schwieriger: War Emily tatsächlich besessen oder litt sie lediglich an einer schweren Krankheit?
Kurzkommentar
Scott Derricksons „Der Exorzismus von Emily Rose“ hat ein Problem: Es lautet „Der Exorzist“ (Regie: William Friedkin, 1973). Genau wie seit 1981 Petersens „Das Boot“ alle kommenden U-Boot Streifen irgendwie torpedierte, scheitert Derrickson an dem Über-Vorbild mit Linda Blair trotz der soliden Kamera-Arbeit, sowie engagiertem und glaubwürdigem Schauspiel.
Kritik
„Neben einigen gut gelungenen Szenen, die aber nicht ausreichen, um den Film den nötigen Drive zu geben, sind nur die soliden Darsteller von Interesse.“ So schreibt Frank Trebbin in seinem in Fankreisen geliebten Horrorkompendium „Die Angst sitzt neben Dir“ über einen Film namens „Audrey Rose“ aus dem Jahre 1977 von Robert Wise. „Audrey Rose“ taucht in einigen englischsprachigen Filmrezensionen zum Thema „Der Exorzismus von Emily Rose“ auf, und Trabbin liefert – etwas flapsig formuliert – den Grund. Doch soll an dieser Stelle nicht einfach so losgepoltert werden. Die 120 Filmminuten von „Der Exorzismus von Emily Rose“ kreisen um ein Thema, welches momentan in den USA heiß diskutiert wird. Es dreht sich um nichts anderes als um das Verhältnis zwischen Staat und Religion. Die Grundfrage, die sich das Genre-Crossover mit 20 Millionen Dollar Budget stellt ist abseits von all dem Grusel, all dem Epileptischen zu suchen: Darf bzw. kann ein weltliches Gericht über geistliche Themen richten bzw. entscheiden? Vielleicht kann noch abstrakter gefragt werden: An welcher Stelle darf sich der Staat das Recht anmaßen, freien Willen zu beschränken? Ein Priester steht vor Gericht. Offensichtlich handelte er aufgrund seines Glaubens. Doch vor der Justiz steht nicht nur der Mann Gottes. Auch das gläubige, das nicht-urbane Amerika steht in „Der Exorzismus von Emily Rose“ vor Gericht. Vertraut man dem Amerikanisten Jürgen Heideking, bekennen sich heute über 90 Prozent der Amerikaner zum Glauben an Gott, und Kirchen genießen bei Umfragen regelmäßig weit mehr Vertrauen als staatliche Institutionen wie der Kongress oder der Supreme Court.

Wäre man also bösartig, könnte man Derrickson ganz einfach scheren wie ein Osterlamm: „Der Exorzismus von Emily Rose“ könnte schlichtweg als eine Art PR-Film der katholischen Kirche gedeutet werden – die Tochter einer ländlich-gesunden, sprich: nicht dekadenten, Großfamilie (Vater sagt im Zeugenstand aus, wohl bibelfest, nicht jedoch sonderlich naturwissenschaftlich bewandert zu sein), bekommt ein Stipendium für eine Universität in der Großstadt, dem finstren, sinistren Hort allen Übels (schließlich warnt die Mutter vor Tanz und Typen). Prompt befallen sechs großkalibrige Dämonen (u.a. die Teufel, welche in Kain und Nero hausten) die Tochter im Studentenwohnheim und die seelische sowie körperliche Pein nimmt ihren Lauf. Doch nach einem Smalltalk mit Mutter Maria und verziert mit Stigmata beschließt die junge Frau, welche nach Ansicht des Paters eine Heilige sei, ihr Leiden zu erdulden, um anderen Menschen zu zeigen, dass es das Teuflische, aber auch im Kehrschuss Gott geben muss. Alleine darum verweigert sich das Mädchen einem zweiten Exorzismus. Sie will Zeugnis geben. Zeugnis leben. Durchatmen.

Auch die den Priester vertretende Anwältin bekommt ihr spirituelles Fett weg. Nicht nur wird sie, da sie sich in diesem manichäistischen Kampf auf die Seite des Priesters stellt, Angriffsscheibe für Dämonen, sondern sie bewältigt zudem ihr kleines Alkoholproblem. Und dann wäre da auch noch der Staatsanwalt, der versucht den Fall so nüchtern wie möglich zu behandeln. Er wird äußerlich (blas, dürr, Oberlippenbart, strenger Blick), sowie durch sein Beharren auf dem Faktischen als größtmöglicher Spießer portraitiert, der sich einfach weigert anzuerkennen, dass es da mehr zwischen Himmel und Erde geben muss, als es ihm sein tristes Beamtendasein suggeriert. Abschließend lässt sich zu diesen Ausführungen nur provokant fragen: Wenn es den Filmemachern wirklich darum ginge, wie es durch den Charakter des Pater Moore immer wieder wiederholt wird, die Geschichte des Mädchens Emily zu erzählen – denn man darf nicht vergessen, dass der Film immer wieder auf seine wahren Wurzeln verweist: in Deutschland führte ein durchgeführter Exorzismus Mitte der Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts tatsächlich zum Tode eines Mädchens; und auch die Anklage der Geistlichen traf zu – dann ist ein Horrorfilm ein denkbar zynische Wahl. Das Thema hätte als eine Dokumentation sicherlich ihren Platz gefunden, die Aufarbeitung als fiktiver Grusler ist mehr als fragwürdig. Dafür soll die junge Frau also so geliiten haben? Es gilt die alte Filmwahrheit: Im Zweifel lieber „inspired by“ statt „based upon“.

Doch auch die formale Ebene von „Der Exorzismus von Emily Rose“ will nicht recht überzeugen – es ist vor allem die Zusammensetzung des Genremixes, die so formelhaft wirkt. Abgesehen davon, dass nicht wenige Filmdramaturgen Flashbacks gänzlich verdammen, weil sie wie narrative Behelfsware wirken, wird im Falle von Emily Rose weder sparsam noch geschickt gearbeitet: Fast jede Aussage vor Gericht wird postwendend als Flashback „nachgespielt“. Außerhalb des Gerichtssaales mögen die Dämonen aber auch nicht ruhen, und so wird endgültig die Chance auf einen erwachsenen Horrorfilm verspielt – man wendet sich seitens der Filmemacher an die alten Bekannten des Teenagerhorror, d.h. Türen fliegen auf und zu, Blitze zucken und Insekten ekeln herum. Und man schreit sich auf Hebräisch, Griechisch, Aramäisch, Lateinisch und Deutsch an. Der Staatsanwalt – und das fällt unter ungewollt lustige Begleiterscheinung – ordnet übrigens das Deutsche als „seltsame Sprache“ ein. „Der Exorzismus von Emily Rose“ möchte mehr sein, als er letzten Endes ist, und das ist die eigentliche Hauptschwäche des Films.

„Der Exorzismus von Emily Rose“ schlägt im und als Film fehl: wenig befriedigendes Genremix von Gerichts- und Horrorfilm.


Rudolf Inderst