Little Voice

England, 99min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Mark Herman
D:Jane Horrocks,
Michael Caine,
Brenda Blythen,
Ewan McGregor
„Ein ungeschliffener Diamant”
Inhalt
In einem verschlafenen Küstenstädtchen im Norden Englands lebt das introvertierte Mädchen Laura (Jane Horrocks) zusammen mit ihrer grauenvoll schwatzhaften Mutter Mari Hoff (Brenda Blethyn), einer regelrecht selbstsüchtigen Furie. Diese erübrigt keinen Funken Liebe für ihre Tochter, die sich seit dem Tode ihres angebeteten Vaters eine eigene Welt schuf, einen Schutz vor der rauhen Unsensibilität der Mutter: sie lebt für die Musik der großen Sängerinnen wie Shirley Bassey, Judy Garland oder Marilyn Monroe, deren Lieder sie in der stillen Kammer in Perfektion nachzusingen gelernt hat. Ihr Identifikationsbestreben geht so weit, daß sie sich, wenn sie überhaupt einmal mit ihrer Mutter spricht, in Zitaten ihrer Idole äußert. Da es um ihre Sprachfähigkeit jedoch seit jeher nicht gut bestellt war, gab noch der Vater ihr den liebevollen Spitznamen L.V. ('Little Voice'), der gleichsam in ironischer Umkehr ihr sensationelles Gesangstalent charakterisiert. Möchte von all dem die über den Tod ihres Mannes schnell hinweggekommende Mutter nichts wissen, so will es der Zufall, daß diese mit dem abgehalfterten Showagenten Ray Say (Michael Caine) anbändelt. Er hört 'Little Voice' in ihrem Zimmer singen, erkennt ihr außergewöhnliches Talent und wittert das große Geld. Kurzerhand ist die gewissenlose Mutter durch den noch gewissenloseren Ray vom 'Goldgrubenpotential' ihrer Tocher überzeugt und für die Vermarktungspläne gewonnen. Nun heißt es nur noch, 'Little Voice' die verklemmte Schüchternheit auszutreiben und sie bühnen- und publikumsgerecht aufzubereiten. Als Gegenpol menschlicher Wärme zur widerwilligen 'Objektwerdung' von 'Little Voice' erweist sich allein der brieftaubenzüchtende Telefontechniker Billy (Ewan McGregor), dem eine zaghafte Annäherung an das verängstigte Mädchen gelingt.
Kritik
Der nach 'Brassed Off' zweite Film von Mark Herman wird dadurch, daß er nur in sehr kleinen Kinos spielt, nicht den breitenwirksamen Anklang erfahren, der ihm eigentlich gebührt. Denn mit 'Little Voice' ist dem Regisseur eine bewegend musikalische Verschmelzung von englischer Milieustudie, minutiöser Charakterentfaltung und eine Referenz an legendäre Gesangsidole und Hollywoodpomp gelungen. Der in England für sechs 'British Acadamy Awards' nominierte Film adaptiert ein Theaterstück von Jim Cartwright ('The Raise and Fall of the Little Voice'), in dem sich die dramaturgische Entfaltung kunstfertig um das wundersam scheue Mädchen entwickelt, grandios unschuldig und doch kraftvoll von Jane Horrocks personifiziert. In zwar stereotypischem Rahmen, doch darin gänzlich perfekt prägnant, sieht sich die verschlossene L.V. ihrer chronisch hirnlos quasselnden und cholerischen Mutter gegenüber, in deren Darbietung Brenda Blethyn kompromißlos brilliert. Es ist schlichtweg das gehaltvollste Vergnügen, ihrem exaltiert-widerwärtigem Verhalten in Person der Mutter zu folgen, die sich durch und durch vulgär, roh und herrlich verkommen gibt. Unablässig ergeht sie sich in derbsten Beschimpfungen und Mißmutsäußerungen gegenüber dem melancholischen Gebaren ihrer Tochter, was Regisseur Herman überwiegend zur komödienhaften Überzeichnung der Mutter zur widerwärtigen Klatschbase einsetzt.

So ist es zu witzig realisiert, wie sie sich sich - trotz ihres hohen Alters - in vulgärer Art eines jungen Flittchens an Macho Ray (brilliant: Michael Caine) heranwirft. Dieser ist nur noch schmierig erbärmliches Rudiment aus erfolgreichen Tagen als Staragent und vermag es dennoch noch immer, sich durch verlogendes Taktieren den Willen anderer gefügig zu machen. Völlig zu Recht wurde Michael Caine für seine Leistung mit einem 'Golden Globe' ausgezeichent, da es ihm bezeichnend gelingt, die Facettenhaftigkeit im Handeln des heuchlerischen Geldsüchtigen herauszukehren. Interessiert verfolgt der Zuschauer, wie er sich immer wieder neue Taktiken ersinnt, um L.V.s skeptische Wesensart zu überlisten, bis sie letztendlich nachgeben muß. Fantastisch ist sein letzter Auftritt, quasi eine existentielle Selbstdemontage in Liedform auf der Bühne des Clubs. Der Film bezieht die umfassende Lebendigkeit seiner Charaktere auch aus dem einfachen Umstand, daß die Handlung sich nur auf äußerst wenige Personen konzentiert. Die Einbettung in das soziale Umfeld geschieht nur durch die spezifischen Verhaltensweisen der Haupthandelnden. Über die drei Erwähnten hinaus spielen nur noch Ewan McGregor, Annette Badland als warmherzig dummes Nachbarsmonster und Jim Broadbent als schmuddeliger Clubbesitzer Mr. Boo eine Rolle, der als Einziger leichte moralische Dünkel gegen die Ausbeutung L.V.s artikuliert.

Es sind viele kleine Details, die das Gesamtbild durch das Agieren auch dieser drei so durchdacht und wohl ausgearbeitet wirken lassen. Jim Broadbent als Mr. Boo, dessen Name nicht weniger charakteristisch ist als Ray Say, stellt zusammen mit der grobschlächtigen und keinen einzigen Satz äußernden Nachbarin Sadie ein weiteres, zum Schmunzeln einladendes Element dar. Auch wenn die dickliche Nachbarin keine 'objektiv' handlungsrelevante Funktion erfüllt, ist sie bedeutender Teil des Schmuddel- und Proletariercharakters, der als milieubeobachtende Komponente einen erheblichen Reiz ausmacht. Anhand weniger, aber amüsant tiefgreifend ausgearbeiteter Personen wird 'Little Voice' somit zur genauen, stets komischen, aber auch ergreifend emotionalen Charakteruntersuchung. Mit Klischees wird freizügig und gekonnt gespielt.

Ewan McGregor, bald im Blockbuster 'Star Wars' zu sehen, verleiht dem nur in seine Tauben, dann in L.V. verliebten Jungen einen natürlichen, wortkargen Charme. Nicht nur gegenüber L.V., deren Gefühlsausdruck nicht das Lied, sondern das Wort ist, sagt er wenig, das aber behutsam abgewogen. Ab und an wirkt nicht sein tadelloses Spiel, vielmehr seine Rolle dramaturgisch aufgesetzt und abgegriffen, wenn es darum geht, der missbrauchten L.V. unverfälschte Obhut und als Einziger Zuflucht zu bieten. Dies ist jedoch leicht zu verschmerzen, wenn die sonstige Dramturgie bis ins kleinste Dialogdetail prägnant humorvoll und traurig, also erdenklich kontrastreich ausgearbeitet ist und immer wieder auf ihr ruhiges Zentrum, auf Jane Horrocks in der Rolle der L.V. zurückgeht. Ihr Spiel weckt in ihrer Unschuld Beschützerinstinkte und auch Euphorie, wenn sie schließlich doch im glamourvollen Abendkleid durch ihre betörende Stimme Begeisterungsstürme entfacht. Besonders hervorzuheben ist hier der Umstand, daß Jane Horrocks kein Playback , sondern tatsächlich in sensationeller Fähigkeit die Lieder der zitierten Stars für den Film sang. Daß dieser letztlich in zu erahnenden und kitschigen Momenten, in denen L.V. das von Repressionen erlöste Freiheitssymbol der Taube verkörpert, mündet, ist verzeihlich. Schließlich wird man doch von Anfang bis Ende wunderbar von zum Staunen guten Darstellern berauscht.

Hinreißende Synthese aus Musical, Komödie und Charakterstudie


Flemming Schock