Broken Flowers

USA, 105min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Jim Jarmusch
B:Jim Jarmusch
D:Bill Murray,
Jeffrey Wright,
Sharon Stone,
Frances Conroy,
Jessica Lange
L:IMDb
„Die Vergangenheit ist vorbei, die Zukunft ist noch nicht.”
Inhalt
Der Tag fängt gar nicht gut an für Don Johnston (Bill Murray). Erst wird er von seiner sehr viel jüngeren Freundin Sherry (Julie Delpy) verlassen, dann flattert auch noch ein rosafarbener Brief ins Haus. Keine Liebesbotschaft, sondern die späte Quittung für eine frühere Liaison des ergrauten Don Juan: Sein inzwischen 19-jähriger Sohn werde ihn aufsuchen, droht die anonyme Schreiberin. Doch wer ist die Mutter? Ginge es allein nach Don – er würde gewiss weiter sein Sofa hüten und die Dinge auf sich zukommen lassen. Aber sein Nachbar Winston (Jeffrey Wright) kann die lethargische Couchpotato zu detektivischen Nachforschungen überreden. Und so startet Don eher widerwillig und mit rosa Blumen bewaffnet eine aberwitzige Reise in seine Vergangenheit. Vier Frauen in vier verschiedenen Städten kommen als Mutter des unbekannten Sohnes in Betracht.
Kurzkommentar
Nach seiner leicht schläfrigen Plauderei mit „Coffee and Cigarettes“ gelingt Jim Jarmusch ein wunderbar bizarres Roadmovie. „Broken Flowers“ wurde in Cannes von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert und bereichert das erzählarme Kinojahr wesentlich. Bill Murray treibt seinen einmaligen Mimikminimalismus in der Tragikomödie um einen depressionsverdächtigen, ehemaligen Frauenhelden auf die Spitze. Ruhig bebildert und leicht verschroben musikalisch untermalt, changiert „Broken Flowers“ entspannt und überwiegend urkomisch zwischen den Genres.
Kritik
Es war und ist bisher kein gutes Kinojahr. Die Erzählstoffe betreffend nicht und was den Umsatz der vermeintlichen Blockbuster betrifft ganz sicher nicht. Es wirkt nicht nur so, als ob in Hollywood die Drehbuch-Lethargie grassiert. Am Ende des Jahres dürften die meisten Streifen des Jahres schon vergessen sein und die letzten Event-Hoffnungen auf Peter Jacksons „King Kong“ lasten. Formaler, überladener Protz überfrachtet die ewig gleichen kargen Plotmuster. Der Befund ist ja nicht neu, nur bekommt die Filmindustrie besonders in diesem Jahr die Quittung vom sich abwendenden Zuschauer besonders drastisch präsentiert: Der Einbruch bei den Besucherzahlen ist international vergleichbar, liegt im zweistelligen Prozentbereich. Gut möglich, dass es die größte Krise des Kinos bisher ist, ein teurer Flop reiht sich an den nächsten. Jim Jarmusch hingegen dreht günstig und beweist mit „Broken Flowers“, seiner etwas anderen Querschnittsaufnahme der amerikanischen Gesellschaft, das die Vorstellungskraft, von der Kino ausgeht und die Kino bewegt, mit einer einfachen Geschichte erreicht werden kann.

In gewisser Weise wiederholt sich im neuesten Werk des Autorenkino-Helden das „Lost in Translation“-Phänomen des letzten Jahres. Auch in „Broken Flowers“ spielt individuelle Verloren- und Unterwegssein, spielt das Unausgesprochene, spielt der ständige Konjunktiv, die Ahnung dessen, wie es sein könnte, eine große Rolle. Vor allem aber wird „Broken Flowers“ von der fast schon wundergleichen Wiederbelebung der Karriere von Bill Murray profitieren wollen. Damit empfiehlt sich die trockene Tragikomödie vielleicht mehr als Jarmuschs vorige Werke, aber ganz sicher mehr als der fahrige „Coffee and Cigarettes“ (2003), einem größeren Publikum. Sollte er auch, denn Jarmusch bringt in diesem grandios verschrobenen Alternativ-Roadmovie den erzählerischen Minimalismus zusammen mit dem mimischen Minimalismus Bill Murrays, der es tatsächlich schafft, mit ungefähr einem Gesichtsausdruck alles zu sagen. Weniger ist beeindruckend mehr. Vielleicht ist „Broken Flowers“, die melancholisch-ironische Momentaufnahme aus dem Leben eines desorientierten Don Juan kurz vor dem Altenteil, sogar einer der bewegendsten Streifen des Kinojahres.

Dabei erreicht der schwer komische Grundeinfall seine Wirkung erst durch die Billy Murray wie auf den Leib geschriebene Konstruktion des „Helden“ – und die schrillen Gestalten in seiner Nachbarschaft, die erst als Motor der Geschichte funktionieren: Don Juan, der Archetypus des Frauenhelden, heißt hier eine 80er Kult-Serie ironisierend Don Johnston. Eingangs wird jener Don von – wie sofort deutlich ist – von seiner jüngsten Liebschaft verlassen. Sie wollte mehr, Liebe wohl, Murray steht als Don jedoch nur abwesend und schwermütig da. Sicher nicht zum ersten Mal weiß er keine Antwort auf die Frage, was er eigentlich möchte. Das bleibt in Jarmuschs Film auch so, weiter ausgeleuchtet wird die Figur nicht – nur noch, dass Don im Geschäft durch Computer zum Vermögen kam. Der Rest ist schon Spekulation, verschwommen – mythisch. Antriebe, seelisch oder körperlich, scheint die Figur Dons nicht mehr herzugeben, statt Hoffnung und Sehnsucht nur ein dösendes Verharren im Jetzt. Und selbst, als Don durch einen anonymen Brief von der angeblichen Existenz eines Sohnes erfährt, der nun seinerseits unterwegs sei, um seinen Vater zu suchen, bedarf es eines weiteren äußeren Anstoßes.Denn Don tut nichts, das übernimmt sein sonderbar privatdetektivischer Nachbar Winston, der eine Liste sämtlicher in Frage kommender Mütter recherchiert.

Die skurrile, sogartig ruhige Stimmung dieser Szenen hält Jarmusch begeisternd aufrecht. Ob sich Don aus Langeweile oder gar wirklichem Verantwortungsgefühl auf den Weg macht – es bleibt der Imagination des Zuschauers überlassen. Wie auf einer beiläufig absolvierten Pauschalreise rollt der Wurzellose sein Liebesleben rückwärts auf und erhält ernüchternde Einblicke in verschiedene Versionen amerikanischer Wirklichkeit. Die peinlichen Begegnungen hätten anderen Regisseuren endlosen Stoff für sentimentalen Kitsch gegeben; Jarmusch und Murray entgehen der Gefahr aber mit ironisch knappen Dialogen, skurillen Pointen – und äthiopischer Musik. Nicht zuletzt wegen seines Soundtracks ist „Broken Flowers“ ein wunderbar lässiger Film geworden. Eigenwillig ziellos, über gute Strecken unwirklich, dabei jedoch voller kleiner großer Momente. Schließlich verweigert Jarmusch eine „billige“ Auflösung; für das Autorenkino auch schon ein feststehendes, zuweilen enttäuschendes Bild. Aber um die enttäuschende Gegenwart, die als einzige Seinsform irgendwie ist, geht es auch in poetischer Weise in „Broken Flowers“.

Bestechend leidenschaftsloses Roadmovie mit Bill Murray in Höchstform


Flemming Schock