Frau des Leuchtturmwärters, Die
(Équipier, L')

Frankreich, 104min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Philippe Lioret
B:Philippe Lioret, Emmanuel Courcol, Claude Faraldo
D:Sandrine Bonnaire,
Philippe Torreton,
Grégori Derangère,
Émilie Dequenne,
Martine Sarcey
L:IMDb
„Die Welt hat viele Enden. Auch du findest deines.”
Inhalt
Camille kehrt nach Ouessant, ihrer Heimatinsel vor der bretonischen Küste, zurück. Es ist eine Reise des Abschieds, denn sie möchte ihr Geburtshaus verkaufen, das seit dem Tod der Mutter unbewohnt ist. In einer letzten Postsendung an ihre Mutter befindet sich ein Buch. Das Umschlagbild zeigt den Leuchtturm „La Jument“ - Arbeitsplatz des Vaters und Fixpunkt ihrer Kindheit. Neugierig beginnt Camille zu lesen. In dieser durchwachten Nacht erfährt sie Dinge, von denen sie nichts wusste und die ihre Identität in ein neues Licht stellen.
Kurzkommentar
„Die Frau des Leuchtturmwärters“ ist ein durch seine erfreuliche Schlichtheit bewegendes Drama. Regisseur Philippe Lioret spart sich alle Schnulzigkeit, die Assoziationen von Leuchttürmen und Liebe vielleicht aufwerfen. Gute Darsteller tragen die leicht nostalgische Dreiecksgeschichte um Freundschaft und chancenlose Sehnsucht. Durch klug dosierte Landschaftsmalerei glückt gleichzeitig eine Liebeserklärung an die Bretagne und ihren bodenständigen Menschenschlag.
Kritik
Kurz nach Ende der Dreharbeiten soll der letzte Leuchtturmwärter Frankreichs seinen Posten geräumt und der Automatisierung Platz gemacht haben. Statt aber dafür zu danken, dass das 21. Jahrhundert diesen entbehrungsreichen Arbeitsplatz endgültig überflüssig gemacht hat, dürfte sich bei Meeres-Romantikern schöner Wehmut breit machen – und Arthouse-Anhänger mit der Erwartung nostalgischer Gestimmtheit in Philippe Liorets Film bringen. Seit jeher hat die Sinnbildleistung des Leuchtturms seine schnöde technisch-navigatorische Bedeutung ausgespielt. Kitsch konnte nicht ausbleiben und der deutsche Titel des Films klingt vor dem Hintergrund dieser Vorbelastung mehr schlecht als recht, weil es sich bei der „Frau des Leuchtturmwärters“ auch noch um eine Liebesgeschichte handelt. Gewalt der Natur, Gewalt der Liebe, Sehnsucht, Einsamkeit, Weltflucht und so fort. Das tut Liorets sechstem Film aber Unrecht: „Équipier“, der Kamerad, so der irritierend andere, schlichte Titel des Originals.

Das deutet die außergewöhnliche Geschichte zweier Männer und Leuchtturmwärter auf den bretonischen Inseln an, „am Ende der Welt“. Sie ist nicht weniger zentral als die mit ihr verbundene Dreiecksgeschichte, in der „Die Frau des Leuchtturmwärters“ zwischen diesen zwei Männern steht. In Zeiten sich möglichst verästelnder Plots ist das Handlungsmuster, sind Motive und Charaktere von Liorets Drama so unangestrengt natürlich wie das bretonische Szenario selbst: Landschaft und Seele entsprechen sich ganz unpathetisch. Da stört es kaum, dass der fast schon altmodisch-klassische Zuschnitt der Regie sich jedem Experiment enthält. Außerdem prangen Leuchttürme zwar auf vielen Postern, als Kulisse für Filme hingegen sind sie noch völlig unverbraucht. So wird auch jener Teil des Publikums bedient, dem in quasidokumentarischer Qualität Einblicke in die Eremitenwirklichkeit eines jetzt vergangenen Berufs genügen. Und das, obwohl der Regisseur vorher noch nie auf einem Leuchtturm war.

Angenehm zurückhaltend wie lyrisch auch der Einsatz der Aufnahmen von Leuchtturm, Meer und Küste: Hätte man Angesichts von Ort und Liebes-Thematik eigentlich mit fast schon aggressiver Natursymbolik als Spiegel innerer Gefühlsaufwallungen gerechnet, so gelingt es Lioret sehr souverän, die Bildsprache auf einem vernünftigen Level zu halten und kluge Zurückhaltung zu üben. An keiner Stelle kippt eine gewollte Poesie von Bild und Ton in schwulstige Bereiche. Über das Einzelsymbol Leuchtturm, das Lioret eher „naturalistisch“ als verklärend auch in seinen lebensfeindlichen Zügen betont, spielt noch ein kleines Akkordeon eine nicht unwesentliche Rolle. Die Besetzung fährt mit Sandrine Bonnaire, Philippe Torreton und Grégori Derangère bekannte Gesichter des französischen Films auf. Derangère kann den rätselhaften Gleichmut und die am Ende alle gefangen nehmende Freundlichkeit des fremden Neuankömmlings, der mit der barschen Verschlossenheit der Küstenbewohner konfrontiert wird, sehr überzeugend herauskehren.

Andererseits wird seiner Figur nicht allzu viel abverlangt, gleiches gilt für „Die Frau des Leuchtturmwärters“, gespielt von Bonnaire. Die Rollen der Liebenden, die sich nicht lieben können, bleiben eher statisch. Anders bei Philippe Torreton, der als Einziger eine Entwicklung durchläuft, vom Anti- zum Sympathieträger: zuerst der knorrig-abweisende Bretone, der dann während der Schichtdienste zusammen mit „dem Neuen“ zunehmend zusammenwächst. Eine sehr solide Leistung von Torreton, weil er den Wandel seiner verschwiegenen Figur ohne viel Redens glaubwürdig zu entwickeln hat. Denn zu verbergen hat hier jeder etwas. Das gelingt sogar so gut, dass schließlich klar wird, dass die „tragische“ Komponente der Dreiecksgeschichte darin liegt, dass Mabé, die ungewollt Verliebte, ihren Mann schließlich nicht verlassen kann. Die Inszenierung des Dramas ist willkommen unaufgeregt, wie Meeresstille selbst. Lioret nimmt sich Zeit für den Menschenschlag an der Küste und schafft einen schlichtes, puristisches Erzählkino jenseits des Gängigen.

Berührende Dreiecksgeschichte, gut besetzt, poetisch bebildert


Flemming Schock