Tony Takitani

Japan, 75min
R:Jun Ichikawa
B:Jun Ichikawa, Haruki Murakami
D:Issey Ogata,
Rie Miyazawa,
Nishijima Hidetoshi,
Shinohara Takahumi,
Shihodo Wataru
L:IMDb
„Sie schien dazu geboren zu sein, Kleidung zu tragen”
Inhalt
Tony Takitani hatte eine einsame Kindheit. Seine Mutter starb wenige Tage nach seiner Geburt, und sein Vater verbrachte mehr Zeit mit seiner Jazzband als mit seinem Sohn. Einsamkeit schien für Tony ein natürlicher Zustand zu sein. Auch sein amerikanischer Vorname isolierte Tony von seinen Mitmenschen. In der Schule widmete er sich mit besonderer Hingabe der Kunst, eine Leidenschaft, die ihn später zu einem Studium an der Kunstakademie führte. Als in sich gekehrter Student fertigte er naturalistische und detailgetreue Zeichnungen an, die jedoch jede Form von Emotion vermissen ließen und eine Art mechanischer Kälte ausstrahlten. Daran gewöhnt, allein zurechtkommen zu müssen, schien Tony das Aufkommen von Gefühlen für irrational, ja für ein Zeichen von Unreife zu halten. Eines Tages jedoch begegnet Tony Eiko, verliebt sich in die attraktive, junge Frau und heiratet sie wenig später. Sein Leben verändert sich dadurch grundlegend: Zum ersten Mal erlebt Tony das Glück von Nähe und Geborgenheit. Zwar fühlt er sich jetzt lebendiger denn je, aber er fürchtet sich nun auch davor, wieder einsam zu sein – denn erst jetzt wird ihm bewusst, was Einsamkeit überhaupt bedeutet und wie leer sein Leben ohne Eiko war. Etwas aber trübt Tonys Glück: Eikos obsessive Leidenschaft für Designer-Kleidung. Immer wieder zieht es sie in die teuersten Boutiquen, ihre Kleider füllen schließlich ein ganzes Zimmer. Es werden so viele, dass sich Tony schließlich Sorgen macht. Doch als er sie dazu zu bewegen versucht, ihrem unstillbaren Drang zu widerstehen, hat dies tragische Folgen.
Kurzkommentar
Furchtbar prätentiös ist wohl das erste, was einem einfällt, nachdem man „Tony Takitani“ gesehen hat. Und vielleicht auch noch: filmisch fantasielos. Einsamkeit soll über weite Einstellungen vermittelt werden, Melancholie über reduzierte Klaviermusik, die Unfähigkeit zur Kommunikation schlicht über rare Dialoge. Und doch offenbart der Film eine gewisse Könnerschaft im Umgang mit der Kurzgeschichte Haruki Murakamis: die seitwärts dahingleitende Kamera gibt Einblick in die Seele Tony Takitanis, in dessen Leben kein Vor oder Zurück existiert, sondern eigentlich nur Stagnation herrscht, der ständige Wechsel der Erzählform vom auktorialen Erzähler zur dritten Person zur Ich-Form vermittelt gekonnt die Loslösung einer irdisch-körperlichen von einer literarisch-geistigen Existenz und die strenge Komposition der Bilder ist ein funktionierendes Äquivalent zur simplen Mathematik der Geschichte. Dennoch glaubt man, dass der strenge Formalismus nicht immer Entsprechung im Empfinden der Figuren findet und es mit der Substanz des Stoffes dann doch nicht soweit her ist: der böse Einfluss des Westens auf die japanische Kultur, der sich im Vornamen Takitanis und dem Designerfimmel seiner Frau manifestiert, sowie der einsetzende „Vertigo“-Effekt (Mann versucht die zweite Frau nach der ersten zu formen) sind kaum originelle Sujets oder wenigstens tief schürfend behandelt. Zudem fragt man sich, ob es nicht ein wenig vermessen ist, die Isolation des modernen Illustrators mit der Isolation seines Vaters im zweiten Weltkrieg gleichzusetzen und damit ja auch die kriegerische Einwirkung des Westen mit der nachfolgenden, kapitalistischen. Dennoch ist der Film ein spannendes Experiment und das Ende konsequent düster: den Mut für einen Befreiungsschlag aus der Einsamkeit scheint Tony Takitani nicht zu finden.
(Thomas Schlömer)