History of Violence, A

USA, 96min
R:David Cronenberg
B:John Wagner, Vince Locke, Josh Olson
D:Viggo Mortensen,
Maria Bello,
Ed Harris,
William Hurt
L:IMDb
„You should ask Tom... why is he so good at killing people?”
Inhalt
Weil Coffeeshop-Wirt Tom Stall zwei brutale Räuber in Notwehr erschießt, wird er landesweit in den Medien gefeiert, was ihm aber gar nicht recht ist. Bald darauf taucht ein Fremder auf, der Tom von früher zu kennen glaubt und mit ihm abrechnen will. Gegen seinen Willen wehrt Tom sich seiner Haut. Was noch schlimmer ist: Er muss seiner Familie erklären, wie es zu dieser Verwechslung kommen konnte.
Kurzkommentar
Die Allgegenwart der Gewalt in der menschlichen Existenz ist das Leitmotiv von David Cronenbergs neuestem Film. Was als ambitionierter Thriller über die menschliche Natur beginnt, verläuft sich durch eine dramaturgische Mangelerscheinung zu einem unfreiwillig komischen Selbstjustizstreifen mit zahlreichen Westernanleihen, dem es an Aussagekraft fehlt. So bleibt der von Cronenberg anvisierte aktuelle Bezug zum Amerika des George W. Bush als Gesellschaftskritik eher unbefriedigend.
Kritik
David Cronenberg ist nicht zimperlich. Der im phantastischen Bereich angesiedelte Teil seines Schaffens hat einige der drastischsten, prägnantesten Szenen des Horrorfilms zu bieten. Das liegt im Besonderen daran, dass sich der Kanadier mit Vorliebe allen erdenklichen (Fehl-)Funktionen der menschlichen Physis gewidmet hat. Sei es Mutation, Reproduktion, Telepathie oder sonstwie erdenkbare Deformationen - Cronenbergs Toleranzgrenze ist legendär hoch. Trotz seinen mitunter nicht mit Körperflüssigkeiten geizenden Gewaltdarstellungen gilt Cronenberg gemeinhin nicht als Splatterpapst, denn seine Filme bleiben weitgehend ironiefrei. Stattdessen verstehen sie sich auf die Erzeugung eines subtilen, schleichenden Horrors, der sich gegen die bizarren Bilder seiner Kreaturen immer noch behaupten kann.

Dass sich Cronenberg nun schon mehrfach über Adaptionen literarischer Stoffe vom phantastischen Genre entfernt hat, wird darüber gerne vergessen. Zuletzt drehte er mit der Verfilmung von Patrick McGraths Roman "Spider" das Porträt eines schizophrenen Einzelgängers, das den gewohnt düsteren und exzentrischen Tonfall seiner Filme beibehielt und besonders durch die Leistungen seiner Darsteller zu gefallen wusste.

Nach seinem Ausflug in die Gefilde des Londoner East Ends widmet sich Cronenberg nun einem Kleinstadtmilieu im amerikanischen Mittelwesten. Die unspektakuläre Ruhe des Erzählflusses wirkt direkt aus dem Vorgängerfilm übernommen und Gespür für das stimmige Einfangen der Atmosphäre seines Handlungsschauplatzes beweist er auch hier: Obwohl in der Umgebung von Toronto gedreht, ist einem das beinahe klischeehaft idyllische Kleinstadtbild (eine Hauptstraße im Ort) schnell vertraut. Allzu gerne glaubt man, dass es sich bei den Einwohnern nur um die vom üblichen Provinzsheriff zitierten „good people“ handeln kann.

Diese Ruhe zu durchbrechen bedarf es somit einiger Ortsfremder und diese lassen sich auch nicht lange bitten, um Cronenbergs Abhandlung über die Gewalt ins Rollen zu bringen. Im Zentrum des Geschehens steht Viggo Mortensens Charakter Tom Stall, Inhaber eines kleinen Cafés, der spätabends eine unangenehme Begegnung mit zwei unliebsamen Gästen hat. In der Folge dieses Vorfalls gerät Tom unfreiwillig sowohl in den Fokus der Medien als auch ins Visier weiterer Unbekannter, die ebenso plötzlich wie geheimnisvoll in Erscheinung treten, aber der festen Überzeugung sind, mit Tom noch eine Rechnung offen zu haben. Für diesen beginnt eine tour de force, die nicht nur ihn selbst, sondern auch seine Familie bedroht.

Wir erleben Tom als einen jener „good people“ der Stadt, ein Durchschnittstyp, der klassische „kleine Mann“, der einer ehrlichen Arbeit nachgeht und sein Heim und seine Familie als größtes Glück empfindet. Beispielhaft spricht seine Frau Edie (Maria Bello) über ihn: „I have never known a better man.“ Dazu gesellt sich eine gewisse Unbescholtenheit Toms, die im Kontrast zwischen den beiden zunächst angedeutet, dann offen ausgespielt wird: Als Anwältin übernimmt Edie den traditionell maskulinen Part des Haupternährers der Familie und scheint mit dem scharfsinnigeren Gemüt ausgestattet zu sein. In einer bemerkenswert freizügigen Szene der beiden Hauptdarsteller ist es dann sie, die ihren naiv anmutenden Ehemann mit schlüpfrigen Einfällen überrascht.

Diese Charakterisierung Toms als „Unschuld vom Lande“ im nicht ganz klassischen Sinn erweist sich als äußerst wirkungsvoll, denn so trifft den Zuseher sein entschlossener, plötzlicher Gewaltakt im Café umso unvermittelter. Dessen Darstellung verläuft wie von Cronenberg gewohnt: erbarmungslos direkt, nichts beschönigend und als unvermeidliche Konsequenz der Handlungen der Figuren nahtlos ins Geschehen eingegliedert. Also ganz im Sinne eines Michael Haneke: schmerzhaft.

Es sind eigentlich klassische Westernmotive, die aufeinanderprallen, wenn Tom Stall seine Antagonisten konfrontiert: Er als die personifizierte Unschuld des Landes gegen die Korruption der Großstadt. Dabei, so scheint es wenigstens zunächst, werden seine Prinzipien einer harten Probe unterzogen: Ähnlich wie in Peckinpahs „Straw Dogs“ stellt sich anfangs die Frage nach der Gewalt als legitime ultima ratio. "Home security" bzw. "homeland security", der Selbstschutz also und das damit verbundene Recht, eine Waffe zu tragen - typisch amerikanische Themen mit langer Tradition sind es, die Cronenberg anschneidet. Die scheinbare Lektion: Auch in einem einfachen Familienvater, der keiner Fliege was zu Leide tun würde, steckt das Potential grausamer Gewalt, sobald er Heim und Familie bedroht sieht.

[SPOILERWARNUNG]
Diese Prämisse verliert allerdings sehr schnell ihre Berechtigung: Tom ist beileibe kein Unschuldiger, der in die Enge getrieben wird, denn wie sich herausstellt, haben er und die zwielichtigen Gesellen aus der Großstadt sehr wohl eine gemeinsame Vergangenheit: Als Joey Cusack erwarb er sich nicht nur zweifelhaften Ruhm als ruchloser Killer, in diesem früheren Leben ist er auch noch der Bruder des einflussreichen Mobbosses Richie Cusack (William Hurt). Somit verliert Cronenbergs Argument, das in uns allen ein ursprünglicher Gewaltinstinkt schlummert, deutlich an Kraft. Sein Held ist kein rechtschaffener Bürger, der durch ein Missverständnis in eine Art Hitchcock’sche Verwechslungsgeschichte gerät und sich nicht mehr anders zu helfen weiß. So sehr er sich auch bemüht, es zu verdrängen, Tom Stall ist mit den Mitteln der Gewalt vertraut, er hat eine Geschichte, der er nicht entfliehen kann. Obwohl dies dem Titel des Films nach eine nahe liegende Schlussfolgerung ist, bleibt eine Unstimmigkeit, mit der Cronenberg sich verzettelt.

Sobald wir das wissen, hört das Mitgefühl und das Mitfiebern mit dem aufrechten Kleinstadtdad schlagartig auf. Mortensens Figur mutiert vom zwiegespaltenen Normalo zum einsilbigen Actionhelden, von dem man sich nur mehr spektakuläre Szenen erwartet; spätestens, nachdem er zum zweiten Mal mehrere Angreifer im Alleingang demoliert hat. Ein entsprechender Spannungsverlust ist vorprogrammiert.
[SPOILER ENDE]

Was als interessanter Thriller mit provokativer Fragestellung beginnt, wird so zum bloßen Selbstjustizstreifen, der, wenn man so will, lediglich bestätigen kann, dass der Mensch nicht aus seiner Haut kann. Hinzu kommt, dass sämtliche Schurken an einem sonderbaren Dilletantismus leiden, der zu Lasten ihrer Ernsthaftigkeit geht und für einiges Kopfschütteln sorgt. Dies kulminiert in Form von Richie Cusack, der sich aus seinem Haus aussperren lässt, um sich beim anschließenden Hantieren mit dem Schlüsselbund übertölpeln zu lassen. Und doch sind es letztlich die präzise ausgearbeiteten Charaktere, die dafür sorgen, dass „A History of Violence“ sehenswert bleibt. Neben der zwischen bedingungsloser Loyalität und angstvollem Zweifel hin- und hergerissenen Edie ist es vor allem Sohn Jack, der unter dem Eindruck der plötzlichen Gewalttätigkeit eine plausible Wandlung erfährt. Auch die Figur des Carl ist in ihrer innerlichen wie äußerlichen Verrohung, dank der mit sichtlichem Spaß an ihrer Bösartigkeit vorgetragenen Darbietung von Ed Harris, eine Bereicherung.

Unter dem Strich bleibt eine ambitionierte Gewaltstudie, die mit unfreiwilliger Komik zu kämpfen hat und ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird. Man wird das Gefühl nicht los, das Cronenberg viel von dem Potential der Geschichte ungenutzt ließ; er scheitert, wenngleich auf hohem Niveau.

Inkonsequente Gewaltparabel mit glaubhaften Charakteren und unfreiwilliger Komik


Reinhard Prosch