Gloomy Sunday - Ein Lied von Liebe und Tod

Deutschland, 110min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Rolf Schübel
D:Joachim Król,
Ben Becker,
Stefano Dionisi,
Erika Marozsán
L:IMDb
„Deutschland muss dudenfrei werden!”
Inhalt
Budapest in den 30er Jahren. László Szabó (Joachim Król) und Ilona Várnai (Erika Maroszán) führen ein Restaurant, das durch ein Lied berühmt wird: 'Das Lied vom traurigen Sonntag' ergreift die Zuhörer in seiner beispielhaften Melancholie. Die Ballade hat der junge Hauspianist András Aradi (Stefano Dionisi) aus grosser Liebe zu Ilona komponiert. Ilonas Herz schlägt jedoch für beide Männer - für András und László. Es entwickelt sich eine Dreiecksgeschichte, in der alle mehr oder minder ihr Glück finden. Bis auch der Deutsche Hans Eberhard Wieck (Ben Becker) dem Zauber des Liedes und der Schönheit Ilonas verfällt. Seinen Heiratsantrag lehnt sie jedoch ab. Einige Jahre später kehrt Hans als SS-Offizier in das inzwischen von Deutschen besetzte Budapest zurück. Nun als Mann mit Macht über Leben und Tod, droht er das fragile Gleichgewicht zwischen Ilona und ihren beiden Männern zu zerstören.
Kurzkommentar
Das Kinodebut des Dokumentarfilmers Rainer Schübel erzählt balladenhaft die Ewigkeit einer Liebe über den Tod hinaus. Handwerklich und stilistisch überaus ausgereift, zieht der Film formal und vor allem durch seine magisch melancholische Titelmelodie in den Bann, auf die sich die gesamte Inszenierung jedoch zu stark verlässt. Das Drehbuch ist schwergängig, bringt periphere Charaktere und teils schwache Dialoge hervor, wodurch das großartige Schauspielerensemble in romantischer Fotografie arrangiert, aber leider auch unterfordert wird.
Kritik
Einige Filme verblüffen mit Erzählstoffen, von denen man annimmt, sie seien wegen ihrer großen 'Filmkompatibilität' bereits für die Leinwand aufbereitet - so auch bei dieser Literaturadaption. Das Buch 'Das Lied vom traurigen Sonntag' von Nick Barkow bezog seine Inspiration aus dem gleichnamigen, historisch authentischem Klavierstück, welches eine einmalig tragische Geschichte begleitet. Denn tatsächlich avancierte das aus Liebe komponierte Stück in den 30er Jahren zum Welterfolg und bekam die makabre Titulatur 'Hymne der Selbstmörder', weil sich hunderte von Menschen von seiner Melodie begleitet in den Freitod beförderten.

Das Motiv des Liedes erzeugt beim Zuhörer eine Gratwanderung des Gefühls zwischen tränenprovozierender Elegie, Bitterkeit und liebhafter Süsse - kitschig und doch wie ein Sog. Auch der honorierte Dokumentarfilmer Schübel war wie gebannt, als er eine Interpretation des Stückes 1960 zum ersten Mal hörte, an die vielen Tragödien dachte und erkannte: Mensch, soviel Tragik hat bewegte Bilder verdient! Als später nun die romanhafte Ummantelung von Autor Barkow hinzukam, hiess es nur noch, das Ganze zum Drehbuch umzuschustern. Das Ergebnis ist eine zwiespältige Angelegenheit, atmet sichtlich schwer unter der Last der Titelmelodie, unter der für das eigentliche Schauspiel nur wenig Freiraum bleibt. Ort der Ereignisse ist das während des 2. Weltkrieges von Deutschland besetzte Ungarn.

Um minutiöse Geschichtsdarstellung kümmert sich Schübel als Dokumentarspezialist indessen erstaunlich wenig, was kein Nachteil bedeuten muss, denn die historischen Bedingungen bilden für den primären Erzählstrang einen ausreichend verabeiteten Background. Und vordergründig dreht sich natürlich alles um Liebe und die merkwürdigen Metamorphosen, die Liebende ihretwegen durchmachen. Das mäßig Unverbrauchte in dieser leidlichen Angelegenheit ist das Motiv der fast harmonischen Dreiecksbeziehung, erst problematisiert durch den dritten hartnäckigen Verehrer Hans Berhard Wieck (Ben Becker). Es wäre für ihn ein Leichtes, die ménage à trois zu zerstören, denn in der Dreieckskonstellation ist eben nur eine äußerst fragile Harmonie deswegen möglich, weil sich die Aufmerksamkeit aller Männer kompromißlos auf die engelsgleiche Ilona konzentriert. Mit der ungarischen Schauspieldebutantin Erika Marozsán ist in der Form eine fast vollendete Auswahl getroffen worden, als dass sie in ihrer Erscheinung wirklich eben genau jene Person sein könnte, der die Widmung des wirkungsmächtigen Liedes zukam. Ihr Lächeln trifft direkt in das Herz aller Lokalbesucher, jeder verfällt ihr und ihre Engelserscheinung lässt den Zuschauer selbst tadelwürdiges Seitensprungverhalten positiv werten. Marozsán zeichnet ihre ersten Rolle großartig verführerisch, zartfühlend und zutiefst menschlich, und das, obgleich das halbgare Script ihrem Charakter keine rechte Tiefe zubillig.

Nicht anders ergeht es dem Italiener Stefano Dionisi, Ben Becker und Joachim Król, einem der momentan besten deutschen Darsteller. Genau wie Erika Marozsán vermögen alle drei, trotz drehbuchtechnischer Behäbigkeit und dialogischer Plattitüden, ihren Rollen Plastizität zu verleihen, retten also halbwegs, was der Drehbuchschreiber vermurkste. Sehr feinfühlig konstrastieren Król und Dionisi die Charaktere des kontaktfreudigen Restaurantbesitzers und des introvertierten, schweigsamen Pianisten. Während Krol als Szabó eine stets bedächtig kontrollierende Funktion wahrzunehmen scheint, entwickelt Dionisi - so weit das Drehbuch es wiederum zulässt - die Pianistenfigur Aradi als Gegenpol: irritiert, distanziert und sinnierend. Hervorstechend ist Ben Beckers Verkörperung von Hans, als er in Naziuniform nach Budapest zurückkehrt. Entgegen aller Schablonenhaftigkeit und darstellerischer Konvention hinsichtlich von Nazi-Schergen, verleiht er dem SS-Standartenführer nuanciert menschliche Züge, die erst gegen Schluß weichen. Doch letztendlich finden die Defizite des Drehbuchs doch ihren Niederschlag, wenn es den vom Ansatz her vielversprechenden Charakteren jegliche Weiterentwicklung untersagt und den Schauspielern keine Entfaltung lässt.

Das folgende Oberflächengedümpel im 'Liebesdialog' zwischen den Dreien ist leblos und alles andere als vom Feuer der Leidenschaft erfasst. Und als ob die Schauspieler mit der trivialen Dialogisierung nicht schon genug gestraft seien, kommt erschwerend hinzu, dass auch die übrige Handlung nie recht in Gang kommt. Das hat einen einfachen formalen Grund: wo sich ein Film ein Lied zum Hauptmotiv erwählt, das Melancholie und Pathetik sinnlich erfahrbar macht, wird das Drehbuch von Beginn an als sekundär eingestuft. Unweigerliche Folge, unter der die gesamte Inszenierung leidet: hier vertraut man nicht dem Wort, sondern immer nur der einen Melodie, der unwillkürlichen Melancholie ('Spiel´s nochmal, Sam!'). Doch die Dichte und Subtilität der Atmosphäre eines 'Casablanca' wird nicht einmal im Ansatz erreicht - ein zu hohes Ziel. Hier bleibt die Melodie nicht nur Charakteristikum für die Stimmung, sondern sie wird derart oft variiert durchgenudelt, dass man fast versucht ist, vor der Musikpenetranz im Suizid Zuflucht zu suchen. Denn wieso alles durchweg mit einem Schleier der Trauer belegt sein muss, ist nicht schlüssig. Humor, hilflos an einigen Stellen eingestreut (siehe obiges Zitat), wirkt geradezu peinlich. Nur Regisseur Schübel scheint sein schwermütiges und schwergängiges Kino zu zelebrieren - alle anderen werden depressiv. Dennoch ist 'Gloomy Sunday' ein - sinnhaftes - Erlebnis, dass das Augen und Ohren überwiegend verwöhnt. Durch große Darsteller (die ihr Potential nur andeuten dürfen) und elegantes Format kommt das Pathetikdesaster mit einem blauen Auge davon. Es zeigt sich, dass die Magie eines Liedes nicht zum alleinigen Funktionsprinzip eines Darstellerfilmes gemacht werden darf.

Melodische Depressivität unterdrückt brilliante Darsteller


Flemming Schock