Woodsman, The

USA, 97min
R:Nicole Kassell
B:Steven Fechter
D:Kevin Bacon,
Kyra Sedgwick,
Mos Def,
Benjamin Bratt
L:IMDb
„What is normal.”
Inhalt
Nach zwölf Jahren Gefängnis wird Walter (Kevin Bacon), verurteilt wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger, in eine Welt entlassen, die er kaum noch kennt und die ihn nicht kennen will. Walter versucht ein normales, unauffälliges Leben zu führen. Er zieht in ein kleines Apartment und findet einen Job im Sägewerk. Doch seine Umwelt begegnet ihm mit Misstrauen, Ablehnung und Hass. Allein seine Arbeitskollegin Vicki (Kyra Sedgwick) versucht ihn nicht nach dem zu beurteilen, was er vor Jahren getan hat. Zwischen den beiden könnte eine Liebe entstehen, aber Walter lebt in ständiger Angst vor Repressalien, vor allem aber der Angst vor seinen eigenen Impulsen und Gefühlen, die durch die Bekanntschaft mit einem jungen Mädchen wieder auszubrechen drohen.
Kurzkommentar
Schon beim Sundance-Festival ging „The Woodsman“ leer aus und jetzt auch noch das. Gemessen an der diesjährigen Konkurrenz wäre eine Oscarnominierung für die Pädophilendarstellung Kevin Bacons sehr zu begrüßen gewesen. Das beobachtungsgenaue Portrait eines seelisch und triebhaft Leidenden ist als Regiedebüt von Nicole Kassell ingesamt gelungen, zeichnet sich durch Ruhe und souveräne Handhabung seines schwierigen Themas aus. Die Katharsis am Ende wirkt dagegen rührselig und unnötig aufgesetzt.
Kritik
Held, Heldin oder Monster - der Bereich dazwischen, das Normale und Alltägliche, hat in den bevorzugten Figuren Hollywoods gerade dann keine Chance, wenn es angesichts der anstehenden Oscarverleihung mal wieder heißt, menschliche Extreme und Schauspielkunst aneinander hochzutreiben. Hier zählen allein Abgrund oder Höhe. Im letzten Jahr war der Titel „Monster“ gleich Programm und für Charlize Theron als bemüht verunstaltete Massenmörderin die sichere Fahrkarte zum Triumph bei der wichtigsten Filmpreisverleihung. Bemerkenswerterweise zeigen gerade jüngere Filme, die vorgeben, sich mit dem Innenleben von Psycho- und Soziopathen mal so richtig differenziert zu befassen, ein gewisse Tendenz, die Täter am Randbereich der Gesellschaft eben auch in der Opferrolle zu sehen. Die vernichtende Kraft der Individuen wird damit nicht entschuldigt, wohl aber ihre absolute Verantwortung relativiert im Angesicht einer im Kern unfähigen Gesellschaft, die sich nur für das Verbrechen, nicht aber um ein wirkliches Verständnis der Ursachen bemüht.

Voyeurismus und Sozialkritik sind hier natürlich nur begrenzt unterscheidbar. Lobenswert war in „Monster“ der Ansatz, banal, klischeehaft und an der Oberfläche blieb die Umsetzung. Einen Film über einen zu rehabilitierenden Pädosexuellen zu drehen, dürfte ein noch heikler Boden sein als die „verständnisvolle“ Annäherung an eine prostituierte Serienkillerin. Dieses Drama hätte es auf kalkulierte Provokation anlegen können, aber „The Woodsman“ geht es in behutsamer und am Ende auch kluger Manier weniger um Kommentar als um Beobachtung und Andeutung. Das heißt nun nicht, dass der Zuschauer mit dem Finden einer moralischen Orientierung völlig allein gelassen würde – die steht durch die pädosexuelle Neigung der Hauptfigur ja ohnehin fest. Aber der erste Film in Kinolänge von Nicole Kassell schafft es auf angenehm unaufgeregte Weise, den perversen Drang der zwanghaften Hauptfigur eher in studienhafter Weise statt als schockierende Sensation zum Thema zu machen.

Das „Monster“ ist Kevin Bacon und mit seiner zentralen Performance wies und musste alles direkt in Richtung Oscarnominierung weisen. Geklappt hat es dann nicht. Leider, will man sagen, denn seine Präsenz ist großartig, gerade durch ihren zurückhaltenden, nach innen gekehrten Zug. Anders am Ende der Film selbst: Er ist dann doch zu behäbig und in seinen Deutungsangeboten selbst wieder zu abgedroschen, obwohl Kassell zugute zu halten ist, dass der gesamte Grundton, einen Menschen im Kampf gegen eine Tabuneigung unvoreingenommen zu beobachten statt ihn pauschal zu verdammen, sehr wirksam ist. Auf diesem Raster kann Bacon mit seiner unbedingten Präsenz aufbauen. Geschaffen für eine Intensität ist die Figur des Walter vor allem deswegen, weil – und das ist die Originalität von „The Woodsman“ – die Tragik seines Protagonisten darin liegt, dass er sich von Kindern sexuell angezogen fühlt, sich aber der zerstörerischen Konsequenz voll bewusst ist. Der Willen, sich in die gesellschaftlich verordnete „Normalität“ wieder einzuordnen und nicht „rückfällig“ zu werden ist also exakt so groß wie das Verlangen selbst.

Lobenswert, dass Nicole Kassell auf platte Unterhaltungswerte, also möglichst deutliche Szenen verzichtet; schon aus einem interpretatorischen Grund: Große psychologische Schlüsse will Kassells Inszenierung dem Zuschauer selbst überlassen. Bacons sehr nuancierte Darstellung kann von dieser relativen Deutungsoffenheit auf fast paradoxe Weise profitieren –Bacon gelingt es auf immer intensivere Weise, Walter in seinem „Heilungsprozess“ zu porträtieren, aber bis zum Ende hin wissen wir im Grunde nicht mehr über ihn. Dennoch kommt, wer sich im gewissen Rahmen schon auf Ursachenforschung einlässt, um ihre Nennung zumindest andeutungsweise nicht herum. Diese sind, psychoanalytischen Klischees entsprechend, dann erwartungsgemäß und hinnehmbar. Ein wenig zu viel Hollywood und seelische Naivität bietet allerdings die unerwartete „Therapie“ durch eine Parkbegegnung mit einem potentiellen Opfer. Bis dahin bietet „The Woodsman“ gute Nebendarsteller und einen sehr beeindruckenden, aber wohl weiterhin unterschätzten Kevin Bacon. Die etwas lahmen Alltagsskizzen des Streifens wiegt er spielend auf.

Nüchternes Psychopathendrama mit eindringlichem Hauptdarsteller


Flemming Schock