Appleseed
(Appurushîdo)

Japan, 103min
R:Shinji Aramaki
B:Masamune Shirow, Haruka Handa, Tsutomu Kamishiro
L:IMDb
„Nennen wir es Sterbehilfe für die Menschheit.”
Inhalt
Im Jahr 2131 liegt die Welt in Trümmern. Die junge Kriegerin Deunan streift noch immer durch die Ruinen, als sie plötzlich entführt und in die Metropole Olympus verschleppt wird. Sie erwacht inmitten einer futuristischen Gesellschaft, in der Menschen und sogenannte Bioroids, genetisch veränderte Klone, scheinbar harmonisch und friedlich zusammenleben. Hier begegnet sie bald ihrem früheren Freund Briareos, dessen Körper mittlerweile durch Roboterteile ersetzt wurde. Kann sie ihm noch Vertrauen? Die politischen Spannungen in Olympus schwellen an und auf der Suche nach dem gefährlichen Geheimnis dieses Utopias kommt Deunan nur langsam dahinter, wie sehr das Schicksal der Menschheit doch mit ihrem eigenen verknüpft ist.
Kurzkommentar
Zeitenwende: Disneys Zeichenstudios werden mittelfristig geschlossen und auch in Japan soll der Anime mehr und mehr berechnet werden: Das Endzeitspektakel „Appleseed“ ist der erste komplett computeranimierte Anime. Die technische Seite kann trotz vergleichsweise statischer Mimiken durchaus punkten, ebenso die zentralen, düsteren Actionszenen. Der Plot um den Konflikt zweier Menschheiten in einem hintergrundlosen Utopia ist allerdings leicht verheddert und zäh.
Kritik
Ein Zufall der Verleihpolitik macht möglich, dass sich Vergangenheit und vermeintliche Zukunft des japanischen Trickfilms (Anime) im deutschen Kino etwa zeitgleich einstellen. Dass „Appleseed“ die Zukunft sei, soll wenigstens ein Vertreter eines führenden japanischen Zeichenstudios gesagt haben. Den Inhalt kann es nicht meinen, dafür ist er zu düster, zu waffenstarrend, gesellschafts- und technikphilosophisch zu ausgelutscht, zu verworren. Es meint die Form. Vielleicht einer der letzten klassischen, also rein handgezeichneten Animes ist aktuell mit Miyazakis zauberhafter Euro-Phantasie „Das Wandelnde Schloss“ im Kino zu sehen. Lange haben sich die japanischen Studios, die meisten davon Traditionsbetriebe und Künstlerwerkstätten, gegen die im Computer entstandene Trickfilmdominanz aus Amerika gewehrt. Vielleicht werden sie es noch weiter tun, darüber entscheidet japanische Publikum, das sich möglicherweise mit einer visuellen Hegemonie im Stil der Pixar-Studios noch nicht ganz abfinden will.

Die Zeitenwende von der Handzeichnung zur Computergrafik in Japan vollzieht sich dabei vor dem Hintergrund eines bemerkenswert synchronen Vorgangs in Amerika selbst, der nur von Zeichennostalgikern tränenreich bedauert und in den Feuilletons sonst nur zur Fußnote wurde – zu sehr scheint es in der logischen Konsequenz von Markt und Konditionierung der Sehgewohnheiten auf die Ästhetik der computergenerierten Streifen zu liegen: Kürzlich gab Disney bekannt, dass in Bälde das letzte Studio geschlossen werde, in denen noch das unzeitgemäße Zeichenbrett zum Einsatz komme. Fortan also nur noch „3-D“, um für die Bedürfnisse und Standards eines Trickfilmmarktes gerüstet zu sein, dessen Einnahmen dem „Realfilm“-Bereich zunehmend das Wasser abgraben. Gleich, ob die nunmehr allein im Computer generierten Bildwelten auf räumliche Tiefe setzten oder, wie der klassische Disney oder Anime, zweidimensional bleiben – zumindest der technische Vorteil des Computers scheint einleuchtend: Die mühselige Einzelzeichnung jeder Animationsphase ließ den Bildfluss ruckeln.

Dass mit „Appleseed“ der Pinsel gegen die Maus eingetauscht wird, ist auch eine symbolische Entscheidung. Die „neue Ära“ des Animes soll schließlich nicht mit der Adaption eines beliebigen Vertreter der Manga-Kultur eingeläutet werden, sondern mit einem großen Klassiker. 1985 zeichnete der damals erst 25-jährige Shirow Masamune, bis heute einer der großen Manga-Ikonen („Ghost in the Shell“), „Appleseed“. 1988 gab es eine erste Anime-Umsetzung des postapokalyptischen Szenarios des Ringens um die friedliche Koexistenz des „alten“ und des genetisch getunten „neuen“ Menschen. Überwölbt wurde das Ganze von ziemlich martialischen Roboterschlachtphantasien. Was Anno 85 Androiden- und Cyberpunk-Zeitalter noch aufregend war, ist es heute vielleicht nur noch bedingt. Zuerst zur Form; „Appleseed“ 2005 ist vor allem eine Stilübung: Gegenüber der Kombination von klassischen „2D“ und „3D“-Elementen dürfte man gespaltener Meinung sein. Das Auffälligste: Radikal geändert hat sich der Animationsfluss. Computerbedingt ist er nun butterweich, da mag man den stockenden Charme der Handzeichnung durchaus vermissen.

Für das Erscheinungsbild der Figuren sind zwei Momente charakteristisch: Sie versuchen sich zum einen in Traditionswahrung insofern, als „klassische“ Zweidimensionalität beibehalten wird. Zum anderen spart sich „Appleseed“ dankenswerterweise, was „Final Fantasy“ letztlich scheitern und ganz sicher nicht wie Zukunft aussehen ließ: Es geht Regisseur Shinji Aramaki nicht um eine möglichst fotorealistische Imitation des „wirklichen“ menschlichen Äußeren. „Appleseed“ sieht sich wohl als behutsame, zeitgemäße Aktualisierung – und versucht sich nicht an einem „Realfilm“ aus Bits und Bytes, sondern an einer „zeitgemäßen“ Kopie der Handzeichnung. Nostalgische Enthusiasten finden das vielleicht gar nicht lustig; tatsächlich vermischt die Grenze zwischen fernöstlichem, erfolgreich exportieren Videospiel und Anime mit „Appleseed“ sehr drastisch. Das macht gerade der martialische Prolog deutlich, in dem Deunan, die etwas naive Amazone und Heldin des Streifens, gegen allerhand spielerisches Kriegsgerät antritt, untermauert von hektischer Musik. Insofern kein Missverständnis im Hinblick auf die Zielgruppe.

Dennoch fesseln die Computerkünstler mit überzeugenden postapokalyptischen Bildern und einer gelungen düsteren Einstiegsatmosphäre. Computeranimation heißt auch Selbstamerikanisierung des Stils, dafür sprechen z.B. Musikauswahl und die nach dem Prolog eingespielten Credits. Immerhin ist „Appleseed“ visuell abgerundet und das befürchtete Muskelspiel der Rechner so unaufdringlich, dass es den eigentlichen Inhalt nicht in die zweite Reihe abrutschen lässt. Allerdings wirkt die Mimik der Akteure weit artifizieller als bei den handgezeichneten Pendants. Dem Plot merkt man seine Jahre und die Herkunft aus der Comic-Ecke zudem an: Zu ausgelatscht und rudimentär ist die Vision eines Utopias nach einem beliebigen Dritten Weltkrieg. Reichlich unausgegoren auch die Annahme, die so genannten „Bioriods“, genetisch getunte Menschen, würden in Nicht-Konkurrenz mit den schlicht biologisch reproduzierten Menschen zusammenleben – dass in einem solchen Szenario der „minderwertige“ Mensch letztendlich verdrängt würde, ist ja vielmehr nur „ökonomisch“.

Trotzdem propagiert „Appleseed“ über weite Strecken anderes. Wer aus welcher Motivation genau gegen wen nun Ränke schmiedet, bleibt nicht nur der blassen Heldin lange Zeit undurchsichtig. Richtungswechsel gibt es am laufenden Band, zähe Dialoge auch. Die Lebendigkeit von Pixar-Charakteren war natürlich nicht zu erwarten, im Rahmen der angestaubten Vorlage schlägt sich „Appleseed“ recht wacker, was natürlich gerade die rasant „geschnittenen“ Actionsequenzen betrifft. Hier gelingt zum Teil Erstaunliches. In Summe hätte der „zukunftsträchtige“ Ausflug klassischer Anime-Kunst weit schlechter ausfällen können. Der gleichzeitig erwachsene und infantile „Appleseed“ wird zwar ein weit kleineres Publikum als „Das wandelnde Schloss“ ansprechen, aber trotzdem sieht der japanische Anime damit weit exportfähiger und nicht unbedingt gleich „seelenlos“ aus.

Sehenswerter Animeklassiker in streitbarem Face-lift


Flemming Schock