Insel, Die
(Island, The)

USA
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Michael Bay
B:Alex Kurtzman, Roberto Orci, Caspian Tredwell-Owen
D:Ewan McGregor,
Scarlett Johansson,
Djimon Honsou,
Steve Buscemi,
Michael Clarke Duncan
L:IMDb
„Another day in paradise.”
Inhalt
Lincoln Six-Echo (McGregor) und Jordan Two-Delta (Johansson) leben Mitte des 21. Jahrhunderts in einer scheinbar utopischen Wohneinheit, die in Wirklichkeit ein Gefängnis ist. Wie alle Bewohner werden sie ständig überwacht, angeblich zu ihrem eigenen Schutz. Sie alle hoffen, irgendwann auf „Die Insel“ reisen zu dürfen: die allerletzte unverseuchte Oase auf der Erde. Denn es heißt, dass alle Menschen auf der Welt – außer ihnen – bei einer Umweltkatastrophe umgekommen sind. Seit kurzem wird Lincoln jedoch von unerklärlichen Albträumen geplagt. Immer ungeduldiger stellt er sein Gefangenendasein infrage. Doch auf die Wahrheit ist er nicht vorbereitet: Neugierig geworden, entdeckt Lincoln, dass sein gesamtes Leben eine einzige Lüge ist – und die Insel nur Auswuchs eines grausamen Betrugsmanövers. Ihm wird klar, dass er, Jordan und alle anderen tot sehr viel mehr wert sind als lebendig. Die Zeit wird knapp, und so flieht Lincoln mit Jordan aus der einzigen Welt, die sie kennen. Doch schon haben die gnadenlosen Schergen des Instituts die Verfolgung aufgenommen. Lincoln und Jordan kennen nur ein Ziel: am Leben zu bleiben.
Kurzkommentar
Vielleicht eine der kleinen Kinoüberraschungen des Jahres: Ausgerechnet Radau-Regisseur Michael Bay gelingt nach „Bad Boys 2“ ein rasanter, perfekt getimter Action-Blockbuster mit relativem Witz. Die Klon-Thematik von „Die Insel“ genügt als inhaltlicher Kern vollkommen, ohne das Genre mit geheucheltem Anspruch und Pseudokomplexität zu überdehnen. Eine frische Besetzung tut ihr Übriges, um den perfekt produzierten, schlicht spaßigen Sci-Fi-Thriller abzurunden.
Kritik
Ist das die Rettung für die diesjährige Box-Office-Lähmung? Sicher nicht wenige hätten den Ex-Werbefilmer Michael Bay nach seinem Macho-Desaster „Bad Boys 2“ sehr gerne auf eine einsame Insel verbannt. Zusammen mit seinem Hausproduzenten Jerry Bruckheimer hatte Bay in den 90er Jahren mit dem ersten „Bad Boys“, mit „The Rock“ und „Armageddon“ die Messlatte im testosterondurchtränkten Actionkino neu bestimmt. Die nur kaum variierte Formel: Dialoge auf markigem Einzeilerniveau, lupenreine Hochglanzcoolness und Explosionen im Minutentakt. Fürs Niveau tat das wenig, für die Kinokassen seinerzeit viel. „Pearl Harbor“ sollte dann eigentlich ein „Titanic“ zulande werden, die Kriegsschnulze floppte aber verhältnismäßig. Das proletenhafte Gewaltpathos samt den dazugehörigen vorsintflutlichen Frauenbildern überschritten in „Bad Boys 2“ die Peinlichkeitsgrenze bei weitem. Dass diese Art des Filmemachens viel mit Psychologie und Ästhetik der Werbung zu tun hat, macht „Die Insel“ durch ein äußerst nervendes „Product-Placement“ spürbar. Bay kann und will seine Herkunft nicht verleugnen. Das überrascht bei dem vielleicht reinrassigsten Mainstream-Produkt des Jahres aber auch weniger.

Abwegig ist wohl, dass der Regisseur nach „Bad Boys 2“ nun wirklich ein Einsehen hatte, dass es mit dem debilen Protzkino so nicht weiter gehen könne – statt hohler Action nun also Action mit Botschaft, Randale mit moralischem Kern? Immerhin soll Steven Spielberg selbst, dessen Dreamworks-Studio hier mit im Boot ist, Michael Bay die Verfilmung des Drehbuchs von Caspian Tredwell-Owen ans Herz gelegt haben. Dass ausgerechnet Tredwell-Owen hier den Zuschlag bekam überrascht schon, stellt man dessen biederes Script für den Humanitäts-Langweiler „Jenseits aller Grenzen“ in Rechnung. Und wer Action mit „zeitbezogenenem“, gar „kritischen Anstrich“ garnieren will, entscheidet sich derzeit für die medial omnipräsente Klon-Thematik. So könnte man der „Insel“, einem futuristischen Klon-Thriller im unverkennbaren Michael Bay-Effekt- und Schnittrhythmus, nicht grundlos Einfallslosigkeit und Verbrämung des eigentlichen Genreanliegens vorhalten. Aber „Die Insel“ soll am eigenen Anspruch gemessen werden, vor allem an der Erwartungshaltung des Zielpublikums, und nicht daran, was er leisten kann oder sollte. Vom Hirntotkino zur ausgefeilten Wissenschaftskritik, das wäre für „einen Bay“ auch zu weit gegangen.

„Die Insel“ funktioniert nach den Mechanismen des Genres fast tadellos. Logiklücken sowie statische Figuren hin oder her – Bay rehabilitiert sich hier in seinem Genre insgesamt beeindruckend; „Die Insel“ ist spannend, das Bay-typische Pathos ist auf ein gesundes Maß reduziert, die Actionsequenzen sind kaum originell, aber ausreichend protzig und rasant, alles wirkt aus einem Guss, die Hauptrollen sind erfrischend besetzt, aber vor allem: Der Grundeinfall ist witzig. Dass Klone, die ohne ihr Wissen als reine Reproduktionssklaven und lebende Ersatzteillager dienen, in einer hermetisch abgeschlossenen Welt mit der Illusion einer Inselflucht von der Infragestellung des gleichförmigen Kollektivs abgehalten werden, ist natürlich alles andere als wasserdicht. Nur die Aussicht auf ein paradiesisches Insel-Exil als Gegenpol zur anorganisch-technischen Existenz würde auch nicht den Verstand eines Kindes vom Beginn einer Revolte ablenken: vom neugierigen Fragenstellen. Und wieso ausgerechnet allein Lincoln Six Echo mit dieser menschlichen Grundbefindlichkeit den bemüht aufrecht erhaltenen Produktionskörper zu enttarnen beginnt, wird nicht wirklich plausibel gemacht.

„Die Insel“ entwirft keine Utopie oder Dystopie im Sinn jener klassischen Denkform, die ideale Staats- oder Gesellschaftsverfassungen positiv-erstrebenswert oder negativ-verstörend vorweg denkt. Wissenschaftlicher Fortschritt war hier nur ein Aspekt eines komplizierten Aufbaus. Mit dieser Grammatik kann Bay nichts anfangen. Nur die Gleichförmigkeit der Gefängnisexistenz erinnert in arg reduzierter Form an Sozialutopien – und der Begriff selbst vielleicht, „Utopia“ als Ort im Nirgendwo. Es geht nicht um den Entwurf einer Alternativwelt, sondern um die Existenz einer „Parallelwelt“. Genau genommen bietet Bay wissenschaftlichen Futurismus und einen genrebedingt mageren Kommentar zur Ethik des Klonens mit einem geschäftgierigen Wissenschaftler als vorgegaukelt mehrdimensionale Figur. Denn nicht, dass das Klonen geschieht, wird per se verdammt. Dass Sean Benn als Merrick der Medizin letztlich auch Dienste erweisen will, wird nicht bestritten. Verdammt wird, wie das Klonen geschieht. Und wie schnell dieses Szenario alsbald auch dem unumgänglichen Lärm einer Bay-Produktion weichen mag und sein Kern zerbröselt – die Idee hat etwas beklemmend Mögliches an sich und ist wirkungsvoll umgesetzt: Der Zuschauer befindet sich auf gleicher Augenhöhe mit Lincoln Six Echo und entsprechend groß ist der Effekt, als sich Zweck und Funktionsablauf des angeblichen Schutzbunkers offenbaren.

Hinzu garniert Caspian Tredwell-Owen visuelle oder motivische Anlehnungen u.a. an „Matrix“ und „Blade Runner“. Das reicht, um den Spannungsbogen aufrecht zu erhalten und einen rasanten Action-Thriller auf die Beine zu bringen, der sich nur selten in die Macho-Ergriffenheit aus der Vergangenheit verliert, dabei den notwendigen Protz (so messen sich die Autoverfolgungsjagden nicht erfolglos mit „Matrix: Reloaded“) aber natürlich weiter feiert. Die Hetzjagd entwickelt sich gradlinig, gerade gegen Ende hin sicher völlig frei von jeder Überraschung. Dass „Die Insel“ aber schlichtweg Spaß macht, liegt nicht zuletzt an der Besetzung der Hauptrolle mit Ewan McGregor. Dessen Zusage an Bay wurde hier und dort als endgültige Hinwendung zum Popcornkino gewertet. Gut tut es ihm allemal, McGregor macht jede Rolle präsent und schlägt sich als Actionfigur energisch wie ironisch. Die weibliche Hauptrolle – wir haben es mit klassischem Actionkino zu tun – ist hingegen pure Beigabe für den ohnehin überwiegend männlichen Teil des Publikums, leicht sexistische Randbemerkungen inklusive. Scarlett Johannson ist nicht mehr als Objekt eines Werbeclips. Trotzdem ist Michael Bays „Die Insel“ bestens getimtes, lockeres Blockbuster-Kino samt gewaltigen Produktionswerten. Und besonders erfreulich: diesmal geht es begrenzt debil zu.

Energiegeladener Klon-Thriller mit starkem Hauptdarsteller und Hinguckerprotz


Flemming Schock