Krieg der Welten
(War of the Worlds)

USA, 116min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Steven Spielberg
B:H.G. Wells, David Koepp, Josh Friedman
D:Tom Cruise,
Dakota Fanning,
Tim Robbins,
Miranda Otto
L:IMDb
„Das ist nicht weniger als Mensch gegen Made. Die totale Ausrottung.”
Inhalt
Die Menschheit wird von einer außerirdischen Macht unterwandert, die ihr technologisch weit überlegen ist. Das Motiv: die minutiöse Planung einer Invasion, die alles Leben attackieren soll. Währenddessen geht der Alltag hier seinen gewohnten Gang. Die Ferriers, eine typisch amerikanische Familie, genießen ihr gutbürgerliches Dasein. Es könnte immer so weitergehen. Stünden sie nicht plötzlich einem eiskalten Feind gegenüber, der keine verletzliche Seite zu haben scheint. Ist die Zeit der menschlichen Zivilisation abgelaufen? Den Ferriers wie der gesamten Menschheit bleibt nur noch das Prinzip Hoffnung. Sie wissen, dass sie in den Krieg der Welten ziehen müssen. Doch sie wissen auch, dass ihre Chance, die größte Schlacht der Geschichte erfolgreich zu schlagen, verschwindend gering ist.
Kurzkommentar
Es wird Zuschauer geben, die zumindest die zweite Hälfte von „Krieg der Welten“ repetitiv und dramaturgisch schwach finden, aber Spielbergs Inszenierung des Weltuntergangs ist größtenteils wuchtig und kompromisslos, weit mehr als ein gängiger Katastrophenfilm aus Hollywood. Auf erschütternde Weise macht er die Dimension der Apokalypse spürbar, legt die Ängste der Menschheit blank und bündelt sie in adäquaten Bildern. „Krieg der Welten“ ist markerschütternd und brutal wie lange keine Mainstream-Film mehr.
Kritik
Steven Spielberg ist der Meister des Mainstream, der beste Regisseur des populären Films. Sollte der „Krieg der Welten“ nur irgendein Argument benötigen, um seine Existenz zu rechtfertigen, dann, dass er genau das noch einmal unterstreicht. Man mag in neueren Blockbustern wie Christopher Nolans „Batman Begins“ eine neue Welle der Ernsthaftigkeit und des künstlerischen Engagements sehen, ein wiedererstarktes Bewusstsein, dass nur eine klare Vision einen denkwürdigen Film gebieren kann, gegen Spielbergs „Krieg der Welten“ wirken sie alle wie kompromissbereite Konglomerate aus Produzentengerede und Regieidealismus. In seiner ersten Stunde ist Spielbergs Variante des H.G. Wells-Klassikers derart markerschütternd und erbarmungslos, von einer solchen filmhandwerklichen Virtuosität und expressiven Glaubwürdigkeit, dass daran kein Zweifel bestehen kann. Spielberg beherrscht die emotionale Manipulation des Zuschauers wie kein zweiter, er erinnert uns daran, was Hollywood in seinen besten Momenten sein kann: überwältigender Eskapismus und Unterhaltung mit Substanz.

Und woran er uns auch erinnert: die einschlagende Wirkung eines Films hängt maßgeblich davon ab, was man vorher schon von ihm gesehen, gehört oder auch über ihn gelesen hat. Mit Argusaugen achteten Paramount und UIP darauf, was in den Trailer bereits zu sehen war und was nicht, wieviel von den Raumschiffen, Dreifüßern, Außerirdischen. Pressefotos zeigten fast immer nur Tom Cruise und Dakota Fanning mit aufgerissen Augen, die Berichterstattung wurde bekanntermaßen ziemlich rigoros eingeschränkt. So fragwürdig diese Methode ist, sie macht uns erneut klar, dass nichts kraftvoller ist als ein Film, über den wir nichts wissen, und Bilder, die wir nicht kennen. Schon Hitchcock hat die Bewerbung seiner Filme in dieser Hinsicht immer gestört: wenn man vorher schon zu viel weiß, wo bleibt dann das unerwartete Moment? Um den Überraschungseffekt nicht zu zerstören, soll er etwa im Falle von „Psycho“ darauf geachtet haben, dass die Leute nicht zu spät in die Vorstellung seines Films gehen und so den frühen Tod der Hauptdarstellerin verpassen: der brutale Mord sollte sie mit voller Wucht treffen.

Auch „Krieg der Welten“ ist ein Film mit vielen Überraschungen, womit aber weniger mögliche Wendungen sowie das werkgetreue und gegen jede Hollywood-Dramaturgie gestellte Ende gemeint sind, als vielmehr seine Inszenierung: von Spielberg durfte man fraglos einen spannenden und professionellen Film erwarten, auf seine Erbarmungslosigkeit ist man indes nicht vorbereitet. Der Ausbruch der Apokalypse kommt zielgerichtet und schnell, kompromisslos und unerbittlich: Spielberg hält sich gerade mal fünfzehn bis zwanzig Minuten mit der Einführung seiner Charaktere und den ersten Drohzeichen der bevorstehenden Invasion auf, dann beginnt schon die Vernichtung. Das ist zumindest für Hollywood ungewöhnlich und führt dazu, dass die szenische Struktur so auf kongeniale Weise das Empfinden der Figuren transportiert: die Unmittelbarkeit der Dramaturgie deckt sich mit der Unmittelbarkeit des Angriffs. Der greift dann zwar alles vorweg, was Spielberg in diesem Film inszenatorisch zu bieten hat, das nimmt ihm aber nicht seine Virtuosität: der Tod kommt eisern und skrupellos in Form von Strahlenwaffen mit einem furchterregenden, schneidenden Ton und zersägt alles, was sich bewegt. Die Menschen verpuffen als seien sie Luftballons und doch gewinnt man nicht den Eindruck, als flüchte sich Hollywood allein ins Spektakuläre: die Gnadenlosigkeit der Gewalt und Beliebigkeit des Todes dominieren die Faszination, die das Grauen ja auch repräsentiert, erdrücken sie aber gleichzeitig nicht und bewahren die Ambivalenz der Bilder: Spielbergs Kompositionen sind spektakulär und grausam, ästhetisch und widerwärtig zugleich, die perfekte Äquivalenz zur Polarität der Apokalypse.

Ray Ferrier stolpert durch diese Szene macht- und ratlos, ist völlig am Boden als er zuhause bei seinen Kindern eintrifft und feststellen muss, mit dem Staub seiner dematerialisierten Nachbarn eingedeckt zu sein: das Motiv, sich selbst mit der verbliebenen Asche seiner Mitmenschen im Spiegelbild betrachten zu müssen, mag dabei mancher als eine allzu plakative Kontextualisierung der Terroristenangriffe von New York auffassen, es bündelt aber geschickt die vernichtenden Ereignisse zuvor mit den größten Horrorszenarien der Menschheitsgeschichte: Weltkrieg, Massenmord, Terrorismus, all das in einem Bild. Nach fünfzehn Minuten Film. Aber nur weil Spielberg das vorhergehende Vernichtungsszenario so nüchtern und unprätentiös einfängt, nimmt man ihm diese Instrumentalisierung des Motivs ab: weil er es pietätvoll fiktionalisiert und emotional greifbar macht: das Grauen wird spürbar.

Die folgende Odyssee durch Amerika ist dann im Prinzip eine effektive Variation dieser immergleichen Motive: die Unfassbarkeit der Massenvernichtung, die Schönheit und Brutalität des Weltuntergangs, der Zusammenfall jeglicher sozialen Struktur, „Survival of the fittest“ und die Rückkehr zum Animalischen. Wo Spielberg in „Schindlers Liste“ immer noch auf historische Genauigkeit achten musste, kann er nun aus dem vollen Schöpfen und dem Grauen auf vielfältige Art ein Gesicht geben: die Meute, die sich um ein Auto prügelt, ein brennender Zug, der symbolisch die drohende Schicksalsfahrt der Menschheit zusammenfasst, die US-Armee, deren Werkzeug bedeutungslos und nichtig wirkt. Wenn noch etwas an „Krieg der Welten“ überrascht, dann das ambivalente Bild Amerikas, das bei Spielberg bislang so nicht zu finden war: nichts gegen Familienwerte und sich bessernde Väter, aber Spielberg scheint in den ersten Szenen der Charaktereinführung bewusst im Unklaren zu lassen, ob das amerikanische Volk nicht mal ein kräftiges Aufrütteln gebrauchen könnte: Ray Ferrier und seine Nachbarn wohnen in Reihenhäusern mit Hintergärten, die eher an Auslaufbereiche eines Gefängnisses erinnern, und genießen die Aussicht auf einen erhöhten Highway, der nahe legt, dass der Weltuntergang eigentlich schon längst begonnen hat.

Natürlich hat der „Krieg der Welten“ auch große Schwachstellen und Defizite und es wäre gelogen, zu behaupten, die zweite Hälfte des Films wäre nicht primär langweilig und eigentlich völlig redundant. Den Film aber deswegen massiv abzuwerten, hieße, ihn quantitativ zu beurteilen. Auch die Vereinigung von Rays Familie wirkt falsch und deplatziert, ist vielleicht sogar Grund genug, all die Erbarmungslosigkeit, die Spielberg in den Stunden zuvor noch für sich beanspruchte, über Bord geworfen zu sehen. Das, was Spielbergs „Krieg der Welten“ bis dato allen anderen Katastrophenfilmen voraushatte, war ja gerade, dass er nicht zwischen kollektivem und individuellem Schicksal unterschied, sondern offensichtlich machte, dass spätestens vor der drohenden Vernichtung klar wird, dass jedes Leben kostbar ist. Ferrier und seine Kinder sollten hier nur Stellvertreter sein. Glücklicherweise erlaubt sich Spielberg dann aber doch noch eine Geste, die das Ende relativiert: als sich Vater und Sohn umarmen, ist Ferrier zwar glücklich, sein Kind wiederzusehen, sein Gesichtsausdruck verrät aber, dass damit nicht alle Differenzen zwischen ihnen beseitigt sind. Womöglich wird ihm aber auch erst jetzt bewusst, dass die größte Aufgabe, nämlich ein fürsorglicher Vater zu sein, noch vor ihm liegt.

Erschütternde, meisterliche Bebilderung der Apokalypse von tolerierbarer Redundanz


Thomas Schlömer