Königreich der Himmel
(Kingdom of Heaven)

USA, 145min
R:Ridley Scott
B:William Monahan
D:Orlando Bloom,
Eva Green,
Liam Neeson,
Jeremy Irons,
Brendan Gleeson
L:IMDb
„Give me a war.”
Inhalt
Balian (Orlando Bloom), ein einfacher Schmied, hat Frau und Kind verloren und darüber beinahe auch seinen Glauben. Der Religions-Krieg, der im fernen Heiligen Land brennt, scheint ihm weit entfernt. Dennoch wird er in die Ereignisse dieses immensen Dramas hineingezogen. Inmitten des Prunks und der Intrigen des mittelalterlichen Jerusalems verliebt er sich, wächst zu einem Führer heran und setzt am Ende all seinen Mut und seine Fähigkeiten ein, um die Stadt in aussichtsloser Lage zu verteidigen.
Kurzkommentar
Ein Schmied schwingt sich gleichzeitig zum ritterlichen Verteidiger Jerusalems und Prediger der religiös-kultureller Toleranz auf. Ungeachtet gewisser historischer Absurditäten hatte man aus der Hand von Ridley Scott durchaus auf einen "Gladiator" oder mehr gehofft. Angesichts der handwerklichen Virtuosität seines Regisseurs hält "Kingdom of Heaven" als akzentloses Ritter-Abenteuer natürlich auch gut bei der Stange. Aber jenseits schick-exotischer Bildwelten versandet der zum Teil zähe und vor allem an seiner Figurenkonstellation krankende, etwas leidenschaftslose Kreuzzugs-Ausschnitt zwischen banalem Action-Film und einem selten spürbaren, monumentalen Epos. Das erste Großereignis 2005 enttäuscht relativ.
Kritik
Irgendwo hieß es jüngst, Ridley Scott hätte trotz allem die Antike ja verstanden. Es ging um Wolfgang Petersens leeren, unmythischen „Troja“-Versuch. Gemeint war aber auch, dass „Gladiator“ trotz oder wegen der dramaturgischen Frisierung des historischen Rahmens Bild und Selbstbild der dekadenten Machtspiele im imperialen Rom im Kern eindrucksvoll wiederbelebt habe. Noch mehr als über den archaisch-überspitzten Plot von Rache und Tyrannenmord entwarf sich Scott über die Form, über die Wirkung von Bild und Ton. Das ist für ihn nicht neu. Wohl niemand des derzeitigen Kinos beherrscht die Wirkung des Bildes besser als der ehemalige Werbefilmer Scott. Doch „Gladiator“ stellte wirkungsvoll unter Beweis, wie wenig sich Geschichte im populären Rahmen auf die „historische“ Vergangenheit berufen muss, um dennoch oder vielleicht gerade deswegen zu einer nicht weniger gerechtfertigen „Wahrheit“ vorzudringen. Die mag vor allem darin bestehen, eine überzeugende Version von den Antrieben, Sehnsüchten und Motiven der Handelnden zu finden – also ein Gespür dafür, wie Vergangenheit den heutigen Zuschauer noch bewegen kann, wie sie zeitlos ist; zusammen mit den entsprechenden, theatralischen Gestaltungsmitteln gab der erzählerische Bogen dann wenigstens den Anflug von Epos.

Historisierende Schinken waren tot geglaubt, aber Scotts „Gladiator“ begriff sehr gut, dass und wie die archetypischen Hauptmotive dieses Genres – Extremlagen zwischen Liebe und Rache, Krieg und Macht – immer funktionieren. Entscheidend: der Kern des Geschehens braucht einen durch Unbedingtheit motivierten Helden und den ungebrochenen Schurken als Gegenpol. Der finale Tyrannenmord bringt dann die notwendige Abreaktion der inneren Konflikte. Auf diesem dramatischen Kern funktionierte „Gladiator“. Jedoch bekam er seine nachträgliche Weihe, die darin bestehen mag, bald wirklich an der Seite von „Ben Hur“ und „Spartacus“ als Klassiker gelten zu dürfen, auch dadurch, dass es Scott tatsächlich niemand nachtun konnte. Der Erfolg von „Gladiator“ machte das Sandalengenre wieder hip, bleibt unter dem Strich aber auch über vier Jahre danach einsam. Insofern wird „Kingdom of Heaven“ mit Spannung als einer der größten potentiellen Abräumer des Jahres gehandelt. Mit einem Stück Ehrfurcht begibt man sich also in „den neuen Scott“ – denn wieso sollte das, was kommerziell und ästhetisch für „die Antike“ aufging, nicht auch für die Ära der Ritter, Abenteuertraum aller ewig Jungen, funktionieren?

Nein, „Kingdom of Heaven“ scheitert relativ nicht an einer zu hohen Erwartungshaltung oder einem gammelig-ritterlichen Ehrenkodex, obwohl das unbefleckte Gewissen kluger Strategie hier durchaus den Weg verbaut. Wem angesichts des melodramatischen Titels und eines leicht milchgesichtigen Hauptdarstellers schon dubiose Befürchtungen in Richtung Kreuzfahrer-Pop aufgingen, wird zwar insofern nicht bestätigt, als Orlando Bloom immerhin nicht unfreiwillig komisch, der Streifen nüchtern, erwachsen und mit biblischem Ernst daherkommt. Das bedingt schon das bedrückende Echo und die Aktualität der Glaubenskriege bis in die Gegenwart hinein. Insofern würde man sich wünschen, dass „Kingdom of Heaven“ von gestern wäre. Auch die Botschaft ist nicht neu und die Entschlossenheit, mit der hier (aus der Perspektive eines christlichen Regisseurs) die Momente der Geschichte des Kulturkonflikts, in der es Toleranz gab, die mehr als Duldung war, auf den Mauern Jerusalems rührselig beschworen werden, ist mehr als nur politisch korrekt. Immerhin gibt die Kreuzzugs-Thematik gerade nach dem 11. September ein gefährliches Terrain ab. Vielleicht liegt hier schon das erste Problem: Scott geht bei der Konstruktion des Gut-Böse-Musters verständlicherweise behutsam vor, findet dabei aber, so wirkt es, in der perversen Wirrnis der Kreuzzüge keine bewegende „Verdichtung“ der Jahrhunderte währenden Konflikte in der fiktiven Figur eines Mannes zwischen Ritter-, Christentum und humaner Einsicht.

Oder anders: Die aus keinen tief greifenden Dialog der Kulturen entstehende versöhnliche Botschaft des Filmes konzentriert sich zwar in der Figur umfreiwillig zwischen die Fronten geratenen jungen, herzerweichend aufrichtigen Balian. Aber „Kingdom of Heaven“ lebt nicht, anders als „Gladiator“, von der Wucht der Leidenschaften, von dramatischer Energie. Trotz „nur“ 145 Minuten Lauflänge gerät „Kingdom of Heaven“ weniger kurzweilig als „Gladiator“ und mit Sicherheit nicht „monumental“. Es ist ein wenig so: Während die einzelnen Plotetappen mit etwas müden Figureneinführungen abgehakt werden und den kaum vernünftig getriebenen Helden desorientiert im Heiligen Land stranden lassen, köchelt unbefriedigt im Hinterkopf die Erwartungshaltung weiter – „Aber es ist doch der neue Scott“. Der versandet dann aber zusehends im Nirgendwo zwischen banalem, nicht einmal aufregender Ritter-Action, trostlos heroischer Musikuntermalung und dem Versuch eines großen Epochenbildes, in Scharmützeln zwischen überwiegend pauschal verdammten, hölzernen Kreuzfahrerlumpen und vagen, allenfalls in der Figur des edlen Saladin zu identifizierenden Moslems, wobei sich „Kingdom of Heaven“ nicht nur in seiner Figur einige problematischen Freiheiten herausnimmt.

Kurz, das was „Kingdom of Heaven“ erzählerisch lähmt, ist der Mangel eines „emotionalen Kerns“, die Unbedingtheit eines charismatischen, die Dinge tragenden Helden, der den Antagonisten für sich und das Publikum zur Strecke bringt – sicher eine der schwersten möglichen Kritikpunkte, hier aber auch schon Ergebnis der „Natur der Sache“: „Die Moslems“ auch nur entfernt mit einem legitimen Feindbild zu assoziieren, fiel verständlicher flach. Und die Alternative, die Scott blieb, die historisch verbürgte Zerrissenheit der christlichen Fraktion, ist zwar die plausibelste, aber ihre Handelnden sind einem einfach egal. Sie sind nicht nur Abziehbilder platter Urfassungen des weisen Herrschers und des korrupten Machtmenschen, der wohl als Bilderbuchschurke getaugt hätte. Sein Ende ist aber lächerlich unbefriedigend. Dass der letzte, leprös siechende, doch gutmütige König von Jerusalem sein Gesicht hinter einer Maske versteckt und somit das Wesen des Schauspiels, die Mimik, außer Kraft setzt, wirkt wie ein unfreiwilliger Kommentar zur Eindimensionalität der Rollenentwürfe. Und sinnigerweise verbirgt sich Edward Norton hinter dieser Maske.

Noch deutlicher wird diese Verzichtbarkeit in zwei weiteren Figuren: zum einen in der des Tiberias, einer der letzten Ritter im moralischen Sumpf des christlichen Jerusalems: Irgendwann ist der Wahnsinn dort nicht mehr sein Krieg – und Scott schneidet ihn kurzerhand raus. Zum andern in der Prinzessin Jerusalems, die ein gelangweiltes, bloß exotisches Dekors für eine nicht weiter relevante Romanze abgibt – denn den beschränkten Ehrenhorizont und Entscheidungen des Balian beeinflusst sie nicht. Und sicher, es wäre kaum möglich gewesen, das ganze Motivspektrum zwischen Machtsucht, wirtschaftlichen Interessen, religiösem Wahn und „echter Spiritualität“, das die Kreuzfahrer antrieb, abbilden zu wollen. Schon die zeitliche Dauer des Konflikts legt Beschränkungen und eine bestimmte Perspektive auf. Aber den Konflikt auf marodierende Templer, kriegsgeile Franzosen („Gott will es!“) und stolze Wüstensöhne zurechtzustutzen, lässt einen dann doch mit den Schultern zucken, wenn dies heißen sollte, Scott habe neben der Antike jetzt auch noch das hohe Mittelalter verstanden. Der Blick in das Innere der Figuren bleibt in jedem Fall arg beschränkt.

Es handelt sich aber nicht um eine Geschichtsstunde, sondern um einen Blockbuster. Dass dieser nicht so funktioniert, wie man sich es gerne gewünscht hätte, liegt an den genannten Gründen und im Ergebnis weniger daran, dass man Orlando Bloom als Fehlbesetzung (um auch sonst verschlossene Publikumsschichten zu erreichen) bezeichnen könnte. Es ist vielmehr, wie Scott seinen naiven Schmied-Ritter installiert. Eigentlich suchte er nur Sündenvergebung, ihn findet dann aber der Krieg. Bis gegen Ende nimmt er Veränderungen und Schicksalswendungen hin und beobachtet sie eher als dass er sie beeinflusst. Das ist alles andere als förderlich für die Präsenz der Mittelpunktfigur und so mangelt es „Kingdom of Heaven“ nicht nur am Antagonisten. Trotzdem Scott keinen fesselnden roten Faden in seiner Geschichte findet, ist „Kingdom of Heaven“ trotz aller Vorbehalte nicht zuletzt wegen der handwerklichen Brillanz seines Regisseurs sehenswert. Visuell, hinsichtlich der Ausstattung gerade, spielt „Kingdom of Heaven“ in der obersten Liga und ist durchaus ein kleines Erlebnis. Jedoch: Ästhetische Spielereien der Bildsprache, symbolische Einstellungen halten sich im Vergleich zu „Gladiator“ zurück. Leider.

Scotts Bebilderung und die Kulissen des computergenerierten Jerusalems zeichnen sich durch authentischen Look aus, Staunen erregen sie aber kaum und selten wirken Szenen energetisch, Posen originell. Die Dialoge reichen an keiner Stelle über Ehr-Verkitschung und genrebedingte Phrasen hinaus. Wo die Wirkung von „Gladiator“ auch wesentlich auf dem ätherischen Soundtrack von Hans Zimmer fußte, enttäuscht „Kingdom of Heaven“ mit einem belanglosen Klangteppich, der gar soweit geht, ein zentrales Stück aus Scotts „Hannibal“ zu recyceln. Vieles wirkt herz- und ideenlos, an etlichen Stellen steht dann auch erwartungsgemäß die Anlehnung an den Bildersturm des „Herrn der Ringe“ im Hintergrund, überdeutlich gerade in der Schlacht um Jerusalem, die den Höhepunkt des von erstaunlich wenig Kriegslärm durchsetzten Filmes abgibt. Scott scheint zum guten Teil auf Statisten und nicht auf den Computer zu setzen, das macht sich in Massenszenen respektabel. Aber mitreißende Qualitäten entfaltet „Kingdom of Heaven“ an kaum einer Stelle. Merkwürdig beiläufig spult sich der Schlagabtausch und die Reifung des Helden im Heiligen Land ab. Auf ein ähnliches Echo wie „Gladiator“ dürfte „Kingdom of Heaven“ nicht stoßen. Dafür fehlt ihm die Energie, der Wille eines geschichtlichen Helden.

Handwerkliches großartiges Kreuzzugs-Spektakel mit blassen Figuren


Flemming Schock