An deiner Schulter
(Upside of Anger, The)

USA, 118min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Mike Binder
B:Mike Binder
D:Joan Allen,
Kevin Costner,
Erika Christensen,
Evan Rachel Wood,
Alicia Witt
L:IMDb
„Was weißt du schon? Du bist doch nur ein Kind.”
Inhalt
Zusammen mit ihrem Ehemann und vier fast erwachsenen Töchtern (Erika Christensen, Evan Rachel Wood, Keri Russell und Alicia Witt) lebt Terry Wolfmeyer (Joan Allen) im imposanten Eigenheim in einer beschaulichen Vorstadtsiedlung. Ja, man könnte sie wohl als den Prototyp der glücklichen, amerikanischen Hausfrau bezeichnen. Doch als ihr Mann urplötzlich von einem Tag auf den anderen verschwindet, kennt Terrys Wut keine Grenzen. Schlimmer noch: sie muss den Töchtern erklären, dass der geliebte Vater mit seiner sehr viel jüngeren Sekretärin nach Schweden durchgebrannt ist und nicht mehr in den Schoß der Familie zurückkehren wird. Während die Töchter versuchen, selbst mit der neuen Situation zurecht zu kommen, müssen sie von nun an auch noch die unberechenbaren Launen der Mutter ertragen. Auch Nachbar Denny (Kevin Costner), ein liebenswürdiger aber auch irgendwie hoffnungsloser Ex-Baseball-Star, hat schon bessere Zeiten erlebt. Noch zehrt er vom Ruhm vergangener Tage und schlägt sich bei einem kleinen privaten Radiosender als eine Art DJ durch, aber auch er hadert mit seinem Schicksal. Als Denny zufällig im Hause der Wolfmeyers vorbeischaut, ahnt er noch nicht, in was für einen Schlamassel er da hinein tappt. Denn so sehr er und Terry sich eigentlich nicht ausstehen können, so sehr scheinen sie sich auch anzuziehen.
Kurzkommentar
Die Lokalisierungsarbeit beim Film trägt manchmal seltsame Blüten: „An deiner Schulter“ wird wie die neueste Kevin Costner-Schnulze beworben, dabei fehlt schon allein dem Titel so gut wie alles, was „The Upside of Anger“ auszeichnet: das Doppelbödige, das Humorvolle, das Ernste, die Ironie. Was Mike Binders Melodram so gelungen macht, ist die überraschende Mühelosigkeit, mit der er spielend von tragischen zu komischen Momenten wechselt, von schweren zu leichten und von oberflächlichen zu substanziellen. Man nimmt Joan Allen sowohl ihren Zynismus als auch ihre Verzweiflung ab, sowohl ihre Egozentrik als auch ihre Fürsorge. Trotz seiner schönen Oberfläche und der insistierenden Melodramatik der neunmalklugen Tochter aus dem Off gelingt es „An deiner Schulter“ dann auch tatsächlich davon zu erzählen, was er im englischen Titel vorgibt: von der Ambivalenz der Wut, den bösen Scherzen des Lebens und der Überwindung des Fatalismus: der hingebungsvollste Mensch ist noch immer der phlegmatische Baseball-Star von nebenan. Den mimt Kevin Costner derart glaubwürdig und gegen jeden Mainstream-Geschmack, dass es eine wahre Freude ist: nuschelnd, bierbäuchig, unaufgeregt, immer ein wenig angetrunken. Und mit einer feinen Prise Dümmlichkeit. „An deiner Schulter“ funktioniert, weil er seinem Sitcom-Charakter eine gewisse Bodenständigkeit und unerwartete Zwiespältigkeit abgewinnt: in einer der besten Szenen eskaliert der Streit zwischen Terry Wolfmeyer und Radioprogrammchef Shep Goodman, der sich unverblümt an Terrys Tochter herangemacht hatte. Terry ohrfeigt Goodman, der daraufhin mit nüchternen Worten seine gescheiterte Existenz eingestehen muss, aber auch auf traurige Art vermittelt, wie es sein muss, sonst nur desillusionierte Frauen wie Terry vorfinden zu müssen. Eine schöne Szene, aber stark wird sie erst dadurch, dass Binder nach diesem dramaturgischen Höhepunkt nicht einfach wegschneidet, sondern den negativen Impuls des Streits auffängt und in eine berührende Tanzszene umleitet. Wut und Glück, Hass und Liebe liegen bei Binder nah beieinander.
(Thomas Schlömer)