Comeback, Das
(Cinderella Man)

USA, 145min
R:Ron Howard
B:Akiva Goldsman, Cliff Hollingsworth, Charlie Mitchell
D:Russell Crowe,
Renée Zellweger,
Paul Giamatti,
Connor Price,
Aaron Abrams
L:IMDb
„Mein Herz gehört der Familie. Mein Verstand und Mut dem Geschäft.”
Inhalt
New York, 1928. Jim Braddock (Russell Crowe), liebender Ehemann und treu sorgender Familienvater, ist auf dem besten Wege als Boxer die große Karriere zu machen. Regelmäßig gewinnt er seine Kämpfe mit beeindruckender Leichtigkeit und hat beste Aussichten auf einen Weltmeisterschaftskampf. Doch nur fünf Jahre später ächzt Amerika im eisernen Griff der Großen Depression. Vom Glück verlassen und von zahllosen Verletzungen zurückgeworfen, sind Jim Braddocks Träume vom Sportruhm längst geplatzt. Ohne Geld, ohne Arbeit, ohne Zukunft, ohne Boxlizenz geht es für ihn, seine treue Frau Mae (Renée Zellweger) und ihre drei Kinder wie für Millionen anderer Amerikaner längst nur noch ums nackte Überleben. Sein ehemaliger Manager Joe Gould (Paul Giamatti) bietet ihm einen einzigen Boxkampf an, und Jim packt die Gelegenheit beim Schopf. Obwohl er krasser Außenseiter ist, setzt er sich durch. Braddock eilt von Triumph zu Triumph und wird zum Held der vom Schicksal gebeutelten Massen. Schließlich wartet der Kampf um den Schwergewichtstitel auf Jim, den „Cinderella Man“ – ausgerechnet gegen den in allen Belangen überlegenen Max Baer (Craig Bierko), der bereits zwei Gegner im Ring getötet hat.
Kurzkommentar
Zu wahr, um schön zu sein. Kaum jemand ist so berechenbar und berechnend wie Ron Howard. Mit „Das Comeback“ liefert er eine vor feierlicher Ergriffenheit nur so dröhnende Heldenvita und gleichzeitig die Essenz eines idealisierten amerikanischen Selbstbildes: ganz oben und denen im Moloch die Hand reichend. Die gnadenlos gradlinige Boxerverklärung liefert den üblichen Rührseligkeitskitsch. Ein wie immer grandioser, weil glaubwürdiger Russell Crowe rettet das Volkshelden- und Besitzlosenmärchen knapp über die Erträglichkeitsgrenze. Eine Oscarqualifikation dürfte der dramaturgischen Schnarchnummer dennoch blühen.
Kritik
Schon bald geht es wieder um die Oscars. Um Ikonenbildung also. Und da Regisseur Ron Howard meist nationales Erbauungskino mit Zucker-Filter abliefert, will er bei der größten Eigenfeier der Filmindustrie und ihrer Heldenfindung immer ein gewichtiges Wort mitreden. Howards wertkonservative Moralmärchen sind gut, wenn es der Nation wieder mal schlecht geht. Aber auch so: Man tut wohl gut daran, die Mär vom amerikanischen Tellerwäscher, der es auch noch als Philanthrop mit ganz weißer Weste ganz nach oben schafft, dem Kinogänger zum wiederkäuen vorzuwerfen. Herz statt Verstand. Doch in einem Jahr, in denen Hollywood mit drastisch einbrechenden Besucherzahlen zu kämpfen hat und sich rhetorisch selbstkritisch fragt, ob die Leute vielleicht deswegen das Kino müde sind, weil ihnen mit den ewig gleichen Erzählformeln das Geld aus der Tasche gelockt werden soll, hat „Das Comeback“ schon etwas Zynisches. Denn Regisseur Howard hat wieder einmal einen Stoff gefunden, der der Fiktionsmaschine des Kinos mit der Wirklichkeit des Lebens droht. „Das Comeback“ ist wieder einmal so wahr, dass es schmerzt: wie es Howards Raumhelden in „Apollo 13“ waren, wie es die Geschichte des exzentrischen Mathegenies in „A Beautiful Mind“ war.

Für „A Beautiful Mind“ bekam Howard auch den Oscar. Und man musste nicht einmal genau hinsehen, um sich zu fragen, wieso eigentlich. Nur mit seinem merkwürdig düsteren, rein fotografierten Western „The Missing“ überraschte Howard zuletzt insofern, als wir es zumindest auf den ersten Blick nicht erneut mit jener gradlinigen Heiligenkonstruktion zu tun bekamen, mit der sich Howard inklusive Hauptdarsteller bei den Oscarjuroren sonst regelrecht anbiedert. Die Korrekturen des vorigen Streifens sind nun weggewischt, „Das Comeback“ ist der totale Rückfall in ein gradliniges Gutmenschenkino, wie es in Intensität und Pathos nur von Howard serviert werden kann. Das Ganze ist, nicht nur aufgrund der Vita des Helden, ergreifend und uramerikanisch bis zur Besinnungslosigkeit. Alles beim Alten also, auch, weil Russell Crowe nach „A Beautiful Mind“ wieder mit dabei ist. Möglich, dass dieser Umstand weniger mit Howard als Regisseur zu tun hat, sondern damit, dass die Portraitierung eines Boxers, der der Depressionsära die Faust bot, trotz schlichter Gemütszustände nicht frei von Herausforderung ist. Dabei dürfte dann auch ein Teil der Rechnung wenigstens aufgehen: Russell Crowes Darbietung ist oscarwürdig.

Auch ein anderer Teil der Besetzung spiegelt Howards Kalkül vor dem Hintergrund der Oscarpolitik: Paul Giamatti, melancholischer Connaisseur aus dem Indie-Hit „Sideways“, wurde bei der Verleihung des letzten Jahres skandalöserweise übergangen; nun besetzt ihn Howard in der Rolle des Box-Managers und des Freundes von Jim Braddock. Zusammen mit Crowe serviert Giamatti dem sonst so zähen Streifen wenige Höhepunkte. Howards biographischer Erzählstil verhindert mehr durch einen Grad der Biederkeit, wie man ihn seit langem überwunden glaubte. Dabei grenzt es ja schon fast an ein Wunder, dass Hollywood das Lebensmärchen des Boxweltmeisters Jim Braddock bis dato noch nicht ausgeschlachtet hat. Die Geschichte des boxenden Familienvaters, der vom Höhepunkt seiner Karriere just mit der Depressionsära ganz an der sozialen Boden sinkt, dann ein phänomenales Comeback feiert und zum heiligengleichen Idol wird, ist zu schön, um wahr zu sein. Vieles davon ist es sicherlich auch nicht, aber Howards Sittlichkeitsethos bügelt etwaige Unebenheiten in der tatsächlichen Biographie gnadenlos aus. Ergebnis ist Idealisierung reinsten Wassers.

Die Hintergründe interessieren dabei gar nicht, sie sind reiner Vorwand für den eigentlichen Zweck: der Nation mal wieder einen zeitlosen Helden zu spendieren, der dem wahnsinnig tollen Amerika selbst noch die Sozialhilfe zurückzahlt, wenn er sich wieder aus Demut und Asche erhoben hat. Patriotismus und Pathos wiegen schwer: „When America was on its knees, he brought us to our feet“. Völlig unreflektiert bleibt dabei nicht nur die historische Situation der Weltwirtschaftskrise, sondern auch die Figuren selbst, besonders schmerzvoll an Ehefrau Mae Braddock ausbuchstabierbar: Renée Zellweger ist aufopferungsvolle Ehefrau und Mutter, zu Hause, am Herd. Selbst wenn der Strom ausgeht. Mehr nicht. Das natürlich ein (h)erzkonservatives Familienmodell, das nach Plan einiger nicht nur für das Amerika der 1930er Jahre Aktualität beansprucht. Der ernährende Mann muss sich durch die feindliche Außenwelt kämpfen, hier sprichwörtlich. Die Dialoge wabern konsequent in Geschmacklosigkeit – „Champion meines Herzens“. Sofort ist klar, dass sich Braddock im Ring zuletzt für den Ruhm und zu allererst für die Familie aufopfert.

Durch das Perspektiv Howards war der Cinderella Man also prügelnder Philanthrop, noch dicker: ein Bilderbuchrist. Selbst in höchster Not gestohlene Salamis werden reumütig zurückgebracht. Nur einmal verliert Crowe als Braddock dann doch den Glauben an Gott, aber ganz sicher nicht an die Familie. Mit schwindelerregender Konsequenz treibt Howard seine platte Heldenfeier so weit, dass man vor lauter Menschenlieber gar nicht mehr ein noch aus weiß. So findet das Ergriffenheitskino ziemliche Wirkspitzen: Der verzweifelte Braddock erniedrigt sich bettelnd bei seinen ehemaligen Geldgebern, skrupellosen Boxpromotern. Hier muss die Identifikation mit der geschundenen Seele gipfeln – und neben dem strahlenden Protagonist ein Antagonist her. Das Gut-Böse-Schema geht im Finalkampf gegen das Bilderbuchschwein des amtierenden Weltmeisters lupenrein auf. Bemerkenswert, wie sehr Howard mit seinem Kitschkino hier die Emotionen des Zuschauers im Griff hat: Jeder Schlag der Willensakt eines Heilsbringers, der der Nation auf atavistische Weise zeigt, dass mit Fairness, Energie und Gewalt eben doch viel geht. Am Ende möchte man mit in den Ring stürmen. Braddock diente auch im Krieg ehrenvoll. Benommen fürchtet man Howards nächsten Film, „The Da Vinci Code“.

Schematisches Erbauungskino mit rettender Besetzung


Flemming Schock