Melinda und Melinda
(Melinda & Melinda)

USA, 99min
R:Woody Allen
B:Woody Allen
D:Will Ferrell,
Neil Pepe,
Stephanie Roth Haberle,
Radha Mitchell,
Chloë Sevigny
L:IMDb
„Of course we communicate. Now can we not talk about it anymore?”
Inhalt
Was geschieht, wenn eine attraktive, junge Frau wie Melinda überraschend in eine typische New Yorker Dinnerparty platzt? Einiges, denn Melinda ist nach New York gekommen, um ein neues Leben anzufangen und sich neu zu verlieben. Und Melinda gibt es gleich zweimal – die eine hat eher Pech, die andere eher Glück mit der Liebe.
Kurzkommentar
Altmeister Woody Allen legt sein jährliches Werk vor und erfreut durch gewohnt flotten Stil und unterhaltsame Dialoge. Der mögliche Anspruch, durch ein filmisches Experiment die Substanz von Komödie und Drama auszuloten, entpuppt sich allerdings als reines Augenzwinkern, denn Allen zeigt sich keineswegs interessiert an einer gehaltvollen Diskussion der Frage, ob das Leben denn nun eher komisch oder eher tragisch ist. Stattdessen macht er sich über das Autorendasein lustig und absolvierte eine kurzweilige Fingerübung, die kaum von Bestand sein dürfte.
Kritik
Man lehnt sich wohl nicht weit aus dem Fenster, wenn man Woody Allen als eine lebende Legende des Films bezeichnet, aber so richtig interessiert an seinen Arbeiten sind nur noch die wenigsten. Seine letzten Filme „Schmalspurganoven“, „Im Bann des Jade Skorpions“, „Hollywood Ending“ und „Anything else“ haben allesamt mehr gekostet als sie anschließend wieder einspielen konnten, der Cannes-Beitrag „Hollywood Ending“ gelang sogar gar nicht mehr in die deutschen Kinos. „Der Stadtneurotiker“ oder „Hannah und ihre Schwestern“ konnten ihrerzeit noch stolze 50 Mio.$ oder mehr umsetzen, Allens aktueller Film „Melinda und Melinda“ gerade mal 3,8 Mio.$ – nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass der Film nur in ausgewählten Kinos Amerikas anlief und gar keine landesweite Auswertung erfuhr. Trotzdem Allen in letzter Zeit spürbar nachließ, wundert das etwas, denn immerhin sind ihm die Mehrheit der amerikanischen Kritiker noch wohlgesonnen und seine Filme ja doch immer noch gute Unterhaltung.

Vermutlich ist es der Wandel der Zeit, der Allens Filmen zu schaffen macht: mit „Manhattan“ traf er den Zeitgeist noch mitten ins Herz, für das heutige, insbesondere sehr junge Publikum müssen Allens Komödien jedoch geradezu anachronistisch wirken: Neurosen und sexuelle Desorientierung werden bei ihm über den Dialog ausgeschwitzt, die Bilder bleiben meist diskret – mit sowas stösst man beim „American Pie“-Publikum sicher nicht auf Verständnis. Vielleicht ist es aber auch der elitäre Zirkel der Intellektuellen und kulturell Interessierten, der Allens Filme häufig bevölkert, der heute auf Unverständnis stösst, vielleicht aber auch sein hintersinniger Zynismus, der gerne mal in Fatalismus umschlägt. Dennoch ist Allen bei alledem immer im positiven Sinne „Old School“: seine Filme sind schnell, dialogreich, witzig, versiert. Sie atmen nicht selten den Geist der klassischen Hawks-, Cukor- oder Wilder-Komödien, tragen aber natürlich das unverwechselbare Woody Allen-Kleid: wie keinem anderen gelingt es Allen bzw. seinen Figuren, gleichzeitig suizidgefährdet und zutiefst romantisch zu wirken.

Angesichts dieses permanenten Dualismus ist es irgendwie nur folgerichtig, dass Allen nun diesen selbst zum Thema eines Films macht, zumal er sich ja immer schon für die Auseinandersetzung mit der filmischen Erzählform selbst erwärmen konnte. Ob er als Autor seinen eigenen Figuren begegnet oder fiktive Biographien als reale verkaufen möchte, der Diskurs über das Autorendasein gehört zu Allens beliebtesten Spielwiesen. Unverblümt markiert er das auch wieder in „Melinda und Melinda“, in dem er gleich den ganzen Film als das Kräftemessen vierer gelangweilter Intellektueller entlarvt und sich gleichzeitig über dieses geistige Muskelspiel lustig macht: beide Varianten sind so vollkommen klischeehaft und überzogen, dass sie die Grenze zum Parodistischen spürbar überschreiten.

Allein die Kostümierung und das Schauspiel Radha Mitchells sind dafür Beleg: die „tragische“ Melinda mimt sie übermäßig zerfahren und hektisch, die eine Hand immer am Weinglas, die andere an der Zigarette, dazu ein permanentes Zittern, damit auch der letzte versteht, dass diese Person kurz vor dem Selbstmord steht. Die „romantische“ Melinda hingegen ist verschmitzt und naiv, ein blondes Sonnenmädchen mit braver Frisur und leuchtender Kleidung. Hinzu kommt der entsprechende Erzählstrang: während sich die niedliche Melinda in einen Fitness-Boy mit Piano-Kompetenzen verlieben muss, bevor sie endlich die wahre Liebe im Treudoofen von nebenan findet, kann die tragische eine dunkle Vergangenheitsepisode nach der anderen auftischen. Da kennt Allen keine Gnade und stapelt knüppeldicke, bis zum vorsätzlichen Mord. Und ist es hier noch nicht genug der Klischees, sind die Nebencharaktere karrieregeile Frauen, die alles für ihr nächstes Filmprojekt tun oder gescheiterte Schauspieler, die nun Werbungen vertonen oder mit Nachwuchsdarstellerinnen fremd gehen.

Allen macht sich also einen großen Spaß daraus, die Stereotypie beider Varianten offen zulegen, und nimmt sich (als Autor) damit indirekt selbst auf die Schippe, am Ende nochmal dadurch verdeutlicht, dass er seine Fingerübung einfach ausknippst und gewissermaßen als Laune eines Autors entlarvt. Die Unverbindlichkeit, die daraus resultiert, ist sicher das problematischste an „Melinda und Melinda“, der – bei aller Kurzweil – nicht wirklich daran interessiert ist, These und Antithese in einer Synthese kulminieren zu lassen. Das macht ihn zu keinem schlechten Film, aber doch zu einem, den man bald wieder vergessen hat.

Heitere Fingerübung Woody Allens ohne beständige Substanz


Thomas Schlömer