Hostage - Entführt
(Hostage)

USA
R:Florent Emilio Siri
B:Robert Crais, Doug Richardson
D:Bruce Willis,
Kevin Pollak,
Jonathan Tucker,
Ben Foster,
Jimmy Bennett
L:IMDb
„Bang.”
Inhalt
Jeff Talley (Bruce Willis) war bisher im Los Angeles Police Department zuständig für Verhandlungen mit Geiselnehmern. Doch als eine Geiselnahme in einer Katastrophe endet, bei der eine junge Mutter und ihr Kind umkommen, ist Talley am Boden zerstört. Er verlässt Los Angeles und nimmt den weniger aufreibenden Job als Polizeichef der Stadt Bristo Camino in Ventura County an, wo die Kriminalitätsrate vergleichsweise niedrig ist. Drei jugendliche Kriminelle verfolgen eine Familie auf dem Heimweg, weil sie deren Wagen stehlen wollen – sie landen allerdings unversehens am falschen Tag im falschen Haus: Plötzlich sitzen sie am Stadtrand in einer millionenschweren Villa fest, die dem korrupten Buchhalter Walter Smith gehört: Die drei geraten in Panik und nehmen Smith und seine beiden Kinder als Geiseln – was Talley in genau die Situation bringt, die er für den Rest seines Lebens vermeiden wollte.
Kurzkommentar
„Hostage“ lässt Bruce Willis noch einmal auf die alten Tage anstoßen. Der Geisel- und Psycho-Thriller breitet unumgängliche Genreklischees aus und vernachlässigt seine Figuren bald zugunsten der Action. Aber Florent Emilio Siri platziert zweierlei gut: einen unerwarteten Erzähleingriff und seinen Hauptdarsteller selbst. „Hostage“ ist energiegeladen und solide. Doug Richardson, der Drehbuchautor, soll auch „Stirb Langsam 4“ schreiben. Kein unbedingt schlechter Vorgeschmack.
Kritik
Bei den gebeutelten Geiselthrillern gibt es scheinbar zwei Schubladen für Plot- und Charakterentwicklung des Films: Die eine, konsequent auf Psychologie und Dialog bauende, exerzierte „Verhandlungssache“ 1998 wie aus dem Handbuch vor. Hier quatscht der kühl-analytische „Negotiator“ die Geiseln quasi frei und den Geiselnehmer zum Wrack. Wortduelle entscheiden über Leben und Tod, die Profile von Geiselnehmer, Opfer und Verhandlungsführer machen sich gebührlich breit; fast Charakterkino. Es ist aber auch stets die Bühne der harten Männer - dann sind am Ende der Worte genug gewechselt, es wird geschossen, der Böse aus Notwehr gerichtet. Bis dahin ist dem Verhandlungsführer – eher ein enthobener Dirigent der Situation - in seiner Souveränität jedoch kaum Etwas aus dem Ruder gelaufen. Anders in „Hostage“, schon im Titel ein Stück weit das komplementäre Gegenstück zum „Negotiator“. Vielleicht ist „Hostage“ insofern ein Stück realistischer, als in der Eröffnung indirekt deutlich wird, dass die Tötung eines Geiselnehmers aus moralischer Sicht die letzte Alternative ist, nicht aber aus strategischer.

Wenn nun Bruce Willis, die einstige Action-Ikone der 80er, mit dabei ist, ist absehbar, dass der Finger bald am Abzug sein, dass der gewisse „Stirb Langsam“-Unterton her muss. „Hostage“ passt also ein gutes Stück weit in die andere Schublade, in der sich typische Momente der Verhandlungsrhetorik und Bewegung durch äußere Handlung erst die Waage halten, um dann in diversen Showdowns überdeutlich der Action das Heft in die Hand zu geben. „Hostage“ konzipiert die Figur des leicht gebrochenen Cops ganz klar als eine Reminiszenz an John McClane. Im kommenden Jahr wird Willis im vierten „Stirb Langsam“ aus Karrieregründen als der abgebrüht-selbstironische und doch verletzliche Held im Unterhemd zurück sein. Bis dahin mag „Hostage“ als Verkürzung der Wartezeit herhalten, denn Regisseur Florent Emilio Siri gelingt, anders als der etwas müde Titel vielleicht befürchten lässt, dank einer hervorragenden Positionierung seines Hauptdarstellers und einiger Kunstgriffe in der Handlung ein überdurchschnittlicher Vertreter seines Genres.

Bruce Willis hat die entscheidende Präsenz, wirkt glaubwürdig in emotionalen und schlagbetonten Situation, differenziert, aber eben auch wuchtig – und bietet damit genau das, was man serviert bekommen möchte. „Hostage“ zeigt also nicht nur als Randbemerkung, dass mit Willis als Leitfigur des Actiongenres weiterhin zu rechnen ist. Mehr erwarten darf man allerdings nicht, weil das Genre aus dem Dilemma einer in ihren Mustern und Figurenstereotypen schwer festgefahrenen Dramaturgie keinen Ausweg findet. Bevor Siri dies zum guten Teil mit einem Überraschungscoup doch noch schafft, wird den Sehgewohnheiten gerade im Hinblick auf die sehr notdürftige Figurenzeichnung Altbekanntes geboten, auch wenn sich die angeblich traumatisierende Szene in der Eröffnung noch Mühe gibt: Hier deutet „Hostage“ den Fall eines selbstherrlichen Verhandlungsgurus mit anschließender Mutation zum rasierten Sühner an. Mehr erwächst daraus aber nicht, weil es ohne jede Konsequenz für den restlichen Film ist. Es bleibt Show, als Einleitung mit drastischen Bildern.

Viel mehr als das Vorhandensein einer kriselnden Ehe gebiert die Figur von Jeff Talley also nicht mehr; die restlichen Protagonisten bleiben ähnlich flach, gehorchen gleichen Funktionalismen: Auf Seite der Geiseln beeindrucken angesichts vorgehaltener Waffen mal wieder Todesmut und Frechheit und auch die Typologie der Entführer gibt sich eher ausgelutscht: Da gibt es die einen, die eigentlich nur Spaß, vielleicht ein Auto klauen wollten, und die anderen, die wirklich Teuflischen. So die leicht unfreiwillig komische Figur des gewaltpsychotischen Mars, der unschwer absehbar macht, was mit der schicken Technikvilla, die „Hostage“ als verwinkelte Kulisse dient, am Ende passiert: dass sie zum einem Schlachtfeld wird. Doch gerade, wo man sich vielleicht entspannt zurücklehnen wollte in voller Gewissheit von dem, was da bis zum finalen Schusswechsel so ablaufen möge, landet Regisseur Siri seinen narrativen Kunstgriff, indem er die Geiselsituation doppelt und die Szenerie zu einem immer undurchsichtiger werdenden Dickicht von Manipulation und Motivation werden lässt.

Dass Siri das übliche Genremuster durch weitere Handlungsstränge aufbricht, kommt der Energiegeladenheit von „Hostage“ zugute. Damit profitiert auch die Spannungskurve von dieser Potenzierung ganz wesentlich und am Ende geht es auch weniger um logischen Zusammenhalt der einzelnen Erzählstränge als darum, dass es Siri gelingt, seine Zentralfigur in jeder Szene intensiv zu platzieren. Aber das pikante Detail, dass der Verhandlungsführer im gewissen Sinne selbst zur Geisel wird, sorgt für frische Impulse, auch wenn Siri zum Schluss als Zugeständnis alles in Feuer aufgehen und selbst harmlose Familienväter zum Vollstrecker werden lässt. Hier gibt es jenseits nicht unzimperlicher Gewaltdarstellung gerade beim Abgesang des Mars noch einige billige Bildsymboliken, zudem nervt eine polternde Musik. Aber unter dem Strich vereint Florent Emilio Siri erst zweiter Film handwerklich sichere Genrearbeit mit einem wirkungsvollen erzählerischen Rettungsgriff. „Hostage“ ist zwar weder im Sinne eines Psycho-Thrillers oder Actionfilms wirklich bemerkenswert. Aber als Willis-Vehikel mit leicht nostalgischem Einschlag ist er tauglich und kurzweilig.

Überdurchschnittliches Geiseldrama dank starkem Hauptdarsteller


Flemming Schock