Million Dollar Baby

USA, 137min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Clint Eastwood
B:F.X. Toole, Paul Haggis
D:Hilary Swank,
Clint Eastwood,
Morgan Freeman,
Jay Baruchel,
Mike Colter
L:IMDb
„There is magic in fighting battles beyond endurance. ”
Inhalt
Frankie Dunn (Clint Eastwood) hat sein Leben lang im Ring verbracht – als Trainer und Manager hat er etliche legendäre Boxer betreut. Weil Frankie sehr darunter leidet, dass seine Tochter sich von ihm abgewendet hat, ist er schon seit vielen Jahren keine engere Beziehung mehr eingegangen. Nur einer darf sich sein Freund nennen: Ex-Boxer Scrap (Morgan Freeman). Doch dann taucht Maggie Fitzgerald (Hillary Swank) in seinem Trainingscenter auf. Sie weiß, was sie will, und sie geht jedes Risiko ein, um es zu bekommen.
Kurzkommentar
„Million Dollar Baby“ hat emotionale Energie und so etwas wie Würde. Das erfrischend simple Boxdrama um den Willen zum Sieg einer Frau in einer der letzten Männerdomänen will Hillary Swank ein wenig zu bemüht für den zweiten Oscar empfehlen und wälzt Ringklischees en masse aus. Aber worin sich die Hollywood-Legende auch immer versucht: Eastwood ringt jedem Genre klassisches Kino ab.
Kritik
Wenn die Oscarverleihung in diesem Jahr auf eines wartet, dann auf die erneute Auszeichnung für Clint Eastwood in der „Königsdisziplin“, in der des besten Films. „Mystic River“, Eastwood letztjähriges großes Drama, wurde auch allenthalben bejubelt und setzte die Aufwärtsbewegung in der Qualität von Eastwoods Regiearbeiten auch erfreulich fort. Als klarer Mitfavorit ging „Mystic River“ 2004 mit sechs Nominierungen dann auch ins Rennen, durchsetzen konnte sich allerdings „nur“ die enorm starke Besetzung – ohnehin ein Charakteristik von Eastwoods Regiearbeiten, nicht zuletzt dann, wenn er nicht nur Regie führt, sondern als Hauptdarsteller selbst vor der Kamera steht. Das ist im einfach gearbeiteten „Million Dollar Baby“ nun wieder der Fall. Der Film geht für vier der begehrtesten Filmauszeichnungen in die Konkurrenz, und erneut in den Kategorien, in den Eastwood der Triumph im letzten Jahr erneut versagt blieb: in der der besten Regie und des besten Films.

Angesichts der doch irgendwie trockenen Konkurrenz dürfte es nahe liegen, dass sich „Million Dollar Baby“ als bester Film durchsetzt. Allerdings ist da noch Martin Scorsese, der mit seiner allzu glatten Exzentrikerbiographie „The Aviator“ als eigentlicher Favorit gilt. Eastwoods Streifen ist aber angenehm bescheidener und leiser als das Klotzkino von Scorsese und auch klar der bessere Film, weil er als rührend einfache Boxertragödie und Underdogmärchen das Publikum emotional viel eher erreicht. Das liegt, wenngleich Eastwoods charismatisches Altvätertum sowieso jeder Kritik enthoben ist, in „Million Dollar Baby“ dann doch weniger an den nicht zu sehenden Gipfeln der Schauspielkunst als am gelungenen und stimmungsvoll dichten Gesamtentwurf des Streifens. Dass Hillary Swank, die mit ihrer ersten Oscarnominierung für ihr Transsexuellen-Portrait in „Boys Don´t Cry“ direkt den Oscar gewann, hier erneut nominiert ist, wirkt dann jedenfalls ein wenig schmeichelhaft.

„Million Dollar Baby“ fordert seiner Besetzung nicht das Letzte ab, aber Eastwood schreibt fort, was ihn ausmacht: Es wird konstant sehr hohes Niveau geboten, alle wesentlichen Rollen – die des greisengleichen Boxlehrers, dessen halblinden Kompagnon und der unerbittlich willensstarken Kämpferin – sind großartig besetzt und mit viel Sorgfalt gespielt, wenn auch hölzern. Deren Präsenz und eine doch unerwartete erzählerische Wendung sorgen dafür, dass „Million Dollar Baby“ zu einem halbwegs originellen Vertreter des narrativ eher einfältigen Boxer-Genre wird. Filme müssen nicht Unverbrauchtes bieten, um gut zu funktionieren, aber dennoch – was bietet, abgesehen vom leicht chauvinistischen Titel, „Million Dollar Baby“ wirklich Neues? Zuerst einmal weiß das Drehbuch natürlich, wovon es spricht – es basiert auf Geschichten eines gewissen F.X. Toole, der Erzählungen rund um den Gewaltsport, die eigentliche Männerdomäne, veröffentlichte und, so heißt es wenigstens, im realen Ring den auch selbst den „cut man“ gab, der die übel und blutig Zugerichteten in den Rundenpausen notdürftig flickt.

Eastwoods Inszenierung räumt diesen dramaturgisch altbekannten Genreszenen dann auch gebührlich Raum ein. Eigentlich neu ist aber nur, dass hier erstmals eine verarmte und genauso energische Frau mit den Fäusten die einfachste Metapher vom amerikanischen Traum herbeiprügeln will. Damit ist auch die absehbare und kantenlose väter- und töchterliche Ersatzbeziehung zwischen Trainer und „Fighter“ unverbraucht. Im großen Rest darf man auf keine Innovationen hoffen; wie auch, mag man meinen, hat das Genre doch die fest eingemeißelte Katalysatoren und Wendepunkte: Ein Underdog glaubt mit heroischer Penetranz, dass er „der Champ“ ist. Er kämpft – gegen sich selbst, gegen höhnische Blicke und gleich gegen die Gesellschaft an sich –, siegt im Glauben an sich selbst und so fort. Zwischendurch macht es sich, wo politische Feindbilder im Ring passé sind, gut, wenn das Respekt-Gerede mit klugen Gleichnissen ins Alltagsphilosophische geläutert wird.

So hat Boxen, das erfahren wir durch ausladendes Sinnieren aus dem Off, sehr viel mit dem wabernden Bild von Leben zu tun. Das Leben als steter Kampf aus der Deckung, das existentielle Bild. Andererseits sei der Sport, bewegungsmäßig, gar unnatürlich, Arbeit aus dem Rückwärtigen. Der weitere Jargon gibt sich, ja muss sich ähnlich klischeedurchtränkt geben, es geht wohl auch kaum anders. Und trotzdem entwickelt „Million Dollar Baby“ jene merkwürdige Würde, die allem zueigen ist, was Eastwood mit seinen über siebzig Jahren angeht. Ein Stück weit staunt man, wie tief der Regisseur aus seinen Figuren schöpft, die über naive Genrestereotype im Grunde nicht hinauskommen. Sehr intensiv wie ruhig entwickelt sich „Million Dollar Baby“ um die Beziehung zwischen Trainer und Zögling, von den Station des unumgänglichen Übels zur Vater-Tochter-Dimension. So findet sich in der harten Schale des Boxsports natürlich ein arg verletzlicher Kern. Rührende Züge werden dabei nicht ausgespart, weil Eastwood mit Drehbuchautor Paul Haggis die Originalität besitzt, Höhe und riskierten Fall im Boxsport in drastischer Nähe zu zeigen.

Das fördert eine vielleicht etwas zu gezwungene Tragödienentwicklung zutage, die ihr Ziel, Hillary Swank und auch Eastwood – der ebenso für den Darsteller-Oscar nominiert ist -, in unbedingt preiswürdigen Leistungen zu zeigen, jedoch verfehlt. „Million Dollar Baby“ funktioniert, wo es in begrüßenswerter Einfachheit um erfüllte und zerstörte Träume geht, auf der mimischen Seite ausgenommen gut, aber eher im Ensemble als durch Einzelleistung. Trotzdem ist Eastwoods Film über weite Strecken emotional so geladen wie der Sport selbst und baut dies bis zum Ende konsequent aus. Dass der Spannungsbogen von „Million Dollar Baby“ durch ewig wiederholte Ringszenen ein wenig unter den genretypischen Ermüdungserscheinungen leidet und die inneren Konflikte von Frankie weniger aus dem Off als durch ihn selbst hätten kommentiert werden sollen, trübt den reifen und sorgfältigen Eindruck des „neuen Eastwoods“ kaum. Es ist weniger der Ideenreichtum als die Handschrift des Regisseurs und die milde Altersselbstironie des Schauspielers Eastwood, die begeistern.

Bewegendes Boxerdrama mit mutigem Ausgang


Flemming Schock