Dolmetscherin, Die
(Interpreter, The)

USA, 128min
R:Sydney Pollack
B:Scott Frank, Charles Randolph, Steven Zaillian
D:Sean Penn,
Nicole Kidman,
Catherine Keener,
Jesper Christensen,
Yvan Attal
L:IMDb
„Rache ist eine feige Form von Trauer”
Inhalt
Wer für die Vereinten Nationen arbeitet, ist zur Geheimhaltung verpflichtet. Aber als die UN-Dolmetscherin Silvia Broome (Nicole Kidman) zufällig Zeugin eines Mordkomplotts gegen einen afrikanischen Regierungsvertreter wird, muss sie handeln. Silvia wendet sich an die US-Behörden, und man stellt den Bundesagenten Tobin Keller (Sean Penn) für ihren Schutz ab, denn auch sie schwebt in akuter Lebensgefahr: ihr Wissen scheint den Attentätern nicht verborgen geblieben zu sein. Aber als Keller die Hintergründe des brisanten Falles beleuchtet, gerät Silvia selbst ins Zwielicht – ist sie Opfer oder womöglich selbst in die Verschwörung verstrickt? Silvia und Tobin verwickeln sich in ein packendes Spiel um gegensätzliche Weltanschauungen und persönliche Geheimnisse – während sie in einem Wettlauf mit der Zeit die Gefahr einer drohenden internationalen Krise abwenden müssen, bevor es zu spät ist.
Kurzkommentar
„Die Dolmetscherin“ ist ein solider Film, kompetent inszeniert, mit charismatischen Darstellern, nicht zu simpel und dank des UN-Hintergrunds erfrischend unverbraucht. Aber Regisseur Sydney Pollack schert sich wenig um die politischen Implikationen seines Plots und das Potenzial, das sie böten, die Diskussion um die Schwerfälligkeit einer nationenübergreifenden Institution wie der UN in den Mainstream zu hieven. Stattdessen erzählt er routiniert, aber affektlos seine Geschichte um ein mögliches Attentat herunter und vermag nur in wenigen Momenten, zu seinen Figuren zu finden. Immerhin verzichtet er aber auf ein leeres Schnittgewitter wie es in letzter Zeit so häufig im Thriller-Genre anzutreffen ist.
Kritik
Sydney Pollack scheint sein Feuer – oder zumindest seinen Idealismus – verloren zu haben. Liest man heutige Interviews (1, 2) mit dem Regisseur, zu dem Tom Cruise bei der Preisverleihung des John Huston-Awards der „Director’s Guild of America“ gesagt haben soll, er sei der „Verteidiger künstlerischer Freiheiten“ und „ein Kämpfer“, so erhält man den Eindruck, ihn treibe nichts mehr an außer der kommerzielle Erfolg. Resignation macht sich breit im Kampf gegen das „System Hollywood“, der Wille und/oder die Fähigkeit für zumindest unterschwellige Botschaften scheint dahin. Seine letzten Filme waren das recht überflüssige Billy Wilder-Remake „Sabrina“ sowie das schleppende Beziehungsdrama „Begegnung des Schicksals“. Beide mit einem exemplarisch müden Harrison Ford in der Hauptrolle.

Mit „Die Dolmetscherin“ inszeniert Pollack nun wieder einen Thriller, dem Genre, in dem seine besseren Arbeiten zu finden sind und das ihm und Hauptdarsteller Robert Redford in den 70ern viel Anerkennung einbrachte. „Three Days of the Condor“ hieß der Verschwörungsthriller im Geheimdienstmilieu damals und die paranoide Grundstimmung, die den Film prägte, wird man in „Die Dolmetscherin“ schmerzlich vermissen. Trotzdem ja gerade die UN ein hochspannendes Thema für einen (amerikanischen) Polit-Thriller wäre, offenbart der Film genau hier seine größte Schwäche: die politischen Implikationen des Themas werden völlig vernachlässigt und zum illustrativen Hintergrund für einen gewöhnlichen Spannungsfilm. Keine Thematisierung der Schwerfälligkeit einer Institution wie der UNO, kein Wort zu den USA, die die UN ja zunehmend als lästig abtun, keine noch so kleine Stichelei gegen auch nur irgendeine Regierung. Dankend nimmt Pollack zwar die Gelegenheit wahr, im realen UN-Gebäude filmen zu können und meint, seinem Film damit die nötige Verankerung in der Realität zu geben, aber nutzt er die Architektur des Gebäudes auch zur Durchdringung des Themas? Gönnt er sich auch mal eine längere, statische Einstellung, um den Raum auf seine Figuren und deren Geschichte wirken zu lassen?

Nein. Trotzdem sich Pollack wohltuend vom aktuellen Schnellschnittkino eines Michael Bay oder Tony Scott absetzt, gelingt ihm nur in wenigen Momenten der Ausbruch aus dem engen Konventionskorsett des Studiosystems: dann, wenn er die Verlorenheit seiner Protagonisten in den Fokus rückt, wenn er deutlich macht, dass diese Geschichte doch wesentlich mehr sein könnte als nur ein Attentatsthriller. Sean Penn und Nicole Kidman finden zwar nicht wirklich zu ihren Figuren und können ihnen selten mehr als Stereotypie abgewinnen, kompetente Darsteller sind sie dennoch: nicht eine Sekunde zweifelt man daran, dass hier kein Liebespaar heranwachsen wird, sondern nur das vorsichtiges Vertrauen zweier vom Schicksal gezeichneter. Phasenweise entwickelt sich zwischen den beiden sogar eine recht bemerkenswerte Chemie: Penn als der verletzbare Secret-Service Agent, eher simpel gestrickt, die Stirn immer in Falten, Kidman als das ätherische, undurchschaubare Wesen, als Frau mit viel Oberfläche und noch mehr Hintersinn. Pollack sieht in Penn und Kidman genau das, was auch Stanley Kubrick in „Eyes Wide Shut“ herausgearbeitet hat: der Gegensatz eines Paares, von dem einer ein Geheimnis besitzt und der andere nicht. Pollacks Behauptung, er arbeite auch deswegen gerne als Darsteller, um anderen Regisseuren bei der Arbeit zusehen zu können (wie er es im Falle von „Eyes Wide Shut“ ja sogar tat) trägt also sichtbar Früchte.

Doch die dichten Momente sind zu selten in „Die Dolmetscherin“ und Pollack hat arge Probleme, seinen mäandernden Plot unter Kontrolle zu halten. So ist es zwar sehr begrüßenswert, dass hier nicht einfach nur ein tumber Bösewicht aufgebaut wird, den es zu stoppen gilt, und die Machtsituation in Broomes Heimatland einer gewissen Komplexität genügt, man gewinnt aber nicht den Eindruck, dass Pollack und seine fünf Drehbuchautoren dem Ganzen die nötige Konsistenz abringen können. So wirkt im Nachhinein der ganze Aufhänger der Geschichte – das zufällige Belauschen des Mordkomplotts – wie ein simpler McGuffin, der lediglich den Plot ins Rollen bringen soll, nicht aber sinnig in die Geschichte passt. Und auch das Ende hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: die Inszenierung eines Attentats zur Stärkung der eigenen Macht fügt sich vortrefflich in das UN-Szenario ein, während die „Läuterung“ des Präsidenten bigotter Hollywoodmoral gehorcht: Silvia Broome mag an die UN und die Stärke des Wortes glauben, überzeugen muss sie Präsident Zuwanie aber immer noch mit der Waffe.

Insgesamt ist es schade, dass sich Pollack bzw. die Geldgeber nicht an wesentlich mehr realitätsnahe Details getraut haben und die UN stattdessen zu bloßer Kulisse degradiert wurde. Hätte Pollack – wenn auch nur im Subtext – den fiktiven afrikanischen Staat deutlicher als Simbabwe zu erkennen gegeben und Zuwanie Robert Gabriel Mugabe genannt, „Die Dolmetscherin“ wäre geradezu subversiv geworden. So ist er lediglich ein solider Thriller, mit guten Figuren, einigen kompetenten Spannungsmomenten und Pollacks Gabe, auch kleinen Nebenrollen wie der der Secret-Service Partnerin Dot Woods (Catherine Keener) oder des tragischen Agenten Doug eine gewisse Stärke und Würde zu verleihen. Und dann ist da noch der naive Gedanke, dass in Zukunft vielleicht ausgerechnet das UN-Gebäude zum neuen Wahrzeichen eines (Film-)New Yorks hätte werden können.

Solider Polit-Thriller, leider kaum politisch.


Thomas Schlömer