Hotel Ruanda
(Hotel Rwanda)

Kanada / Großbritannien, 121min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Terry George
B:Terry George, Keir Pearson
D:Don Cheadle,
Nick Nolte,
Joaquin Phoenix,
Sophie Okonedo,
Antonio David Lyons
L:IMDb
„You cannot possibly kill them all. – Why not? We’re halfway there already.”
Inhalt
Vor elf Jahren brach in Ruanda der Irrsinn aus: angestachelt durch lokale Radiosender vielen radikale Hutu über den „konkurrierenden“ Volksstamm der Tutsi her und töteten innerhalb weniger Monate über 800.000 Tutsi und sympathisierende Hutu. Aber ein Mann zeigte sich entschlossen, alles dafür zu tun, um seine Familie zu schützen. Er brachte den Mut auf, sich der Gewalt entgegen zu stellen: Paul Rusesabagina. Unter Einsatz seines Lebens rettete der Hotelmanager aus Ruanda couragiert mehr als 1200 Flüchtlinge vor dem sicheren Tod. Die Welt schaute weg, aber Paul breitete seine Arme aus und bewies, dass auch ein Einzelner Großes bewirken kann.
Kurzkommentar
Terry Georges „Hotel Ruanda“ leidet unter einem ähnlichen Symptom wie der jüngste Kinobeitrag zur deutschen Geschichte, Marc Rothemunds „Sophie Scholl“. In großem Stil als Filme mit sozialkritischem Auftrag inszeniert, sehen die Regisseure in ihren Stoffen dann doch in erster Linie den Stoff für dramatische Unterhaltung mit lehrbuchreifem Spannungsbogen. Im Gegensatz zu Rothemund verfängt sich George aber nicht in dokumentarischem Anspruch, sondern nutzt seine historische Figur, um den Irrsinn, den 1994 die ruandischen Hutus ergriffen hat, auf simple aber sehr ergreifende Weise deutlich zu machen.
Kritik
Man konnte 1993 viel gegen Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ – und dieser Vergleich ist für „Hotel Ruanda“ wohl unumgänglich – ins Feld führen, aber wohl nicht, dass er den Genozid an den Juden – angesichts der Konzentration auf einen einzelnen Protagonisten – in seiner Dimension verharmloste. Spielberg, der Schindler weniger als ethischen, denn als rechnerischen „Helden“ vermittelte, tat gut daran, die Rettung von über tausend Menschen nicht gegen die Millionen Ermordeter abzuwiegen und wenn, dann nur insofern, als dass in jeder Sekunde evident war, dass mit der Errettung Hunderter nicht gleich das ganze Volk vor der Vernichtung bewahrt wurde. Und in seinem pathetischen, aber treffenden Credo ging er sogar noch einen Schritt weiter: „Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt”.

Das ist kein unwichtiger Punkt, denn gerade die filmische Umsetzung „wahrer Begebenheiten“ führt schnell zum fatalen Bewertungsmaßstab der Quantität. Wo Werbung und Pressetexte gebetsmühlenartig wiederholen, dass Leistungen wie die Paul Rusesabaginas beweisen, dass auch ein Einzelner Großes bewirken kann (vgl. „Inhalt“), wird übersehen, dass die Bekanntheit einzelner Ikonen wie Schindler oder nun Rusesabagina nicht zuletzt auf die Größenordnung ihrer Tat zurückzuführen sind: erst das beeindruckende „Retter zu Gerettete“-Verhältnis von 1:1000 sorgt dafür, dass heute Filme über diese Leute gedreht werden. Im Mittelpunkt muss aber Selbstlosigkeit als solche stehen, nicht deren quantitatives Ergebnis.

Nun ist Film aber natürlich häufig und gerne „larger than life“ und Regisseur Terry George würde wohl nicht widersprechen, wenn man ihm Konzessionen an den Mainstream und das gewisse Glattbügeln für die Filmdramaturgie unterstellen würde. Das aber war im Falle der Geschichte von Paul Rusesabagina kaum notwendig, weisen doch die dramatischen Tage im Hotel „Des Mille Collines“ eine fast ebenso mustergültige dramaturgische Struktur auf wie jüngst die letzten Tage „Sophie Scholls“ oder eben Spielbergs „Schindlers Liste“: Rusesabagina als Held, der er eigentlich nie sein wollte, als jemand, der - und das ist eine sehr schöne Botschaft - ganz einfach nur an eine zivile Ordnung geglaubt hat. George erweist sich im Umgang mit dem nicht-fiktionalen Stoff aber insofern als geschickter als sein deutscher Kollege Marc Rothemund, als dass er sich vom Spannungsfeld faktische Treue/filmische Interpretation nicht gefangen nehmen lässt und stattdessen primär die emotionale Dimension der Vorfälle von 1994 erfahrbar macht. Durchaus mit Respekt vor den Fakten, aber nicht in sklavischer Treue.

Glaubwürdig wirkt seine Intention dabei vor allem aufgrund zweier Entscheidungen: zum einen setzte er Hauptdarsteller Don Cheadle gegen Kinogrößen wie Denzel Washington oder Wesley Snipes durch (und nahm damit das Scheitern der Verhandlungen mit größeren Hollywood-Studios in Kauf), zum anderen stellt er seine potenzielle Eitelkeit als Regisseur vollkommen hinter die Geschichte zurück: „Hotel Ruanda“ ist unverblümt und konventionell inszeniert, die Kamera sucht nicht nach Aufmerksamkeit, die Bilder sind nicht mit Symbolen und Manierismen überladen. George vermeidet die explizite Darstellung der unzählbaren Grausamkeiten, die in jenen Kerntagen des Genozids in Ruanda stattgefunden haben müssen, die drohende Gewalt ist dennoch jederzeit spürbar. Weil die Verlogenheit der korrupten Generäle deutlich wird, weil Rusesabagina seinen verletzten Sohn des Nachts in einem Dornenbusch auffinden muss, weil Rupert Gregson-Williams’ Actionmusik ausnahmsweise das transportieren darf, was die Bilder nicht darstellen wollen. Zudem spielen Cheadle und Sophie Okonedo derart überzeugend, dass jede Bedrohung ihres familiären Glücks weitschweifige Schreckensbilder kompensiert. Man hat nicht das Gefühl, dass der Genozid an Schrecken verliert, nur weil die Macheten nicht zu einem sichtbaren Einsatz kommen.

Dieser simple, unmittelbare Ansatz Terry Georges macht „Hotel Ruanda“ zu einem glaubwürdigen Film, auch wenn er zu konventionell und undifferenziert ist, um eine Lanze für das gebeutelte Ruanda brechen und seine Zuschauer für dessen zukünftige Entwicklung interessieren zu können. Die Rolle der USA und der UNO während der knapp einhundert Tage werden beispielsweise ebenfalls von George thematisiert, aber nur in soweit sie das Ausmaß des Unglücks verdichten können, nicht, weil George eine ernsthafte politische Auseinandersetzung anstrebt. Kein Wort wird auch über die Ruandische Patriotische Front verloren, die sich später für den Völkermord rächen und gleichsam 200.000 Hutu-Flüchtlinge ermorden wird. Kein Wort auch darüber, dass sie es eigentlich war, die das Fass initial zum Überlaufen brachte, indem sie – so vermutet man – den Anschlag auf den damaligen Diktator Juvénal Habyarimana, einen Hutu, verübte. Die Entscheidung, diese Hintergründe auszublenden, macht „Hotel Ruanda“ zu keinem verlogenen Film, weil er eh keine Partei ergreift, außer der für die Opfer. Aber es nimmt ihm viel von seiner potenziellen Brisanz.

Dem Thema vielleicht unangemessen konventionelles, dennoch sehr ergreifendes Drama über eines der dunkelsten Kapitel jüngerer Geschichte


Thomas Schlömer