Spanglish

USA, 131min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:James L. Brooks
B:James L. Brooks
D:Adam Sandler,
Téa Leoni,
Paz Vega
L:IMDb
„Es schien, als habe er die Gefühle einer mexikanischen Frau.”
Inhalt
Die schöne Flor immigriert von Mexiko nach Amerika. Im Gepäck: Ihre zwölfjährige Tochter Cristina und die Hoffnung, sich ausgerechnet im hektischen Los Angeles ein besseres Leben aufbauen zu können. Schon bald tritt Flor bei John und Deborah Clasky einen Job als Haushälterin an. Doch nicht alles klappt gleich auf Anhieb so, wie Flor es sich vorgestellt hat. Die Sprache ist fremd, die Kultur unterschiedlich und ihre neuen Arbeitgeber irgendwie anders. Denn das wohlhabende Ehepaar pflegt einen recht exzentrischen Lebensstil. Während John als Starkoch in Kalifornien hohe Anerkennung genießt und obendrein der perfekte Vater und Ehemann ist, hat seine neurotische Frau mit der typischen Unausgefülltheit und Unsicherheit einer reichen Hausfrau zu kämpfen. Gleichzeitig führt Deborah der jungen Mexikanerin ein ihr bislang unbekanntes extravagantes und glamouröses Leben vor. Hinzu kommt, dass Cristina gerade mächtig pubertiert und Flor somit ständig auf Trab hält. Der Wandel ihrer Tochter zur Frau, der luxuriöse Lebensstil der Claskys, vor allem aber das Aufeinanderprallen der Kulturen und die Sprachbarriere (Flor spricht Spanisch, jedoch kein Englisch) sorgen für turbulente Zeiten im Leben beider Familien – und bringt sie letztlich einander näher.
Kurzkommentar
Filmtitel und der Ruf Adam Sandlers lassen üblen Mainstream-Klamauk befürchten. Doch der „Besser geht’s nicht“-Regisseur James L. Brooks schafft in seinem ersten Film seit sieben Jahren eine kleine, aber feine, emotional überraschende „culture clash“-Tragikkomödie. Sie macht Adam Sandlers Mutation perfekt, positioniert ihre lebendigen Figuren sehr glaubwürdig und besticht durch die einfühlsame Verstrickung und Bespiegelung zweier Familien. Gewisse Stereotype nimmt man dabei gerne hin.
Kritik
Zusammen mit dem Titel, der mit ihren Sprachen auch das Aufeinanderprallen zweier Kulturen auf Komödienebene verspricht, führt der Name des Hauptdarstellers erst einmal zu Irritationen. Und vielleicht auch zu einer fatalen Fehleinschätzung des ganzen Unterfangens, denn „Spanglish“ serviert ganz sicher nicht die Art debil-derber Zoten, mit denen sich „Waterboy“ Adam Sandler in seinen Mainstream-Erfolgen lange Zeit auf peinliche Weise in der Humortalsohle seinen Namen machte. Aber da gab es ja vor fast genau zwei Jahren vom „Magnolia“-Regisseur Paul Thomas Anderson ja jenen Film, der, wie man jetzt sagen kann, vielleicht den Anfang der merkwürdig notwendigen, sympathischen Transformation und Rettung des Adam Sandler vorführte: „Punch Drunk Love“. Dass jene Kritiker jetzt Lügen gestraft werden, die nicht glauben konnten, dass Sandler tatsächlich auch Schauspielen kann und das Ergebnis allein Anderson anzurechnen sei, zeigt „Spanglish“ auf eindrucksvolle Weise.

Sicher, dass Sandler sich nun in „Spanglish“ so vorteilhaft präsentieren kann, liegt nicht zuletzt an den Freiräumen, die ihm der Regisseur einräumt und was dieser fordert. Hier ist gerade James L. Brooks der Mann, der zum Katalysator für die sonst nur schlummernden Potentiale seiner Darsteller wird: Sieben Jahre ist es her, dass Brooks seinen letzten Film drehte, und „Besser geht’s nicht“ mit Jack Nicholson und Helen Hunt brachte seinerzeit beiden Hauptdarstellern einen Oscar ein. Mit Brooks auf dem Regiestuhl war nahe liegend, dass auch „Spanglish“ die gefährlichen Klippen, die in dem Stoff durchaus schlummern, mit intelligentem Humor umschiffen würde: Wo Klamotten nach der Hollywood-Routine dem „culture clash“ und dem Sprachbarrieren-Szenario nur übelste Klischees aufgezwungen und in dem „alten“ Adam Sandler sicher ihre Idealbesetzung gefunden hätten, liegt „Spanglish“ erstaunlich neben der Spur.

Brooks gelingt eine warmherzige Tragikkomödie, die sich, wie für ihn typisch, durch intelligente Dialoge und einen begeisternd präzisen Blick für die einzelnen Charaktere und ihre (geistigen) Milieus auszeichnet. Brooks tut also exakt nicht das, was der eher in den Mainstream-Bereich weisende Titel anzudrohen scheint: Nie gibt er seine Figuren der Lächerlichkeit preis, man lacht, sieht man von einer schwer überdrehten Tea Leoni ab, nie über sie, im Gegenteil. Tatsächlich überwiegen die nachdenklichen Momente, was daran liegt, dass Brooks es schafft, Innenleben und Autonomie der einzelnen Figuren nicht debilen Kultur-Gags zu opfern, sondern ein Ehedrama im vorgeblichen amerikanischen Traumhaus mit dem leisen Integrationskampf einer mexikanischen Mutter zu vereinen. So liegt im Kern von „Spanglish“ ein Kampf um Menschlichkeit, um gegenseitige Anerkennung, aber auch ein sehr geschickt eingeflochtener Zug von Romantik.

Natürlich kommt der Film dennoch nicht darum herum, in gewisser Weise jene selbstläufigen Missverständnisse durchzuexerzieren, die bei der Kollision zweier (Sprach)Welten den Ausgangspunkt bilden: Leicht überzeichnete, abgegriffene Vorstellungen, Klischees also, werden zur Folie, auf der Brooks mit erstaunlicher Ruhe die Psychen seiner Figuren abhandelt. Kalauer mit der Jagd nach der größtmöglichen Anzahl von Pointen sucht man aber vergebens. Sandler darf an der Spitze einer mal wieder nur an der Oberfläche perfekten Familie die Galionsfigur des amerikanischen Traums geben, den Selfmademan, den beruflich erfolgreichen Vier-Sterne-Koch, den selbst das altehrwürdige Institut der „Times“ per Gourmet-Kritik direkt an die Spitze der amerikanischen Küchenchefs befördert. Also alles perfekt, eigentlich, denn John Clasky kann nicht nur himmlisch kochen, sondern ist auch noch sensibel und verfügt über zwei wunderbar nicht verzogene Kinder. Damit sollte er geliebt werden.

Für das Zerrüttende ist allerdings seine Frau zuständig – eine großartige Tea Leoni, die als Fitnesshörige, dauerneurotischen Cholerikerin den bizarren Endpunkt des American Way of Life gibt. Bevor Brooks auf sehr glaubwürdige Weise den Entfremdungsprozess des Ehepaares aufgreift, zeigt er im Schnelldurchlauf den Beginn der Geschichte der standhaften und prinzipientreuen Flor, die auf der Suche nach einem besseren Leben ihre Tochter nach Amerika bringt und den Schutz der spanischsprachigen Gegenden in Los Angeles nach Jahren allerdings aufgeben muss, um als Haushälterin in einem amerikanischen Haushalt ein besseres Auskommen zu finden. Generell gilt: Brooks hat neben dem durch erstaunliche Zurückhaltung überzeugenden Sandler ein ideales Ensemble zusammengebracht. Die Spanierin Paz Vega ist vor allem durch atemberaubendes Äußeres eine Präsenz, wird der Rolle der durch praktischen Lebenssinn und aufopfernde Zurückhaltung ausgezeichneten Mutter aber großartig gerecht.

Sie ist ein gutes Stück weit Filmfrau, aber Brooks macht dankenswerterweise nicht platten Zug, ihre Schönheit zum Ausgangspunkt einer Seitensprunggeschichte zwischen Hausherr und Haushälterin zu machen. Die Verstrickung in die emotionalen Belange der Familie, denen sich Flor erst im Sinne des Jobs erst zu verschließen sucht, entwirft „Spanglish“ mit einem wohl ziemlich authentischen Zug, am deutlichsten in den Szenen von Verlegenheit, missverstehender Ruhe und von Übersetzungsversuchen: Ein schwer amüsanter und wiederum gleichzeitig ernster Moment, da es um elterliche Verantwortung geht, ist jener, als die junge spanische Tochter die hitzige Simultanübersetzerin im Streit zwischen John und Flor geben muss. „Spanglish“ setzt bewegend komische und tragische Augenblicke in diesem interkulturellen Beisammensein ineinander. Er meistert die Schwierigkeit, zum großen Teil von den Leerstellen, den Blicken und Gesten zwischen den Sätzen zu profitieren, er hat einen mittlerweile selten genauen Blick für den emotionalen Kern seiner Figuren und für die Portraitierung zweier Familien, die aus unterschiedlichen Wurzeln heraus um das „Überleben“ kämpfen und sich im Spiegel des anderen besser verstehen.

Erfrischende Tragikkomödie, bestechend gespielt, glaubwürdig und bewegend


Flemming Schock