Meer in mir, Das
(Mar adentro)

Spanien / Frankreich / Italien, 125min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Alejandro Amenábar
B:Alejandro Amenábar, Mateo Gil
D:Javier Bardem,
Belén Rueda,
Lola Dueñas,
Mabel Rivera,
Celso Bugallo
L:IMDb
„Das Gefühl von Frieden ist unendlich.”
Inhalt
Ramón (Javier Bardem) träumt sich ins Meer, spielt mit Wellen und bestaunt die Farben - wann immer ihn die Fantasie losziehen lässt. Denn das Meer hat ihm sein Leben geschenkt. Aber es hat es ihm auch wieder genommen. Vor 27 Jahren hatte er einen Unfall, als er in dieses Meer sprang - seither ist er querschnittsgelähmt, ist sein Körper gestorben. Nur den Kopf, die Augen, den Mund kann er bewegen. Und den Hals ein wenig drehen. Und seit 27 Jahren möchte er, dass auch sein Kopf sterben kann. Er fühlt sich zum Leben verdammt. Aber für den Tod würde er Hilfe brauchen - und die versagen ihm Staat und Kirche.
Kurzkommentar
Die sinnbildliche Seite der Bilder beherrscht Alejandro Amenábar meisterhaft. Die in Venedig und bei den Golden Globes gefeierte Tragödie um Euthanasie ist aufwühlend, gnadenlos gut gespielt und kontrovers dadurch, weil „Das Meer in mir“ durchaus als „Propaganda“ für würdevolles Sterben durch die Hilfe anderer gewertet werden kann. Oder ganz anders. Ein wichtiger, unweinerlicher Film allemal.
Kritik
Wie man der Aufmerksamkeit sicher ist, weiß der Spanier Alejandro Amenábar ganz genau. Entweder, man nehme eine Schauspielerin vom Kaliber einer Nicole Kidman für einen unaufdringlich-feinfühligen Horrorverschnitt, so für seinen letzten Film „The Others“; oder eben ein Thema, dessen Geschichte und gegenwärtiger Stand noch heikler ist als die Abtreibung selbst – die Euthanasie, die Diskussion um die moralische Berechtigung der Sterbehilfe für unheilbar Kranke. In dieser Definition wirft sich schon das erste Problem auf: Bezieht sich „unheilbar krank“ auf eine Diagnose, die, wo die Medizin versagt, den Tod in Bälde absehbar macht oder auch auf jene, die, wie der Spanier Ramón Sampedro, bis zum Hals gelähmt sind, aber unter keinem regressiven Krankheitsverlauf zu leiden haben, also gar, wie hoffentlich alle, eines ganz gewöhnlichen Alterstodes sterben könnten? Und: Darf der „unheilbar Kranke“ auch dann aus „humanen“ Gründen vom Leben zum Tod befördert werden, wenn er nicht mehr fähig ist, die Entscheidung aus eigenem Willen zu autorisieren?

Amenábar wirft die empfindlichste Frage menschlicher Willensfreiheit auf, was natürlich ordentlich Bewegung in das letztjährige Filmfestival von Venedig brachte: Ist die Verfügung über das eigene Leben weniger Pflicht als Recht? Die Moraltheologie lehnt das erlösende Eingreifen in einen schmerzvollen Sterbeverlauf selbstverständlich ab, ebenso fast die gesamte Rechtsgeschichte, in der Euthanasie – sicher nicht unbeeinflusst von der Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ durch die Nazis – als Tötungsdelikt gehandelt wird. Als Sampedro, 55-jährig und nach fast 30-jährigem Kampf um eine Legalisierung seines Sterbewunsches, aus der Liebe zum Leben mit Hilfe anderer aus dem Leben schied, war alles perfekt vorbereitet: Keine der ausführenden Hände konnte gesetzlich für die fein aufgegliederten Schritte bis zum Reichen des Zyanid belangt werden. Also wenigstens im Tod ein einsamer Triumph über die „uneinsichtige“ Justiz im katholischen Spanien?

„Das Meer in mir“ macht aus diesem kontroversen Stoff eine Märtyrertragödie, die aber vorzugeben versucht, sich eigene Moralität nicht leisten zu wollen. Das geht nicht ohne Mühe ab: Amenábar streicht die Individualität des Todessehnsüchtigen heraus; so wird direkt und indirekt betont, dass es nur um Ramón Sampedro sei, der da gehen möchte und – der ethische Zeigefinger ist ja doch da – schließlich auch soll. Exemplarischen Charakter für andere Querschnittsgelähmte soll das nicht haben. Trotzdem kommt „Das Meer in mir“ um klare Positionsbestimmung nicht herum, weil Sampedro als Sinnbild für eine Sehnsucht nach Würde im Sterben klar ein Denkmal gesetzt wird. In einer Gesellschaft, die den Tod generell nicht mehr als Teil des Lebens verstehen will, ist deutlich, dass nur die Ignoranz der Mitlebenden nach Verurteilung schreit, weniger der Egoismus dessen, der nichts anderes als Todessehnsucht schiebt und gegenüber den Schmerzen der Zurückbleibenden vielleicht nicht weniger ignorant ist. Ein Dilemma.

Hier leidet „Das Meer in mir“ ein wenig an perspektivischer Einseitigkeit. Denn auch wenn es vorgeblich allein um den individuellen Fall geht, der nur im Hinblick auf die Verfügung über das eigene Leben exemplarischen Wert haben soll – am Ende bleibt nicht unwesentlich der Eindruck, dass die Inszenierung des eigenen Abtritts auch Befreiung und Aufatmung für die Mitlebenden ist, weniger Verlust eines geliebten Menschen. Und das hat durchaus einen generalisierenden Beigeschmack. Aber trotz dieses leicht demagogischen Zugs für die Euthanasie gelingt Amenábar ein außergewöhnlicher Film, allerdings mehr handwerklich und darstellerisch. Inhaltlich ist entspricht „Das Meer in mir“ der Unbedingtheit von Ramón Sampedro. Wir sehen nur, dass es angesichts eines Bettes als Gruft wert ist zu gehen, weniger, noch einmal Ja zum Leben zu sagen, den Kampf nicht aufzugeben und womöglich, wie der großmäulige Jesuit, Leben nicht nur als Bewegung des Körpers aufzufassen. In dem bizarren Schlagabtausch zwischen dem Geistlichen und Sampedro behalten immerhin beide Positionen ihre Berechtigung.

Diese Zurückhaltung, die der Kamera mehr Beobachtung als Kommentar zuschreibt, hält „Das Meer in mir“ durch und erreicht ein kleines Kunststück: Theatralische Effekte werden trotz des Rührthemas so gut wie vermieden, der sehr wichtige Musikeinsatz bleibt zurückhaltend und doch poetisch wie der Rest der Handwerklichkeit auch. Immerhin geht es um die wesentlichen lyrischen Topoi, um Tod und Leben, im Zentrum das Meer als existentielle Metapher: Ankunft und Abfahrt, Geburt und Vergehen, Sehnsucht nach Weite und Freiheit gegenüber der Fessel des Bettes. Amenábar schafft trotz sanfter Bilder einen unpathetischen Ton und verfügt mit Javier Bardem über einen außerordentlichen Hauptdarsteller, der nun schon zum zweiten Mal den europäischen Filmpreis einstreichen konnte. Bardem verleiht Sampedros Unerschütterlichkeit unsentimentalen Ausdruck, was auch nicht vor der durchaus zynischen Selbstgerechtigkeit der Figur halt macht. Auch die übrige Besetzung – hier gerade Belén Rueda als unheilbar kranke Anwältin – ist erstrangig.

Der Zuschauer muss individuell urteilen, das mag die erklärte Absicht von Amenábar schwer zu verdauendem Drama sein. Dass „Das Meer in mir“ es am Ende trotz jeder Kitschfreiheit aber nicht restlos durchhält, Gleichgewicht zwischen Rationalität und Emotionalität zu halten und (Mit)Gefühl für einen Menschen siegen lässt, der aus verbissener Lebensmüdigkeit die naive Liebe eines anderen ausbeutet, ist dann angesichts der Thematik verständlich. Mit eindeutiger Widmung, Meer und Metapher schließt Amenábar seine sorgfältig inszenierte Tragödie. Nach „The Others“ zeigt sie unter dem Strich eindrucksvoll die mutige Wandlungsfähigkeit eines jungen Regisseurs.

Tragödie mit lyrischen Qualitäten, inhaltlich streitbar


Flemming Schock