House of Flying Daggers
(Shi mian mai fu)

China / Hong-Kong, 119min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Zhang Yimou
B:Feng Li
D:Takeshi Kaneshiro,
Andy Lau,
Zhang Ziyi,
Dandan Song
L:IMDb
„We´ve come this far. I can´t leave you now.”
Inhalt
Im Jahr 859, fast zweieinhalb Jahrhunderte nach ihrer Machtübernahme, ist der Verfall der Tang-Dynastie nicht mehr aufzuhalten. Unruhe herrscht im Großreich China. Eine mächtige Rebellenallianz, genannt das „House of Flying Daggers“, attackiert den unfähigen Kaiser und seine korrupte Regierung. Weil die Untergrundbewegung immer größere Unterstützung beim Volk findet und auch trotz der Ermordung ihres letzten Anführers nicht an Stärke eingebüßt hat, erhalten die Polizisten Leo und Jin einen fast unlösbaren Auftrag. In nur zehn Tagen sollen sie den neuen Führer der Rebellen identifizieren und festnehmen. Verdächtig, ein Mitglied der Allianz und vielleicht sogar ihr Kopf zu sein, ist vor allem Mei, eine blinde Tänzerin im Luxusbordell Peony Pavillon. Um mehr über sie und die Rebellen zu erfahren, soll Jin nach einer fingierten Festnahme Mei befreien und ihr Vertrauen gewinnen. Der Plan gelingt, doch auf der langen Flucht durch die Wälder geschieht Unvorhersehbares. Der Polizist und die vermeintliche Revolutionärin verlieben sich.
Kurzkommentar
Zwar ist Zhang Yimou auch mit „House of the Flying Daggers“ weiterhin politisch opportun. Aber die indirekte Fortsetzung zur Optikoper „Hero“ ist mehr als nur im Wortsinn sehenswertes Kino. Dank großartiger Darsteller und einem mutigen wie gelungenen Spagat zwischen intimer Dreiecksgeschichte und formvollendeter Kampfkunst funktioniert „Flying Daggers“ als märchenhaft-stiller, „romantischer Eastern“ ziemlich gut.
Kritik
Im Internetzeitalter klingt gerade die Google-Zensierung dramatisch: Man vergisst leicht, dass die Freiheit der Meinungsbildung in China weiterhin ebenso unmöglich ist wie die Autonomie der Kunst. Für das Kino heißt das, dass es im Grunde keinen chinesischen Gegenwartsfilm geben kann, der politisiert und zwischen den Zeilen bzw. Bildern Regierungskritisch sein dürfte. Dafür sorgt die Zensur. Statt also das prekäre Hier und Jetzt zwischen Kapitalismus und Kommunismus zu verhandeln, sehen sich chinesische Regisseure gezwungen, unkritisch mit der gewaltigen Vergangenheit des eigenen Landes in „heroischen“ Epen Vorlieb zu nehmen. Das hat aber auch einen ökonomischen Grund, wenn es gilt, auch an die Exportfähigkeit der eigenen Filme zu denken. Und hier konnte Zhang Yimou auf den „Tiger and Dragon“- Erfolgszug mit „Hero“ vor zwei Jahren sehr erfolgreich aufspringen – und handelte sich im Westen prompt den Vorwurf des politischen Opportunismus ein.

Das Erfolgsprinzip dieser neuen „Eastern“ ist relativ simpel: Man nehme eine gewaltige Portion Nostalgie, also irgendeinen Ort in der mehrtausendjährigen Zivilisationsgeschichte Chinas, die Momentaufnahme einer Dynastie, und das sieht dann aus wie Damals, wie das gute, alte „Reich der Mitte“, samt prächtiger Kostüme, Hochkultur, Ehre und überhaupt jeder Menge menschlicher Grundkonflikte, in die sich auch die Europäer trotz oder mit ihrem Klischeebild des exotischen Chinas verzückt hineinversetzen können. Wie Marco Polo. Zu diesem kunstvollen Kulturkitsch kommt dann das zweite alterprobte, exportfähige Element: der Kampfsport als inszenierte Kampfkunst. Die lange Jahrzehnte B-Movie-artigen Eastern, in denen die Rahmenhandlung überwiegend nur dazu diente, die Pausen zwischen den Kampfszenen zu stopfen, wird durch bessere Effekte als Ballett-Kino aufgezogen und mit einer A-Movie-Handlung als großes, dramatisches Kino verkauft.

Zhang Yimou gelingt die Umsetzung dieses Prinzips in seinem indirekten Nachfolger zu „Hero“ vor allem deswegen glänzend, weil er nicht den Fehler begeht, sich bloß selbst zu kopieren. „The House of Flying Daggers“ mag noch eher als ein pathetischer „Hero“ nach billiger Eastern-Kost klingen. Aber Yimou wurde in Cannes gefeiert und geht nun für China um den Oscar für den besten fremdsprachigen Film ins Rennen. Das wundert angesichts der Marktorientierung des Streifens natürlich nicht. Was „Flying Daggers“ mit Hero gemein hat, – und was wohl das Grundmuster dieser Genrekost werden dürfte – ist das gegen Ende hin immer komplexer werdende Ränkespiel der einzelnen Figuren und ihre moralischen Dilemma in einem undurchsichtigen Geflecht aus Freundschaft und Verrat, Liebe und Hass. Was „Flying Daggers“ hier jedoch von „Hero“ unterscheidet und ihn so bestechend und ganz anders fesselnd macht, ist die fast totale Wendung vom Epischen ins Mikroskopische, in die Anatomie einer Beziehung zweier Menschen.

Mit überraschend intimen und ätherisch-ruhigen Tönen gelingt Yimou dabei ein fast für unglaublich gehaltener Spagat zwischen den Kampfkunst und archaischem Liebesdrama, zwischen zwei Genres, deren Tempo sich nur schwer vereinen lässt. Für die sich entwickelnde Kraft der Geschichte ist auch ihre – zumindest zu Beginn – ziemliche Schlichtheit verantwortlich. In der Verpackung eines prächtigen Kostümkinos nimmt sich Yimou nach den protzenden Massenszenen von „Hero“ überraschend Zeit, die Beziehung zwischen dem erst intriganten Soldaten Jin und der Robin-Hood-artigen Mei zu entwickeln. „Flying Daggers“ profitiert ganz wesentlich von seinen Schauspielern, insbesondere von der zweiten Zusammenarbeit von Regisseur Yimou und Ziyi Zhang. Die Figuren sind typisiert und schematisch, aber dennoch verleihen ihnen Zhang und Takeshi Kaneshi eine überraschende Intensität und Intimität, die die Geschichte eher vorantreibt als die immer wieder einsetzenden Kämpfe mit den erst fingierten und dann wirklichen Verfolgern. Auch Andy Lau als äußere Figur der Dreiecksgeschichte ist brillant, weil mimisch kräftig.

Zugegeben, Yimous Genrekompromiss mag insofern unglücklich sein, als er für eine Romanze am Ende zu wenig und für einen Actionfilm zu viele Längen bietet. Auch die archetypische tragische Dimension gegen Ende ist eher platt. Aber als „romantischer Eastern“ funktioniert „Flying Daggers“ nicht zuletzt auch deswegen hervorragend, weil er trotz etwaiger Schwachstellen – so fällt der Konflikt zwischen korrupter Regierung und Aufständischen am Ende mal wieder dem Politischen zum Opfer – natürlich das erwartungsgemäße Meistergemälde geworden ist. „Hero“ stieß mit viel (allerdings zu Recht) selbstverliebten Brimborium und sattem Ethno-Kitsch in optisch ungekannte Dimensionen vor, brachte eine Kalligraphie des Bildes. Diese visuelle Poesie treibt „Flying Daggers“ weiter, ohne dabei den „Matrix“-Fehler zu begehen: Durch Drauflegen immer weiter klotzen zu wollen.

Hollywood kann angesichts der gezeigten atemberaubenden Choreographie natürlich wieder einpacken, China kann es eben doch besser. Aber „Flying Daggers“ bleibt trotzdem sympathisch bescheiden, fast naturalistisch, lässt es zu keiner CGI-Orgie kommen und auch die surrealen Lufttänze halten sich in Grenzen. Unvermeidlich ist der flugtechnische Einsatz der Bambuswälder, aber diese Szenen sind komponiert wie ein Gedicht, Yimou gelingt ein vollendeter Rhythmus aus sich Zeit nehmenden Close-ups auf die Mimiken der Akteure und weitformatigen, energiegeladenen Kampfszenen, aus Ruhe und Kraft. Sicher kommt dabei das stereotype Bildrepertoire voll zur Geltung, aber „Flying Daggers“ ist lyrisch, ohne aufdringlich zu sein. Die Bilder entwerfen prächtige Landschaften einen „alten“ Chinas im Irgendwo und am Ende ist „Flying Daggers“ restlos das, was er sein will: Ein wunderschönes, unverfängliches Märchen mit einiger Sogkraft. Das reicht, um sich auf Yimous nächsten Film zu freuen, ob nun politisch oder nicht.

Archetypische Eastern-Romanze in begnadeten Bildern


Flemming Schock