Spider-Man 3

USA, 140min
R:Sam Raimi
B:Ivan Raimi
D:Tobey Maguire,
Kirsten Dunst,
James Franco
L:IMDb
„Böse sein macht mich glücklich!”
Inhalt
Peter Parker (Tobey Maguire) es endlich geschafft, seine Liebe zu Mary Jane (Kirsten Dunst) und seine Pflichten als Superheld in Einklang zu bringen. Doch schon ziehen am Horizont dunkle Wolken auf. Als sich Spider-Mans Anzug pechschwarz verfärbt und ihm neue, ungeahnte Kräfte verleiht, verändert dies auch Peter und bringt die dunklen, rachsüchtigen Seiten seines Charakters ans Licht, Eigenschaften, die Peter bald nicht mehr kontrollieren und beherrschen kann. Unter dem Einfluss des Anzugs wird Peters Ego immer größer. Dabei vernachlässigt er zunehmend all die Menschen, denen er am meisten am Herzen liegt. Bald ist Peter gezwungen, sich zwischen der verführerischen Kraft des neuen Anzugs und dem mitfühlenden Helden, der er einst war, zu entscheiden. Peter muss seine persönlichen Dämonen bezwingen, während zwei der meist gefürchteten Schurken, Sandman (Thomas Haden Church) und Venom (Topher Grace), beispiellose Macht erlangen und in ihrer Rachsucht Peter und jeden, den er liebt, bedrohen.
Kurzkommentar
Böse Menschen haben Spaß, moralische nicht. Der dritte "Spider-Man" verkrampft überraschend völlig. Fatal: An die Stelle von Witz und Spannung, die Raimi vordem so souverän beherrschte, treten schwerfälliges Pathos, zwischenmenschliche Konflikte auf bestem Seifenoper-Niveau und Bösewichter, die bloß Opfer und Weicheier sind. Das Gutmensch-Getue um Schuld, Rache und Gnade nimmt nervige Formen an. Wo andere Comic-Verfilmungen an blutleeren Figuren kränkeln, stolpert „Spider-Man 3“ gerade über den überakzentuierten Versuch, seine Figuren irgendwie mit emotionaler Glaubwürdigkeit zu versehen.
Kritik
Helden mit zu viel Alltagsballast sind nicht gut fürs Geschehen. Man tut sich schwer damit, Sam Raimi aus den Tugenden der ersten beiden „Spider-Man“-Streifen einen Strick zu drehen. Gerade auch, weil „Spider-Man 3“ in jeder seiner überlangen einhundertundvierzig Minuten Zeugnis davon ablegt, wie sehr sich Raimi nicht in schalen Fortsetzungsschemata ergehen, sondern zeigen will, dass dem Szenario um den pubertierenden Spidey noch in der zweiten Fortsetzung originelle Elemente abzuringen sind. Raimi will den Ruf der ‚intellektuellen’ Comic-Verfilmung um jeden Preis zementieren – und wird dabei, das muss man leider festhalten, zum Opfer der eigenen Anstrengung und Angestrengtheit. Sorgfältige Figurenzeichnung muss nicht gleich funktionierender Genrefilm sein.

„Spider-Man 3“ ist wider Erwarten klar die enttäuschende Eröffnung der Blockbuster-Saison und es dürfte fraglich sein, ob es zu den kürzlich angekündigten drei weiteren Fortsetzungen kommen wird. Man möchte um Verzicht bitten. Diesem vorläufigen Finale um Milchgesicht Peter Parker mangelt es an zwei Kerntugenden, die Raimi vor allem im ersten Teil, im zweiten schon weniger und jetzt überhaupt nicht mehr harmonisch zusammenbringt: Witz und Spannung. Der pubertierende erste Teil trug sich noch durch gut platzierte Selbstironie und unverbrauchte Action-Sequenzen. Tobey Maguire als bleichgesichtiger Held von Nebenan war die perfekte Besetzung, obwohl schon hier der tönende Moralismus und das philanthropische Gefasel streckenweise zu nerven begann, ein Getue, das in „Spider-Man 3“ noch durchdringender wird und einem den Spaß fast vollends verleidet.

Denn insgeheim sollen alle Sympathieträger sein, die neuen Bösewichter eingeschlossen. Thomas Haden Church, im Wein-Hit "Sideways" noch grandios aufspielend, hat nicht mehr zu tun, als mit gequälter Leidensmine zu versichern, dass er kein böser Mensch sei, sondern nur Pech im Leben gehabt habe. Und alles, was ihm am Herzen liegt, ist nicht nur seine Tochter, es ist seine krebskranke Tochter. Es ist schön, dass Raimi seine Figuren weiter gebrochen konzipieren und anders als in anderen Filmen des Genres nicht als seelenlose Hülle in den Schlagabtausch schicken will. Doch Bösewichter, die an Herzensgüte Oma Konkurrenz machen und alles Übel nur karitativ meinen, funktionieren nicht. Zermürbend ist auch, dass sich Raimi noch immer mit Altlasten aus dem ersten Teil herumschlägt, namentlich mit dem Grünen Goblin Junior. Dem gehören gen Ende des dritten Teils nur kurz vom eigenen Butler die Leviten gelesen und schon sieht er klar. Das hätte bereits im ersten Teil passieren sollen.

Das eigentliche Hauptproblem ist aber die Melodramatik um Peter Parker und sein übersteigertes Alter Ego. Der zwanghaften Einfall, „Spider-Man“ jetzt mit der dunklen Seite der Macht spielen zu lassen, war entwicklungslogisch irgendwie zwingend und hätte auch genussvoll boshaft werden können. Aus den Voraussetzungen macht Raimi aber nichts, sondern verdonnert seinen Helden zunächst dazu, triviale Liebesnöte als Resultat seiner eigenen (wenngleich natürlich nicht bös gemeinten) Selbstsucht zu durchleben. Der Kampf mit sich selbst wird zur Geduldsprobe. Hinzu kommt Deus-Ex-Machina-gleich ein schwarzer, extraterrestrischer Schleim, der unmotiviert ins Geschehen plumpst. Als Materialität des Hasses ergreift er von Spider-Man Besitz und gebärt schließlich Venom, den anderen Schurken. Aber auch der wollte – versteht sich – eigentlich nur für seine Freundin da sein.

Raimis Drehbuchkuddelmuddel strickt verschiedene Fäden, die Spannung und Tempo mit seifenoperartiger Dialogrührseligkeit erschreckend effektiv ersticken. An die spaßige Leichtgängigkeit des ersten Teils tritt kitschiges, enervierendes Pathos, wie es sich in vielen ‚ernsten’ Comic-Adaptionen der letzten Jahre unangenehm breit macht und nur an wenigen Stellen durchbrochen wird. So findet der Film zu keinem Rhythmus, Langweile macht sich breit, der sittliche Ernst nervt zunehmend. Da lassen einen auch die sträflich vernachlässigten Action-Sequenzen kalt, die durchaus über einige Hingucker verfügen. Nein, „Spider-Man 3“ ist kein versöhnliches Ende der Trilogie. Raimi will zu viel erzählen, verkitscht die Zwischenmenschlichkeiten jedoch maßlos und vergisst dabei, dass das Genre ganz wesentlich von seinen äußeren Fortgang lebt. Um vierzig Minuten gekürzt und auf die Hauptkonfliktlinien samt klarem Antagonist und Protagonist gebracht, hätte „Spider-Man 3“ nach bewährter Formel funktionieren können. So stolpert Raimi jedoch über die falsch proportionierte Verwirklichung der eigenen Ansprüche.

Frustrierend pathetisches Finale ohne Witz und Dramatik


Flemming Schock