Shadow of the Vampire

USA, 92min
R:Elias Merhige
B:Steven Katz
D:John Malkovich,
Willem Dafoe,
Udo Kier,
Cary Elwess
L:IMDb
„If it's not in the frame, it doesn't exist.”
Inhalt
Im Osten Europas will F.W. Murnau (John Malkovich) vor Ort den größten und realistischsten Film aller Zeiten drehen: "Nosferatu"! Um sein Ziel zu erreichen, hat Murnau einen echten Vampir, Max Schreck (Willem Dafoe), in der Titelrolle besetzt. Die Crew ist ahnungslos, erfährt nur, daß Schreck seine Rolle so ernst nimmt und man ihn deshalb niemals bei Tageslicht und immer in seinem Kostüm antreffen wird. Die ersten Aufnahmen sind phänomenal, doch schon bald beginnen die ersten Mitglieder des Teams, sich auffallend schwindelig und blutleer zu fühlen. Es dauert nicht lang, bis man den ersten Toten zu beklagen hat. Entgegen aller Abmachungen denkt Schreck nicht daran, seinen Blutdurst im Zaum zu halten. Jetzt ist es zu spät für eine Umkehr. Murnau weiß, dass ein Künstler Opfer bringen muss - auch wenn sich "Nosferatu" als Angelegenheit auf Leben und Tod entpuppt.
Kurzkommentar
"Shadow of the Vampire" unternimmt leider eine unglückliche Gratwanderung zwischen Horror-Groteske und Regisseurs-Biographie und kann sich bis zum Ende nicht entscheiden, ob er nun packend oder witzig sein soll. Trotzdem ist der Film gerade im englischen Original aufgrund seiner Skurrilität und der exquisiten Besetzung einen Blick wert.
Kritik
Fritz Lang, Georg Wilhelm Pabst und Friedrich Wilhelm Murnau waren das große Triumvirat des deutschen Expressionismus-Kinos, das in den sogenannten "Goldenen Zwanzigern" seinen Höhepunkt hatte. Die Kinoform entstand nach dem ersten Weltkrieg und brachte die heute als Meisterwerk bezeichneten Filme "M - eine Stadt sucht einen Mörder" von Fritz Lang (sein erster Tonfilm), "Lulu" ("Die Büchse der Pandora") von G.W. Pabst und eben "Nosferatu - eine Symphonie des Schreckens" von F.W. Murnau hervor. Murnau starb 1931 schon mit 42 Jahren und um seine Person ranken sich ähnlich mysteriöse Geschichten wie um "Frankenstein"-Regisseur James Whale ("Gods and Monsters"). Fakt ist, daß er eine Ausbildung als Kunsthistoriker genoß und sich wohl stark von den Romantikern, Impressionisten und Expressionisten beeinflußen ließ. Er gab selten Interviews und so weiß man heute kaum mehr über ihn als seine Filme vermitteln. Vor allem die genau Ursache seines tödlichen Autounfalls gibt vielen Filmhistorikern noch Rätsel auf (siehe Whale). Angeblich war Murnau homosexuell (siehe Whale) und hatte einen gut-aussehenden 14-jährigen Philippino-Jungen angestellt. Dieser saß am Steuer des besagten Wagens und man munkelte, daß der Junge deshalb vom Weg abgekommen war, weil Murnau ihn in diesem Moment oral befriedigte(!) - ein Abgang mit Höhepunkt.

Wie auch immer: um Murnaus wegweisenden Horrorfilm "Nosferatu" geht es nun im erst zweiten Kinofilm von Regisseur E. Elias Merhige ("Begotten") und da dieser bislang wenig Erwähnenswertes hervorgebracht hat, macht man sich ein Bild von "Shadow of the Vampire" durch einen kurzen Blick auf den Cast und die Inhaltsangabe des Films: John Malkovich, Willem Dafoe, Udo Kier. Hmm, interessante Mischung, und die Idee, den Vampirdarsteller Max Schreck beim Dreh von "Nosferatu" gleich realer Vampir sein zu lassen, ist fast schon genial. Ich muß zugeben, F.W. Murnaus Original nicht gesehen zu haben und könnte mir vorstellen, daß "Shadow of the Vampire" mit Kenntnis des Originals einen Tick mehr Spaß macht, aber der Film hat auch so seine unübersehbaren Schwächen.
Die größte dabei ist, daß Merhige sich nicht entscheiden kann, ob "Shadow of the Vampire" nun Regie-Porträt oder Horror-Groteske sein soll. Einerseits pocht er mit dem dauernden Wechsel von nachgestellten, krümelig-schwarz- weißen "Nosferatu"-Aufnahmen zu eigentlichen "Neuaufnahmen" auf den Dokumentationscharakter (eben das Geschehen um den Dreh von "Nosferatu"), andererseits geht er mindestens genauso stark auf den Vampircharakter Max Schrecks ein. Dieser kann irgendwann seine Blutlust nicht mehr im Zaum halten und bringt reihenweise die Crew Murnaus um. Wirklich angsteinflössend soll das freilich nicht sein, vielmehr eine ironisch- witzige, zugleich kuriose Groteske. Trotzdem fehlt hier eindeutig die Balance.

Sehenswert bleibt das Ganze dann allerdings aufgrund des tollen Set-Designs, der wunderbaren Musik und nicht zuletzt aufgrund der überragenden Schauspieler. Malkovich ist gut wie eh und je und bringt den zwiespältigen Perfektionisten Murnau kongenial rüber, Willem Dafoe wurde als Vampir Schreck zurecht für einen Oscar nominiert. Teilweise ist man sich als Zuschauer allerdings nicht sicher, ob Dafoes sporadisches Overacting nun wirklich Teil des Films sein soll oder ob Herr Dafoe es ab und zu nicht übertreibt. Letztendlich ist das aber nicht seine Schuld und eher ein Resultat aus der fehlenden Zielstrebigkeit des Films. Die restliche Darstellergarde ist ebenso gelungen: vor allem Udo Kier ("Blade") und Cary Elwes ("Twister") überlappen ihr Englisch auf urkomische Weise mit einem deutschen Akzent. Das dürfte freilich in der synchronisierten Fassung verloren gehen, weshalb "Shadow of the Vampire" einer der wenigen Filme ist, die in der deutschen Fassung wohl massiv an Atmosphäre einbüßen dürften.

Es ist im Nachhinein etwas enttäuschend, daß "Shadow of the Vampire" sein grandioses Potential leicht verspielt und nicht ein packendes Doku-Drama über Regisseur Murnau geworden ist. "Gods and Monsters" war in dieser Hinsicht wohl wesentlich überzeugender und auch "Ed Wood" von Tim Burton läßt sich hier als Vergleich anführen. Trotzdem sei der Film jedem Kinogänger ans Herz gelegt, der mal wieder eine frischere, weil kuriose Mischung aus Komödie und Drama mit toller Atmosphäre erleben will.

Brillante Darsteller, tolle Idee, aber unausgelotetes Ergebnis


Thomas Schlömer