Sophie Scholl - Die letzten Tage

Deutschland, 116min
R:Marc Rothemund
B:Fred Breinersdorfer
D:Julia Jentsch,
Fabian Hinrichs,
Alexander Held,
André Hennicke,
Johanna Gastdorf
L:IMDb
„Nur die See, der Himmel, der Wind und unsere Träume”
Inhalt
Februar 1943: Bei einer Flugblatt-Aktion gegen die Nazi-Diktatur wird die junge Studentin Sophie Scholl zusammen mit ihrem Bruder Hans in der Münchner Universität verhaftet. Tagelange Verhöre bei der Gestapo entwickeln sich zu Psycho-Duellen zwischen der Widerstands-kämpferin und dem Vernehmungsbeamten Robert Mohr. Sophie kämpft zunächst um ihre Freiheit und um die ihres Bruders, stellt sich schließlich durch ihr Geständnis schützend vor die anderen Mitglieder der "Weißen Rose" und schwört ihren Überzeugungen auch dann nicht ab, als sie dadurch ihr Leben retten könnte.
Kurzkommentar
Regisseur Marc Rothemund und Drehbuchautor Fred Breinersdorfer sehen in der Geschichte Sophie Scholls phasenweise zu sehr das Material für einen guten Thriller und dann wieder zu sehr für ein wahrheitsgetreues Drama. Indem sie beide Welten vereinen wollen, übernehmen sie sich und sorgen für eine fragwürdige Konsistenz. Zudem lassen sie die wirklich interessanten Fragen unbearbeitet.
Kritik
Schon der Anfang ist furchtbar amerikanisch: das Verteilen der Flugblätter in der Uni wird von Marc Rothemund inszeniert wie ein Thriller, indem der Suspense wichtiger ist als die ursprüngliche Motivation der Aktion. Steadicam, elektronische Musik, hastiges Stolpern durch das kahle Foyer der Universität. Man würde die Inszenierung noch akzeptieren, weil sie der inneren Befindlichkeit der Figuren entspricht, aber dann wirds noch amerikanischer: die Aktion ist eigentlich schon geglückt, da macht Sophie ihren Bruder darauf aufmerksam, dass noch ein paar Flugblätter übrig seien. Kurzes Innehalten. „Oben liegen noch keine“, entgegnet Hans und stürmt los. Erstes, ungläubiges Raunen im Zuschauersaal. „Ich komme mit“, versichert Sophie. Zweites, ungläubiges Raunen. Später soll sich die Zuspitzung der Ereignisse wiederholen: eine ungemein gewiefte Sophie Scholl lügt dem Vernehmungsbeamten Robert Mohr derart gekonnt etwas vor, dass sie sprichwörtlich eine Sekunde davor ist, ihre Entlassungspapiere entgegennehmen zu können. Dann klingelt das Telefon.

Sie merken: wieder einmal wird im Kino so getan, als ob der Werdegang des Lebens – hier sogar die Zukunft eines lebenslustigen Mädchens – vom Flügelschlag eines Schmetterlings abhängt. Und all das engagierte Streben zuvor doch eigentlich nur mühseliges, zu belächelndes Treiben ist; vom Schicksal in wenigen Augenblicken ausgehebelt. Aber so funktioniert Kino. Oder zumindest sehen das Marc Rothemund und Drehbuchautor Fred Breinersdorfer so. Damit hätten sie sogar recht, wenn es sich lediglich um Genre-Kino drehen würde, aber in zahlreichen Interviews und Konferenzen beteuern die Macher wieder einmal nachhaltig, dass es sich um eine wahre Geschichte handele, akribisch recherchiert, auf bislang unveröffentlichtes Material zurückgreifend und in seiner Handlung absolut wahrheitsgetreu. Also doch eher dokumentarisch? Doku-Fiction wie es so schön heißt?

Nein, in erster Linie soll „Sophie Scholl“ emotional wirken und keine staubtrockene Visualisierung der „Fakten“ sein, daraus machen Rothemund und Breinersdorfer ebenso keinen Hehl. Warum aber dann so unbedingt darauf bestehen, nichts wesentliches dazu erfunden zu haben? Warum bei jeder Gelegenheit erwähnen, dass selbst ein Element wie die Sportpalast-Rede Goebbels über den „totalen Krieg“ nicht hinzugedichtet wurde, dass der Auftritt von Sophies Eltern historisch korrekt sei, ja sogar die letzte Zigarette und die Ungewöhnlichkeit einer gemeinsamen Verabschiedung? Das Dilemma ist offensichtlich: Rothemund und Breinersdorfer wollen sich keine Verfälschung von Ereignissen vorwerfen lassen, die an sich schon so perfekt filmdramaturgisch, so glänzend filmreif wirken, dass sie erfunden wirken müssen. Und daran erkennt man auch, was den Filmregisseur in Rothemund so gereizt hat: „Sophie Scholl“ ist ein perfekter Spannungsfilm. Und dazu noch eine wahre Geschichte. Der Film kann also auf zwei Ebenen funktionieren und muss folglich doppelt packend sein!

Polemik beiseite: „Sophie Scholl“ funktioniert nicht, weil er genau diese beiden Welten vereinen möchte und in beidem „perfekt“ wirkt. Man kann ihn als packenden Thriller sehen, man kann ihn als erschütterndes Drama wirken lassen. Trotzdem man um den Ausgang der Geschichte weiß, fiebert man in jeder Sekunde mit Julia Jentsch, wünscht ihr, sie möge doch noch davonkommen, sie möge doch wieder den verbotenen Swing hören können, ihre abgebrühte Art und vor allem ihr unerschütterlicher Idealismus mögen doch noch belohnt werden. Auf der anderen Seite wirkt die Perfidie des Nationalsozialismus, die Abwesenheit der Menschlichkeit, die Absurdität von Mohrs Argumentationskette. Es wird klar, dass die Scholls ihre Kraft einem liberalen Elternhaus und einer tiefen Gläubigkeit zu verdanken hatten, dass sie „gut erzogen“ wurden und deswegen den Mut hatten, für ihre Ansichten sogar soweit einzustehen, dass sie der unvermeidbaren Konsequenz ihres Tuns so lächelnd entgegentreten konnten.

Aber Rothemund und Breinersdorfer verwechseln Authentizität mit einem Nachstellen der Wirklichkeit, halten die möglichst originalgetreue Rekonstruktion der Ereignisse für das Erreichen von Wahrhaftigkeit. Sie glauben, in der Physiognomie Alexander Helds und André Hennickes Äquivalente für nationalsozialistische Figuren erhalten zu haben und in deren aufbrausender Artikulation die Vernichtungskraft der Ideologie zu erfassen. Aber auch wenn „Blutrichter“ Freisler in Wirklichkeit noch viel tödlicher und heftiger gewesen ist als ihn Hennicke eh schon darstellt, so wirken sie in einem inszenierten Film doch nur wie Karikatur, nicht ernst zu nehmen in ihrem irrationalen, cholerischen Gepoltere. Wie gesagt: Freisler mag so gewesen sein, dem Kern der Sache – nämlich der Frage nach seiner Triebkraft – kommt man aber so nicht auf den Grund.

Diese oftmals simplifizierenden Charakterisierungen prägen den Film durch und durch: warum muss ausgerechnet der Hausmeister, der die Scholls mit diebischer Freude fasst, ein Kleinbürger mit Mittelscheitel sein, warum der Gehilfe, der die Scholls täglich zu ihren Zellen führt, ein absurdes Abbild Hitlers? Antwort: um dem Stoff als Spannungsfilm gerecht zu werden. Symptomatisch für diesen Anspruch sind auch die ständigen Einblendungen des aktuellen Datums und am Ende gar der aktuellen Uhrzeit. Sie wirken wie ein Countdown, der lediglich die Spannung bis zum erwarteten Finale fördern soll, nicht wie ein dokumentarischer Gestus.

Die Unentschlossenheit der Inszenierung führt dann schließlich zu einer Doppeldeutigkeit des Finales, zu einem reichlich fragwürdigen Schlussbild: als ob Sophie als Heilige vom Himmel herabsteigt, segeln die Flugblätter der „Weißen Rose“ auf ein beschauliches Städtchen nieder. Rothemund und Breinersdorfer wollen das als Weiterleben der Idee der Scholls verstanden wissen, als Happy-End für ihr Märtyrertum und als Erfolg, das Bild Deutschlands in der Welt ein Stück weit korrigiert zu haben; die Stimme aus dem Off will sicher stellen, dass das auch so verstanden wird. Es wirkt jedoch so, als ob das deutsche Bildungsbürgertum von Sophie die Absolution erteilt bekommt, als ob sie sagen möchte: „Habt kein schlechtes Gewissen, auch in eurer Schicht gab es Widerstand und Unangepasstheit!“ Das ist aber genau die falsche Botschaft, denn wenn eine solche Verfilmung eine Wirkung haben sollte, dann die Aufforderung zu einer persönlichen Auseinandersetzung mit dem Thema, zu einem „Wie hätte ich mich verhalten?“: gerade kein „Happy-End“, gerade keine Bequemlichkeit, gerade keine aalglatte Filmdramaturgie.

Zudem bleibt die eigentlich interessanteste Frage, die das Thema aufwirft, unbearbeitet: worin unterscheidet sich eigentlich der Idealismus Sophie Scholls vom Idealismus der Nazis, die offensichtliche, moralische Gegensätzlichkeit außen vor gelassen? Die Scholls haben ebenso wenig ein Problem damit, für ihre Ansichten die größtmögliche Konsequenz in Kauf zu nehmen wie es Hitler und seine Befehlshaber am Ende des Krieges hatten. Worin unterscheidet sich ihr Märtyrertum? Wäre es an Sophies Stelle für „die Idee“ nicht sinnvoller gewesen, die goldene Brücke Mohrs in Kauf zu nehmen, um dann noch engagiertere Aktionen zu starten und den Aufstand weiter auszuweiten?

Tadellos gespielt, aber von fehlender Konsequenz


Thomas Schlömer