Sideways

USA, 123min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Alexander Payne
B:Alexander Payne, Rex Pickett, Jim Taylor
D:Thomas Haden Church,
Missy Doty,
Patrick Gallagher,
Paul Giamatti,
Alex Kalognomos
L:IMDb
„I am not drinking any fucking Merlot!”
Inhalt
Miles (Paul Giamatti) und Jack (Thomas Hayden Church) reisen zum Weintrinken, Golfspielen und Sonnenbaden ins Wine County. Dort lernen sie zwei attraktive, charmante und etwa gleichaltrige Damen kennen: Maya (Virginia Madson) und Stephanie (Sandra Oh), die eigentlich recht gut zu ihnen passen würden. Doch der blasierte, geschiedene Möchtegern-Schriftsteller und Weinkenner Miles hat mit den Frauen abgeschlossen, während der abgehalfterte Schauspieler Jack Ende der Woche vor den Traualtar treten soll.
Kurzkommentar
Nach seiner Independent-Überraschung „About Schmidt“ gelingt Alexander Payne mit der Romanumsetzung „Sideways“ ein geschmackvolles Roadmovie jenseits der Spur. Die libidinös-moralische Irrfahrt zweier Midlife-Kumpels durch die kalifornischen Weinregionen vereint bittere und schwer komische Momente in einem berührenden Film. Vor allem Paul Giamatti begeistert als Berufsdepressiver Literat mit einem enormen Ausdrucksvermögen. Dass es für die Oscarnominierung nicht reichte, ist völlig unverständlich.
Kritik
Wieso gibt es eigentlich so wenige Filme über den Wein? Jede Flasche ist doch, wie die begehrenswerte Maya in „Sideways“ referiert, nicht nur eine eigene Geschichte von Ernte, Pflückern, Sonne und Region, sondern gleich wie ein eigenes Leben. Also ein Gedicht und anderes. Wein gleich Prosa, gleich Wissenschaft, gleich Savoir-vivre. Weil immer viele Geschichten im Bouquet liegen, hat Weinseeligkeit – bis hin zum überfeinerten Gerede über Duft- und Geschmacksstoffe - am Ende viel mit der Schriftstellerei zu tun. So sicher ein Stück weit das Klischee, so aber auch in dem Roman „Sideways“ des Kaliforniers Rex Pickett. Durch den rebsortenreichen Sonnenstaat schickt Pickett seine zwei Helden auf die Suche nach sich selbst. Der Sache für die Leinwand angenommen hat sich Alexander Paynes, seit seinem Überraschungserfolg mit „About Schmidt“ von vor zwei Jahren sicher als einer der großen Erzähler in Hollywood gehandelt, obwohl der erfrischend pessimistische Ton von „About Schmidt“ ebenso wenig mit der Traumfabrik zu tun hatte wie Paynes Figuren.

In diesem Sinne neben der Bahn bleibt Payne auch in „Sideways“, der keine austauschbaren Stars, sondern einen Schauspieler in den Mittelpunkt stellt, der gängigen Schönheitsidealen in so ziemlich jeder Facette widersprechen dürfte. Zum Teil deswegen ist Paul Giamatti bisher eher im Hintergrund geblieben, aber auch dieses Mal gelang ihm nicht, was schon mit "American Splendor" hätte sein sollen: der Anspruch auf den Oscar. Unter den Mitbewerbern ist niemand besser. Als depressiver Conneisseur Miles zaubert Giamatti eine Figur auf die Leinwand, die - was mittlerweile sehr selten ist – mit jeder Szene spürbar wächst, lebendiger, vielschichtiger wird. Zwischen Schwermut und Manie schwankend, ist Miles zweifellos eine der auf unsentimentale Weise berührendsten Figuren des noch jungen Kinojahres. Zwar ist das Muster des vom Pech in der Liebe gezeichneten Literaten, dessen Manuskripte unglücklicherweise permanent abgelehnt werden, sicher alles andere neu. Aber Giamatti sieht so bestechend fertig und glaubwürdig aus, dass „Sideways“ den perfekten Ton findet: Eine existentielle Bitterkeit, die allerdings keine Sackgasse ist. „Sideways“ ist denn auch komisch, intelligent in jeder Dialogzeile, überhaupt entspannt neben der Spur.

Das wurde mit nun sogar mit insgesamt fünf Oscarnominierung belohnt, darunter auch in der Kategorie bester Film und bester Regisseur. In beiden Fällen dürfte am Ende gegen die etablierte Konkurrenz kein Sieg drin sein, dafür fehlt „Sideways“ wohl das notwendig Spektakuläre. Trotzdem ist Alexander Paynes angenehm zielloses Roadmovie ein Gewinner. Dass Paul Giamatti als personifizierte Schwermut so groß zur Geltung kommt, liegt auch daran, dass Miles die eine Hälfte eines sehr ungleichen Duos ausmacht. Thomas Haden Church gibt den liebenswert prolligen, ja geradezu den körperlichen und potenzbedingt lebensbejahenden Teil des Duos, wo Miles für (Wein)Kultur und eigenhinderliche Zerknirschtheit eintritt. Beide Figuren respektieren gegenseitig Stärken und Schwächen, die Chemie zwischen Giamatti und Church ist einsame Klasse, fast symbiotisch. Während en passant permanent im Hintergrund die Jazzmusik klimpert, leben die beiden schrulligen Sympathieträger ihren Midlife-Crisis in entgegen gesetzter Weise zügellos aus: Miles Eheglück ist verflüchtigt, sein Selbstmitleid frisst ihn auf; Jack hingegen hat ironischerweise erst jetzt die Ehe vor sich, will aber, da ein Betrug ohne Ehering scheinbar nur ein halber ist, beischlafsbezogen ein letztes Mal in die Vollen gehen.

„Sideways“ begeistert, weil seine inhaltliche Bewegung so ist wie die des Autos durch die Weinregionen und Anbaugebiete: Schön gemächlich wird jede Szene, in der die Befindlichkeiten der Beiden deutlicher herausgearbeiteten werden, ausgekostet. Ein Ziel des Erzählflusses scheint dabei nur bedingt vor Augen zu liegen, aber das gehört bei neueren Roadmovies sowieso zum guten Ton. Das Script um einen das alte Leben zögernd hinter sich lassenden Miles hält einige Überraschungen bereit, arbeitet die Klaviatur der Gefühle souverän ab, lässt den Klagenden langsam zum Liebenden werden, Bitterkeit und Witz halten sicher die Waage. Hauptreiz bleibt aber, dass Giamatti als Miles auf einer Augenhöhe mit dem Publikum ist, das er komplett für sich einnimmt. Dank viel Stimmung, großartig gespielter Rollen - die gerade durch ihre Einfachheit bestechen -, prosaischer Landschaftsaufnahmen und Sinnlichkeit ist „Sideways“ eine ziemlich gut abgestimmte Mixtur aus Selbstfindungsstück und Romanze. Und zwischendurch immer der Wein. Nur dem Ende mag man einerseits Konvention vorwerfen, weil es nicht mit der Regel zu brechen scheint, dass im Kino das Leben immer auswegreicher zu sein hat. Aus der Figurenentwicklung heraus ist es andererseits aber konsequent. Hier gibt es, wie es letztlich im Film sein muss, wieder Hoffnung für Depressive.

Entspanntes Roadmovie für Weintrinker, brillant gespielt


Flemming Schock