Code 46

Großbritannien, 93min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Michael Winterbottom
B:Frank Cottrell Boyce
D:Tim Tobbins,
Samantha Morton,
Om Puri,
Jeanne Balibar,
Nabil Elouhabi
L:IMDb
„Kann man jemanden vermissen, an den man sich nicht erinnert?”
Inhalt
In nicht allzu ferner Zukunft lebt der privilegierte Teil der Menschheit in speziell abgesicherten Städten; der Rest lebt außerhalb, an unwirtlichen, wüstenähnlichen Orten. Die Reise zwischen den Städten und al fuera, den Randgebieten, ist nur mit einer speziellen Art von Reiseversicherungs-Visa möglich, so genannten Papelles, die als begehrte Objekte das Ziel von Fälschungen geworden sind. Versicherungsagent William Geld (Tim Robbins) reist von Seattle nach Shanghai, um in einem entsprechenden Fälschungsfall zu ermitteln. Dank eines Empathie-Virus, der ihn die Gedanken anderer lesen lässt, identifiziert William schnell Maria Gonzales (Samantha Morton) als Schuldige. Doch er verrät Maria nicht an die Versicherung, denn er hat sich in sie verliebt.
Kurzkommentar
Sehr spät schafft es ein englischer Science-Fiction Film in die Kinos, der gegen die ungeschriebenen Prinzipien des Genres verstößt. „Code 46“ bietet keine phantastischen Technikvisionen, stattdessen gibt es spartanische, aber umso wirkungsvollere Optik. Er ist auch weniger durch die bedingte Originalität seines Genszenarios ein großer Film, sondern dadurch, wie Michael Winterbottom die Motive seiner wehmütigen, futuristischen Romanze aufbereitet und dadurch beunruhigend wirklich macht. Absorbierende Musik und großartige Darsteller tun ihr Übriges, um aus „Code 46“ einen echten Geheimtipp zu machen.
Kritik
Science-Fiction hat ja, selbst wenn, wie in Dystopien der Optimismus der Utopien verabschiedet und die Technik zur Bedrohung individueller Freiheit wurde, meist etwas Beruhigendes. Das ist der entfernte Möglichkeit oder gar Unwahrscheinlichkeit des beschriebenen Szenarios. Meist ist es noch ein Stück zu phantastisch, zu visionär und abseits, um wirklich realistisch und nah zu wirken. So kann man sich nach Film- oder Buchende erleichtert zurücklehnen. Jedoch: Dass das menschliche Dasein von der zunehmenden Technisierung nicht mehr nur erleichtert, sondern eingeschränkt wird, ist zum Teil schon Wirklichkeit. Aus dieser „formalen“ Seite schöpft besonders Hollywood seine Genre-Beiträge: Science-Fiction bedeutet gewaltiger Kulissenbau, tausende Arbeitsstunden für Großrechner und ziemlichen Effektbombast („Minority Report“). Mit minimalistischen Mitteln hat das meist nichts zu tun, will und kann meist auch überwältigen, vielleicht auch überzeugen, meist aber mehr optisch als inhaltlich.

Wesentlich größer ist die verstörende Wirkung, wenn die entfaltete Welt nicht nach morgen, sondern nach heute aussieht oder so zumindest innerhalb der nächsten zehn Jahre halbwegs vorstellbar ist – architektonisch als auch motivisch. Das ist dann weniger Science-Fiction, als das durchaus realistische Ergebnis des konsequenten Fortdenkens des Heute: Besonders deutlich lässt sich das an der heiklen Gentechnologie, die ohne Frage die Medizin von Morgen, wohl aber auch viel mehr kontrollieren könnte. „Der Mensch als Sklave seiner Gene“ – das Thema, das im Zentrum von Michael Winterbottoms „Code 46“ steht, ist nicht neu, wird aber immer brisanter. Die Möglichkeit des zukünftigen fatalen Missbrauchs der Gentechnik, in eine biologische Zweiklassengesellschaft mündend, hat Andrew Niccol in seinem gleichermaßen emotionalen wie steril-kühlen „Gattaca“ durchgespielt. Die Anleihen, die der Brite Winterbottom bei Niccol macht, sind auffällig. Gewisse Parallelen gibt es auch zu „Lost in Translation“ in der Verlorenheit zweier Menschen in einer hypermodernen Großstadt.

Aber „Code 46“ wurde etwa zeitgleich mit „Lost in Translation“ gedreht, Ähnlichkeiten dürften sich also eher zufällig ergeben. Das Interessante an „Code 46“ ist sogar weniger die Grundannahme. Sie ist für solche Szenarien fast schon konventionell: Der privilegierte Teil der Menschen lebt zusammengepfercht in hochgezüchteten Großstädten, der Rest im verödeten und lebensfeindlichen Außen. Auch bei weiteren Elementen ist Michael Winterbottoms am Ende ungewöhnlicher Science-Fiction-Film ein Stück weit eklektisch: Es geht um den Verlust individueller Selbstbestimmung, Menschlichkeit und Identität, nicht zuletzt durch Erinnerungs- und Gehirnmanipulation durch staatliche und unternehmerische Mächte – „Blade Runner“ lässt grüßen. Seine besondere Wirkung bezieht „Code 46“ jedoch daraus, dass er auf visuelle Effekte, die eine Zukunft vor allem durch den technologischen Stand definieren, völlig verzichtet und stattdessen auf eine puristische Inszenierung setzt, die ihre Helden viel überzeugender macht als es im großen Mainstreamkino sonst gelingt.

Die Welt von „Code 46“ ist unmittelbar und glaubhaft, schon jetzt möglich. Ein Datum zur zeitlichen Einordnung des Ganzen nennt Winterbottom dann auch nicht. 2003 gewann er mit „In This World“ bei der Berlinale, es ging um Flüchtlingselend, Wurzellosigkeit, gefilmt mit der Digitalkamera. Der technische Minimalismus war und ist mutig. Handwerklich als auch inhaltlich knüpft der Regisseur hier an. Mit zitternder Kamera ist er auf der Augenhöhe mit seinen Protagonisten, der Ort im Nirgendwo ist das Shanghai von Heute oder Morgen. Alles ist unstet, die Versicherungsagent und die Visumsausstellerin sind seelisch unterwegs, sehnsüchtig Ausschau haltend. Die Form gewinnt ihren pseudoauthentischen Eindruck dadurch, dass Winterbottom schlicht Aufnahmen der Skylines von Dubai und Shanghai zu seinem fiktiven Shanghai zusammen schneidet, das atemberaubende Bilder bietet – und dann, wiederum ähnlich der Wirkung von „Gattaca“, den optischen Purismus mit einer perfekt gewählten Musikkulisse kontrastiert und emotional auflädt.

Der meditativ-sphärische Soundtrack von David Holmes wabert ständig im Vordergrund, erzielt seine beabsichtigte absorbierende, wehmütige Wirkung aber so makellos, wie es im Kino lange Zeit nicht mehr zu erleben war. Trotzdem erreicht „Code 46“ als futuristische Romanze und Drama Verstand und Gefühl gleichermaßen, wozu die beiden Hauptdarsteller Tim Robbins und Samantha Morton mit ihrem unaufdringlichen, gleichzeitig aber sehr intensiven Auftreten wesentlich beitragen. Ohne alles auszubuchstabieren, schneidet „Code 46“ wesentliche existentielle Themen an, denkt an Schicksalhaftes und Kontrollverlust, endgültige Sehnsüchte und so fort. In der Chemie zwischen Robbins und Morton, die in „Minority Report“ als „Medium“ mit dabei war, liegt etwas schon fast rätselhaft Schönes. Erfrischend allemal, dass Science-Fiction hier keine Action, sondern Intimität und Ruhe bedeutet.

Mit „Code 46“ – das staatlich aufgezwungene genetische Selektionsgesetz – hat Michael Winterbottom einen kleinen Film mit großer Wirkung geschafft. Er profitiert von der Polarität seiner Figuren, seiner mutig-naturalistischen und gleichzeitig bewegenden Form, mythologischer Einsprengsel durch gewisse ödipale Andeutungen und dem sehr plausibel wirkenden „wissenschaftlichen“ Szenario, das sogar über einen variierten Sprachgebrauch verfügt. Ohne viel Aufhebens zu machen, wie es sonst in allzu fantasiereichen Technik- und Androidenspielereien à la „I, Robot“ oder eben „Minority Report“ der Fall ist, gelingt hier, sogar mit einer guten Portion Romantik, ein nachhaltiger Genrefilm und eine gleichzeitige Warnung vor einer scheinbar nur Momente entfernten, inhumanen Zukunft.

Traurigschönes Sci-Fi-Drama mit ausdrucksstarker Form


Flemming Schock