Muxmäuschenstill

Deutschland, 89min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Marcus Mittermeier
B:Jan Henrik Stahlberg
D:Jan Henrik Stahlberg,
Fritz Roth,
Wanda Perdelwitz,
Lydia Stange
L:IMDb
„Ich glaube, es war die Erniedrigung, die ich erotisch fand”
Inhalt
Gott ist tot, die Welt ist schlecht und weil sie dringend der Besserung bedarf, braucht es Menschen wie Mux. Mux ist ein Denker, ein Philosoph des Alltags, der seine Beobachtungen und Gedanken gern in geselliger Runde kundtut. So ist seine Kritik an Typen wie Roland Koch oder Dieter Bohlen treffend und die Houellebecq-Zitate kommen ihm flüssig über die Lippen. Aber Mux ist auch ein Streiter, einer, der dem Unrecht und der Gleichgültigkeit mutig die Stirn bietet. Denn was Mux wirklich ankotzt, sind jede Art von Bagatelldelikten vom Bei-Rot-über-die-Ampel-Gehen bis zum achtlosen Müllwegwerfen. Dabei ist das Schlimmste die widerspruchslose Tatenlosigkeit, mit der Passanten auf solche Vergehen reagieren. Darum schreitet Mux zur Tat. Begleitet von seiner rechten Hand, dem Langzeitarbeitslosen Gerd, der den Kampf für eine bessere Welt mit der Kamera auch dokumentiert, und bewaffnet mit Mäuschen, seiner Pistole, beginnt er aufzuräumen. Seine Aufgaben sind so vielfältig, dass er bald schon Personal beschäftigen muss und die „Gesellschaft für Gemeinsinnpflege“ wird zum „Unternehmen für mehr Gerechtigkeit“. Auch privat geht es für Mux voran, als er sich in Kira verliebt, ein junges Mädchen, das er sich als Ikone der Reinheit und als Sonne seines Systems auserkoren hat. Doch bei allem Guten, das er will, muss auch Mux immer wieder die Gesetze brechen. Und das bleibt nicht ohne Folgen.
Kurzkommentar
Das deutsche Kino geht neue Wege: Der provokante Erstling von Marcus Mittermeier und Jan Henrik Stahlberg dürfte für reichlich Diskussion sorgen - allein deswegen ist er schon sehenswert. Zarte Gemüter seien aber gewarnt, die gnadenlose Sozialkritik kennt kaum Grenzen. Handwerklich mittelprächtig, darstellerisch erste Klasse.
Kritik
Ein neuer Name in der Liga der aussergewöhnlichen Weltverbesserer: Nach Kleists Michael Kohlhaas, Scorseses Travis Bickel und Finchers Tyler Durden tritt dieses Mal Mux, der weisse Ritter der Entrechteten, an, um der Welt neuen Gemeinsinn beizubringen, notfalls auch mit der Brechstange.

In dem reichlich ungewöhnlichen, in der deutschen Kinoszene für einige Furore sorgendem Erstlingswerk »Muxmäuschenstill« versucht der korrekte Biedermann seiner existenziellen Verzweiflung über die Spaßgesellschaft abzuhelfen, in dem er sämtliche Gesetzesbrecher, Sozialschmarotzer und Trittbrettfahrer der Gesellschaft zur Rechenschaft zieht. Rasern wird das Lenkrad abgeschraubt, unhygienische Hundehalter bekommen das Resultat gewissermaßen hautnah vor die Augen geführt, und der Kinderschänder bleibt ebenfalls nicht verschont. Mux sorgt für Gerechtigkeit, oder zumindest das, was er dafür hält.

Das Perfide: Als Zuschauer kommt man nicht umhin, Mux in zahlreichen Szenen zu applaudieren, und man wünschte, es gäbe den brandenburgischen Spider-Man wirklich. Dann aber überschreitet Mux' Law-and-Order-Verhalten die Grenze des Erträglichen, und er erscheint als Psychopath. Es ist diese Gespaltenheit, die den Film schwierig macht. Zum einen prangert er die Verfehlungen des modernen Menschen und der gedankenlosen Gesellschaft an, zum anderen zeigt er Selbstjustiz letztlich als unbrauchbares Mittel zur Abhilfe: Doch Auswege gibt es keine.

Denn wir gelangen zu der Erkenntnis, dass ein jeder von uns ein wenig wie Mux sein möchte, er in allen steckt, wir uns aber vor seinen Exzessen fürchten. Der Wunsch nach Ordnung, nach Überschaubarkeit, letztlich nach Verständlichkeit der Welt hat immer etwas diktatorisch-faschistoides. Wir wollen alle ein geregeltes Leben führen, und doch übertreten wir manche dieser Regeln selbst tagtäglich. Der Konflikt zwischen der Sehnsucht nach einem geordneten Leben und der menschlichen Unzulänglichkeit personifiziert sich im Extrem in Mux.

Der Film verwirklicht dies auch auf einer zweiten Ebene: Der seltsame Titel zieht sich als verborgenes Ordnungsprinzip durch den Film und somit durch Mux' Leben: Mäuschen nennt er seine angehimmelte Geliebte, ein blutjunges Mädchen, deren Naivität er Unschuld und Jungfräulichkeit zuschreibt. Sie wird für ihn zur Folie des neuen Menschen, den er zu erschaffen gedenkt, sie ist die Fleischwerdung seines Manifests. Doch als er erkennen muss, dass seine Vision nur Illusion ist, reagiert er – im Universum Mux – konsequent. Was bleibt, ist Stille.

An dieser Konstruktion zeigt sich der überaus artifizielle Grundcharakter sowohl der Handlung und der Figuren als auch des Films an sich. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die beschränkten Mittel: Mit einem Minimalbudget von rund 40.000 € realisierten Markus Mittermeier und Jan Henrik Stahlberg den Film abseits staatlicher Förderung. Die bereitwillige Aufnahme in die Feuilletonseiten sämtlicher großer deutscher Zeitungen ist da schon mehr als ein Achtungserfolg – er steht für eine neue Perspektive im deutschen Filmebereich.

Über die technischen Unzulänglichkeiten wie beispielsweise mehrfach unscharfes, verpixeltes Material oder eine katastrophale Ausleuchtung mag man folglich hinwegsehen, oder sie einfach dem pseudo-dokumentarischen Charakter zuschreiben. Über alle Zweifel erhaben ist dagegen die Darstellerleistung, allen voran Jan Henrik Stahlberg, der den Mux in jeder Hinsicht überzeugend gibt. Der kleine, biedere Möchtegernheld, der nicht einmal auf eine unglückliche Kindheit zurückblicken kann und seine zwanghafte Bodenständigkeit als Rächer auf die Gesellschaft überträgt – dank Stahlberg zweifelt man nicht an seiner Existenz.

Problematisch bleibt aber die moralische Dekonstruktion der Hauptfigur insofern, als sie auch seine Motivation und seine Handlungen komplett delegitimiert – was im Umkehrschluss bedeuten müsste, dass die Kritik an der wertelosen Spassgesellschaft nicht ernst gemeint ist. Das aber dürfte kaum die Intention der Macher gewesen sein. Auch wenn die Ambivalenz des Themas Bestandteil und Bedingung des Films ist, so hätte man sich doch eine etwas konsequentere Positionierung gewünscht.

Provokante und radikale Gesellschaftskritik der ungewöhnlichen Art


Wolfgang Huang