Wenn Träume fliegen lernen
(Finding Neverland)

USA, 107min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Marc Forster
B:Allan Knee, David Magee
D:Johnny Depp,
Kate Winslet,
Julie Christie,
Dustin Hoffman,
Radha Mitchell
L:IMDb
„He was really just a boy himself. Till the very end.”
Inhalt
Der erfolgreiche schottische Autor J. M. Barrie (Johnny Depp) muss miterleben, wie sein neuestes Theaterstück im London der Jahrhundertwende sowohl bei den Kritikern als auch beim Publikum durchfällt. Barrie braucht dringend Inspiration, und die findet er unerwartet eines Tages im Park, als er die Bekanntschaft der Llewelyn-Davies-Familie macht: vier vaterlose Jungen und ihre bezaubernde, seit kurzem verwitwete Mutter Sylvia (Kate Winslett). Gegen den Willen von Sylvias strenger Mutter (Julie Christie) und die Vorbehalte seiner eigenen Frau (Radha Mitchell) freundet sich Barrie mit der Familie an. Die Spiele mit den Jungen, für die er die fantastische Welt Nimmerland erschafft, und ihre unermüdliche Abenteuerlust inspirieren ihn zu seinem gewagtesten Stück, das ihn weltberühmt machen wird: zu dem Meisterwerk „Peter Pan”.
Kurzkommentar
Schriftstellermärchen sind in letzter Zeit keine Ausnahme, meist geht es um schönes Leiden. In einem simplen Film gelingt „Monster´s Ball“-Regisseur Marc Forster ein stilsicheres, halbfiktives Melodram über die Entstehungsgeschichte von „Peter Pan“. Dank intelligenter Sentimentalität und Johnny Depp als schottischer Schriftsteller ist der hübsche Film eine Empfehlung wert. Seine Figuren deutet Forster allerdings nur ansatzweise aus.
Kritik
Der Junge, der nicht erwachsen werden konnte, und der Autor, der Kind bleiben wollte. Das geht jetzt einhundert Jahre so. 1904 wurde das Bühnenstück des Schotten James Matthew Barrie uraufgeführt. Seitdem beflügeln Peter Pan, sein Niemandsland und Kapitän Hook die Phantasie der Kleinen und jung Gebliebenen - und die Film- und Musicalindustrie. Disney brachte 1953 eine der erfolgreicheren Zeichentrickvarianten. Steven Spielberg erfüllte sich dann 1991 mit „Hook“ erklärtermaßen einen Jungentraum. Angesichts der ewigen Beliebtheit des Stoffes dürften die Neuinterpretationen nicht abreißen, von ihnen wird allerdings immer weniger Notiz genommen: Erst kürzlich erlitt P.J. Hogans 2004er Version von „Peter Pan“ Schiffbruch an der Kasse.

Gleiches passiert Marc Forster nun nicht. Mit Spannung durfte man den neuen Film des gebürtigen Ulmers erwarten, dem mit Monster´s Ball“ ein unkonventionelles und respektables Drama gelang. Für Halle Berry brachte der Film den Oscar. Ungewöhnlich ist „Finding Neverland“ auch, hier ist der Autor Berry selbst Peter Pan. Sonderlich originell ist diese Erklärung, wie Barrie zu seinem Stoff fand, am Ende nicht, aber immerhin. Natürlich kommt auch Forster nicht umhin, sich mit der in letzter Zeit so beliebten „inspired by true events“-Etikette zu schmücken. Forsters Melodram, das wiederum auf einem Stück von Allan Knee basiert, lehnt sich recht locker an angeblich als gesichert geltende Umstände an: Tatsächlich soll Barrie Spielkamerad der Kinder der Familie Llewelyn Davies gewesen sein.

Forsters Film ist ein leises, gradliniges Melodram geworden. Es besticht keineswegs durch tiefe Einblicke in die Psychologie des Autors, sondern begnügt sich mit einer etwas lapidaren Erklärung, wie Berrie sein Nimmerland ersann. So war nahe liegend anzunehmen, dass das Zusammensein des Autors mit den Jungen musenhafte Züge hatte und die kindliche Phantasie die eigene, sehr lebendige Imagination des um Einfälle ringenden Bühnenautors belebte. Hier vermengen sich spielerische Szenen Vorstellungskraft. Erwartungsgemäß löst „Finding Neverland“ hier und dort die visuelle Grenze zwischen Realität und Fiktion auf; glücklicherweise trifft Forster einen subtil sentimentalen und keinen theatralischen Ton. Überraschend ist in den Figurenbezügen allein der Einfall, ausgerechnet einen merkwürdig frühreifen, also „erwachsenen“ Jungen zum Modell des ewigen Jungen zu machen.

Ganz sicher lohnenswert ist – dem Kalkül entsprechend – die Kinokarte wegen der Besetzung. „Finding Neverland“ bleibt emotional gerade in dem Plotstrang der Entfremdung von Barrie und seiner Ehefrau ziemlich blass und zu reserviert. Das ist aber zu verschmerzen, weil der Film einmal mehr eine Ein-Mann-Show für Johnny Depp ist, der immer mehr zum Phänomen insofern wird, als seine letzten Rollen jeden Film um Klassen aufwerten. So auch hier. Er wirkt nicht nur bis in den antrainierten sprachlichen Akzent hinein äußerst glaubwürdig als Schotte Barrie. Gerade der Kern der Streifens, die tief empfundene Freundschaft eines Schriftstellers zu Kindern, ist streckenweise wunderbar berührendes Kino, in dem Depp immer den richtigen Ausdruck trifft. Viel gibt die äußere Handlung in der gekünstelten Londoner High Society dagegen nicht her.

Von Kate Winslet wird als Witwe Sylvia Llewelyn Davies eher Passivität gefordert. Sie genügt ihrer Rolle ebenso gut wie Julie Christie in der doch schematischen, resoluten Mutterfigur. Dustin Hoffman ist als Theaterbesitzer bloß in einer Fußnotenrolle zu sehen. Anzukreiden wäre, dass im Film jenseits des phantastischen Zusammenseins von Barrie der Moment der eigentlichen Initialzündung für das große Phantasiegebäude des Bühnenstückes nicht zur Sprache kommt. Es entsteht unbemerkt. Im Vordergrund treibt ohne viel Aufregung die Problematik, dass Barrie vor lauter Liebe zu den Kindern seine eigene Frau vergisst, und Sylvia als Witwe still leidet, bis sie selbst am Ende durch den Aufbruch in die Phantasiewelt befreit und Teil des Niemandsland wird. Forster versucht hier überwiegend erfolgreich die Balance zwischen intelligentem Literaturmärchen und Tränenkino zu halten. Gegen Ende schwillt die empfindsame Suppe jedoch für einen Moment über. Und dennoch bietet „Finding Neverland“ beschauliche Melodramatik als Rahmengeschichte der Entstehung eines magischen Stückes.

Beschauliches Schriftstellermärchen mit gutem Ensemble


Flemming Schock