Kinsey

USA, 118min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Bill Condon
B:Bill Condon
D:Liam Neeson,
Laura Linney,
Chris O'Donnell
L:IMDb
„There´s plenty of time to take your sex histories before dinner. Who wants to go first?”
Inhalt
20 Jahre lang erträgt Alfred C. Kinsey das Leben, in das ihn sein streng religiöser. Dann befreit sich der junge Mann, studiert Biologie und Psychologie, unterrichtet an der Universität von Indiana und heiratet die Naturwissenschaftlerin Clara McMillen (Laura Linney), die mit ihm drei Kinder großzieht. 20 Jahre lang betreibt Kinsey (Liam Neeson) Insektenstudien, bis er auf ein komplexeres, von der Wissenschaft sträflich ignoriertes Forschungsgebiet stößt. Erstaunt über das sexuelle Informationsdefizit seiner Studenten, beginnt er die menschliche Sexualität mit Hilfe eines engagierten Teams und einer ausgefeilten Interviewtechnik akribisch zu untersuchen. Nachdem er über 18.000 Amerikaner befragt hat, veröffentlicht Kinsey 1948 sein Buch „Das sexuelle Verhalten des Mannes“. Es wird ein riesiger Erfolg und macht den Sexualexperten weltberühmt. Doch als er sich mit ähnlicher Besessenheit seinem nächsten Projekt zuwendet, trifft er nur auf Widerstände.
Kurzkommentar
Vor fünf Jahren gewann Bill Condon mit „Gods and Monsters“ den Drehbuchoscar. Nun stellt er erneut eine Biographie in den Mittelpunkt. Und erneut kann er sich auf einen großen Hauptdarsteller stützen. „Kinsey“ funktioniert als gepflegt-intelligentes Drama, das seine Skandalfigur zum Titelhelden eines wissenschaftlichen Aufklärungskampfes gegen die sumpfige Prüderie im konservativen Amerika der 1940er macht. Liam Neeson gibt eine sehr gute Leistung, auch sonst ist alles glatt, erwartungsgemäß. Die sexuelle Revolution ist zwar gelaufen, aber trotz allem ein interessanter und nachdenklich machender Film über einen Menschen, durch den Wissenschaft Gesellschaft im Kern berührt.
Kritik
Das Verhältnis der gesellschaftlichen Akzeptanz von Gewalt und Sex wirkt – aus der Warte „des Europäers“ - nicht nur unausgewogen, sondern gar mittelalterlich. Gewalt und Totschlag rund um die Uhr, doch entblößte sekundäre Genitalien sind auf allen Kanälen ebenso tabu wie das gewisse F-Wort. Und doch betreiben die USA andererseits eine Pornoindustrie, deren Umsätze die von Hollywood um ein Vielfaches übersteigen. Als Alfred Kinsey sich in den 1940er Jahren an das Studium des menschlichen Sexualverhaltens machte, schien es wohl noch zum allgemeinen Konsens zu gehören, dass Masturbation blind und Oralsex unfruchtbar macht. Von Homosexualität gar nicht zu reden. Nach der Befragung von tausenden Probanden veröffentlichte er 1947 seine erste Studie über das männliche Sexleben. Kinsey wurde in einer vor Prüderie nur so klotzenden Gesellschaft zum absoluten Skandalon, aber sein Werk, der Kinsey-Report, wurde ein globaler Bestseller. Der Pionier der Sexualwissenschaft gehörte für gut ein Jahrzehnt zu den Superstars der Wissenschaftsszene.

Ein halbes Jahrhundert danach ist das Thema, gerade auf der anderen Seite des großen Teichs, ja doch weiterhin eins. Angefeindet wird Kinsey in den USA noch heute – so wird er als nicht zitierfähig ausgegeben - auch wenn die schlimmste Zeit in der Ketzerverfolgung abgelaufen ist. Auf der Homepage des Kinsey-Instituts findet sich demonstrativ und verteidigend der Namensgeber zitiert: „We are the recorders and reporters of facts - not the judges of the behaviors we describe“. Natürlich ist es demnach kein Zufall, dass es erst jetzt zu einer filmischen Biographie kommen konnte. In einer überspitzten, aber immerhin sehr schönen Szene des Films fragt Liam Neeson als Kinsey, was wohl aus diesem Land, aus Amerika und seiner gesellschaftlichen Moral geworden wäre, wenn an Stelle der strammen Puritaner all die Liberalen damals über den Atlantik gesetzt hätten. Ein Darsteller vom Kaliber Neesons fragt das natürlich ohne schlechtes Pathos, aber der Moment steht im letzten Drittel eines Filmes, dem es nicht nur um die fraglosen wissenschaftlichen Verdienste seines Charakters geht. Es geht um mehr, um ein Denkmal.

Ein absolutes Heiligengemälde ist „Kinsey“ doch nicht geworden, dafür beweist Regisseur Bill Condon zuviel Bewusstsein für Risiken und Schäden, die Wissenschaft mit blindem Eifer im Namen der Gesellschaftsrettung anzurichten vermag. Mehr als fünf Jahre ließ sich der New Yorker Condon Zeit für sein neues Drama. Man durfte nach dem grandiosen „Gods and Monsters“ gespannt sein, gespannt auch deswegen, weil Liam Neeson hier seit langer Zeit wieder in einer großen Rolle zu sehen sein würde. Der ringt perfekt besetzt als Kinsey um knallharte empirische Erleuchtung und gleichzeitig gegen die mittelalterlichen Moralapostel einer generalstabsmäßig verklemmten Gesellschaft. Unterstützt wird Neeson von einem ausgesucht guten Cast, voran Peter Sarsgaard. Der Film wählt den Zugang einer konventionellen Biographie, zu verstehen durchaus im positiven Sinn. Erneut weiß Condon, der auch das Drehbuch verfasste, durch kluge Dialoge einen sehr tiefsinnigen Film vorzulegen und Wissenschaft, die sich frei von Einschränkung machen will, als gesellschaftliches Abenteuer zu verkaufen.

Für das 21. Jahrhundert ist aber das seinerzeit für konservative Aufschreie Sorgende streckenweise ein wenig zäh geworden, weil Reaktion und Aktion der einzelnen Akteure im Detail vorhersagbar sind und das damalige Tabu zumindest in weiten Kreisen eher Banal geworden ist. Trotzdem gelingt es Condons „Kinsey“, die Stimmung sexueller Unfreiheit und die Mutation des Insekten zum fast manischen Sexualforscher sehr überzeugend einzufangen. Die genauen Recherchen vor Drehbeginn werden dazu ihren Teil beigetragen haben. Neeson gibt hier zwar nicht die beste Leistung seiner Karriere, dafür ist ironischerweise trotz allem Gerede über Sex zu wenig Leidenschaft im Spiel. Aber dennoch, Neeson hat nicht nur eine enorm textlastige, sondern auch profilstarke Rolle. Dass ein Sieg der sexuellen Freizügigkeit über althergebrachte Gesellschaftsvorstellungen gegen Ende immer unwahrscheinlicher wird – und vielleicht auch ein Stück fragwürdig, weil alles Datensammeln ungewollte muntere Wertevernichtung zumindest begünstigt -, gibt dem Streifen seinen Gegenwartsbezug. Satte Psychologieklischees gibt es allerdings auch.

Unschön sichtbar wird das gerade in dem oberflächlichen Vater-Sohn-Konflikt, in einer melodramatisch schlechten Selbstoffenbarung des Vaters endend. Unter dem Strich ist „Kinsey“ wegen seiner historischen Figur, ihrer Botschaft, guter Darsteller und schlicht auch wegen ästhetischer Werte aber sehr sehenswert. Jenseits von allem Tamtam um Penis und Vagina ist er angenehm unaufgeregt - Kinsey war dann doch kein de Sade - und musikalisch gekonnt unterlegt.

Leicht konservativ gestricktes Biopic über einen unkonservativen Geist


Flemming Schock