Aviator
(Aviator, The)

USA, 170min
R:Martin Scorsese
B:John Logan
D:Leonardo DiCaprio,
Kate Beckinsale,
Cate Blanchett,
Alec Baldwin,
Ian Holm
L:IMDb
„Da ist zu viel Howard Hughes in Howard Hughes.”
Inhalt
Manche träumen von der Zukunft, Howard Hughes macht sie. Er gilt als Überflieger seiner Zeit und Inbegriff des amerikanischen Tycoons. Ausgerüstet mit einem kleinen Vermögen, das ihm sein Vater vermacht hat, revolutioniert der junge Texaner in den dreißiger und vierziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts Hollywood und wird einer der erfolgreichsten Produzenten und Regisseure der Traumfabrik. Der waghalsige Pilot und berühmteste Flieger seit Charles Lindbergh ist außerdem eine treibende Kraft der modernen kommerziellen Luftfahrt und gründet die Fluglinie TWA. Hughes ist eine der aufregendsten Persönlichkeiten seiner Zeit, mit einer Aura von Anziehung, Glamour und Geheimnis. Männer bewundern den Milliardär, Frauen liegen ihm zu Füßen, die größten Hollywood-Stars verlieben sich in ihn. Er hat skandalträchtige Affären mit einigen der schönsten Frauen der Welt, wie dem eleganten Hollywood Star Katharine Hepburn in den 30er Jahren und Ava Gardner, der sinnlichen Leinwandgöttin der 40er. Doch Howard Hughes hat nur eine wahre Liebe: das Fliegen - sowie das Streben nach Perfektion.
Kurzkommentar
Ein wenig krankt „The Aviator“ an den Symptomen typischer Oscarvehikel. Die handwerklich meisterhafte Biographie über den exzentrischen Flieger-Erfinder-Mythos Howard Hughes ist allein auf Leonardo DiCaprio zugeschnitten. Zu Recht, denn ihm gelingt eine Galavorstellung. Aber die Energie der sehr kulissenhaft betrachteten Hauptfigur findet keine Entsprechung in Höhe- und Wendepunkten des glatten, auf externe Konflikte weitgehend verzichtenden, und seine Nebendarsteller vernachlässigenden Dramas.
Kritik
Opfer seiner eigenen Wahnvorstellungen zu werden, das klingt weniger amerikanisch als Machermentalität, technischer Optimismus und Leben auf großem Fuß. Howard Hughes, leidenschaftlicher „Luftfahrer“, war wohl all das und noch mehr: am Ende gescheiterter Filmemacher, Erfinder, Frauenheld – und besessen von einer Hygieneneurose. Dass der Texaner mit seinen Flugexperimenten und gebrochenen Geschwindigkeitsrekorden dem Menschheitsfortschritt dienlich sein wollte, mag sein. Andererseits geht man sicher nicht fehl, in Hughes genialen wie ausgefallenen Spielereien das Ergebnis leicht gelangweilt-dekadenten Größenwahns eines Ölmultis zu sehen. Hughes, in den letzten Lebensjahren verwahrlost, starb in den 1970er Jahren dann, wie passend, in einem Flugzeug. Immerhin, der Stoff aus dem die Helden sind, irgendwie, man muss die Geschichte nur richtig drehen. Vielleicht hat Meisterregisseur Martin Scorsese ja diesmal bei der Oscarverleihung mehr Glück. Und darauf scheint alles getrimmt.

Zu dem erhofften Epos brachte es „Gangs of New York“, Scorseses problemgebeutelter letzter Streifen nicht, auch die entscheidenden Oscars blieben versagt. „The Aviator“ scheint hier auf dem besseren Kurs. Schon bei den Golden Globes konnte der perfekt produzierte Streifen in der Kategorie Drama das Parkett als Sieger verlassen, Hauptdarsteller DiCaprio wurde als bester Hauptdarsteller geehrt. Die Karten für die Oscars stehen also gut. Aber ist Scorsese mit „The Aviator“ das triumphale Epos geglückt, das - wie mittlerweile so viele Filme – nicht nur epische Länge hat, sondern auch jene bleibende Größe, die man von einem Regiekaliber wie Scorsese endlich wieder erwartet? „The Aviator“ ist trotz seiner Lauflänge kaum langatmig, aber ihm fehlt – und das überrascht gerade bei Scorsese ein wenig – über weite Strecken der emotionale, tragende Kern. Das Abenteuer der grillenhaften Hauptfigur wird nicht das des Publikums. Tatsächlich entwickelt „The Aviator“ eine bestechend elegante Beiläufigkeit. Tiefere Konflikte als die einer intimen Keimpanik Hughes werden in „The Aviator“ kaum abgebildet.

Das liegt sicher nicht an DiCaprio, der als ständig unter Strom stehender Hughes eine brillante Figur macht und ihn in einer nuancenreichen Leistung so vermittelt, wie er als Heros amerikanischer Geschichte in Erinnerung ist: ein Stück unnahbar, geradezu mystisch, nicht greifbar. Natürlich oscarreif, aber am Ende dürfte Jamie Foxx für „Ray“ wohl das Rennen machen. Aus diversen narrativen Gründen, aber auch schlicht deswegen wird sich Scorsese auf die jungen Jahre und damit nur auf einen Ausschnitt aus der Biographie Hughes beschränkt haben, um DiCaprio in der Maske oder gar im Computer noch künstlich altern lassen zu müssen. Dass Scorsese den „Mythos“ Hughes nicht psychoanalytisch zerstückeln, sondern Distanz bewahren möchte, ist ein kluger Zugang. Da Hughes und seine manische Arbeitsbesessenheit und nicht seine Liebschaften, nicht die ihn umgebenden und auch beneidenden Menschen im Mittelpunkt von „The Aviator“ stehen, hat das Drama aber auch ein Problem: In Momenten der Einsamkeit lässt Scorsese seinen Hughes vor allem mit der Kernseife hantieren, mehr meist nicht.

Gut möglich, dass es „The Aviator“ nicht um den Menschen Hughes geht, sondern um die enthusiastische Ikone, um den ewigen Himmelsstürmer Hughes, zeitlebens am eigenen Mythos strickend. Der Blick hinter diese Kulisse macht die Figurenentwicklung nur bedingt möglich. Und trotzdem Drehbuchautor John Logan (seit „Gladiator“ hoch gehandelt) gegen Ende etwas übersteigert eine Phase der körperlichen und geistigen Verwahrlosung Hughes´ einschiebt – um sie dann ebenso abrupt wieder abbrechen zu lassen - und die Figur damit in Bewegung bringt, überwiegt ein eher statischer Eindruck. Der Pionier seiner Zeit durcheilt Flugtriumphe, Parties, Regieverausgabungen, Techtelmechtel und so fort. Das ist auch alles sehr gepflegt und handwerklich auch makellos anzuschauen. Aber dass die wenigen Szenen der Testflüge von Hughes´ neusten Spielzeugen schon jeweils die einsamen dramatischen Höhepunkte bilden, gibt zu denken. „The Aviator“ ist wirklich elegantes Biographiekino, aber der Funken, den Hughes ständig selbst empfindet, springt nur bedingt über.

Zwischenmenschlich gespannte Momente gibt es, sieht man von den paar Szenen mit einer doch über Gebühr gestelzten Cate Blanchett als Katharine Hepburn ab, so gut wie keine, was angesichts der hervorragend besetzten Nebenrollen ein wenig schade ist. Zu innerer Spannung, mit der sich Scorsese beschäftigt, sie jedoch nie ausformuliert, gesellt sich somit kaum externe. Wirklich Konflikte bleiben aus, der Konkurrenzkampf um die erste Transatlantikluglinie funktioniert als Katalysator hier auch nur bedingt. „The Aviator“ will mehr sein, als er, zumindest im Hinblick auf die Wirkung seines Helden, tatsächlich ist. Das Klima der Zeit wird durch vollkommene Ausstattung zwar eingefangen und „The Aviator“ ist mit Sicherheit ein schöner, runder, nostalgischer Film nach klassisch biographischem Muster. Aber „das Epos“, der archetypische amerikanische Wurf über eine archetypisch amerikanische Figur, die an den eigenen Träumen zerbrach, ist er nicht. Wenn der Abspann läuft, wird man Howard Hughes zumindest hierzulande wieder schnell ad acta legen.

Exzellent gespielte, aber kaum fesselnde Exzentrikerbiographie


Flemming Schock