Constantine

USA, 121min
R:Francis Lawrence
B:Kevin Brodbin, Frank A. Cappello
D:Keanu Reeves,
Rachel Weisz,
Shia LaBeouf,
Djimon Hounsou,
Tilda Swinton
L:IMDb
„Die Engel bleiben im Himmel, die Dämonen in der Hölle. Das ist Entspannungspolitik der wahren Supermächte.”
Inhalt
John Constantine war in der Hölle. Und ist zurückgekehrt. Er kam mit einer Gabe auf die Welt, die er verabscheut: Er kann Halbblut-Engel und -Dämonen erkennen, die sich als Menschen tarnen und in unserer Welt leben. Und diese schrecklichen, überdeutlichen Visionen trieben ihn in den Selbstmord. Doch er wurde gegen seinen Willen wiederbelebt und muss sich jetzt erneut unter den Lebenden behaupten. Von nun an trägt er das Kainsmal des Selbstmörders, der auf Erden eine zweite Chance bekommt – eine Gratwanderung zwischen Himmel und Hölle. Als eine skeptische Polizeidetektivin verzweifelt, weil sie den geheimnisvollen Tod ihrer geliebten Zwillingsschwester nicht aufklären kann, bittet sie Constantine um Hilfe. Ihre gemeinsame Odyssee führt die beiden in die Welt der Dämonen und Engel, die sich unter der Fassade des heutigen Los Angeles verbirgt. Mitten in den katastrophalen Ereignissen einer anderen Dimension müssen sie Farbe bekennen und ihren ganz persönlichen Frieden mit der Welt schließen – koste es, was es wolle.
Kurzkommentar
Angesichts der Thematik hätte Francis Lawrences “Constantine” reichlich trashig ausfallen können und trotzdem er nicht weit davon entfernt ist, ist er doch professionell genug, um unangestrengt und leger zu unterhalten. Reeves nimmt man den “Dark Hero” natürlich kaum ab, aber dafür sind Nebenfiguren und manches Detail ziemlich gelungen. Auch aus der Handlung hätte man einiges machen können, aber Studio-Diktatur und uninspirierte Regie sorgen dann doch für einen allzu glatt gebügelten Comicthriller.
Kritik
Einen exorbitanten Hit zu haben ist nicht nur für eine(n) Schauspieler(in) Segen und Fluch zugleich. Letztlich leidet das komplette Folgeprojekt unter dem filmographischen Ballast, den der jeweilige Darsteller mitbringt, und ein Studio kann leicht der Versuchung erliegen, das entsprechende Erfolgsprojekt zu Großteilen zu imitieren oder zumindest als äquivalentes zu vermarkten. Videoclip-Regisseur und Kinodebütant Francis Lawrence muss diese Problematik jedenfalls bewusst in Kauf genommen haben, als er sich zum Dreh der “Hellblazer”-Comic Adaption “Constantine” entschloss. Immerhin stand Keanu Reeves - und damit der potenzielle Vergleich mit der “Matrix”-Trilogie - bereits vor seinem Vertragsabschluss fest. Ob nun aufgrund Lawrences künstlerischer Entscheidung oder dem Diktat von Warner Bros. folgend, “Constantine” tritt die Flucht nach vorne an: zumindest visuell scheinen Anleihen an die Science-Fiction Trilogie der Gebrüder Wachowski durchaus beabsichtigt. Ein leichter Grünstich, eine Katze, Djimon Hounsou als Morpheus-Ersatz und Keanu Reeves im legeren Anzug, originell ist der Look von “Constantine” sicher nicht. Aber dennoch gefällig und das ist bei einer Comicverfilmung ja häufig die halbe Miete.

Überhaupt weiß “Constantine” über weite Strecken als solider, wenn auch recht blutleerer Mainstream-Actionthriller zu überzeugen: die Selbstverständlichkeit, mit der hier Himmel und Hölle konkurrieren, Exorzismus als langweilige Morgengymnastik betrieben und die Existenz von Erzengeln und Dämonen thematisiert wird, hat was einnehmendes und kurzweiliges. Mit Freude folgt man dem etablierten Universum, den vielen alltäglichen Kleinigkeiten, Constantines Unaufgeregtheit und seinem permanenten Zynismus. Dazu ein paar ansehnliche Höllenkreaturen, recht ausgereifte Computereffekte und natürlich die immer faszinierende Ästhetik der Apokalypse: auch wenn Lawrence den meisten Klischees folgt, wirken die kurzen Sequenzen in der Hölle schmackhaft und interessant.

Kernproblem sind derweil zwei Dinge: trotzdem er seine Sache ordentlich macht, ist Keanu Reeves eine Fehlbesetzung und zum anderen ist das Drehbuch ziemlich unausgereift. (Oder die Regie recht ziellos - da fällt es schwer zu trennen.) Reeves, dem man ja zugestehen muss, dass er in der “Matrix”-Trilogie keineswegs fehl am Platze wirkte, zieht zwar routiniert sein Programm runter, aber den zynischen “Dark Hero” nimmt man ihm sicher nicht ab. Da kann er sich auch alle zwei Minuten eine neue Zigarette anzünden und seinen Schlips lieblos um den Hals tragen, gebrochen wirkt sein Charakter dadurch nicht. Immerhin kann man seiner markanten, oft sehr steifen Körpersprache aber ein gewisses Charisma nicht absprechen und man hätte auch kein Problem damit gehabt, die Liebesgeschichte zwischen ihm und Rachel Weisz zu akzeptieren; in der Andeutung eines klassischen Filmkusses zwischen den beiden wirkt “Constantine” sogar kurzzeitig überraschend feinsinnig.

Wäre hingegen das Drehbuch nicht zunehmend verkomplizierend und wirr, dem Zuschauer wäre Reeves vielleicht gar nicht negativ aufgefallen: prinzipiell hat die Geschichte um einen Dämonenjäger, der sich kaum für das Schicksal der Menschen interessiert und eigentlich nur seinen Weg in den Himmel freikaufen möchte, sogar seinen Reiz und auch die Nebenfiguren (Midnite, Gabriel, Balthasar) sind charismatisch und geschickt platziert. Allzu oft wirkt die Handlung jedoch sprunghaft und beliebig und nimmt dem großen Spannungsbogen nahezu vollständig seine Kraft: der Speer des Schicksals - zunächst noch als großer Storyaufhänger präsentiert - wirkt zunehmend unmotiviert und nichts sagend, das Rätsel um den Tod Isabels wird allzu leichtfertig gelüftet, der “Sohn” Satans kaum etabliert und der Showdown wirr und willkürlich. Constantines Partner Chas wird ebenso wahllos hingerichtet wie Pater Hennessy und Constantines Tüftler Beeman, dessen Waffen eigentlich auch nie richtig zum Einsatz kommen - irgendwie ist Constantine mit Bibelzitaten erheblich mächtiger als mit irgendwelchen Waffen. Wenigstens machen Tilda Swinton als Erzengel Gabriel und Peter Stormare als Satan einiges her, vor allem wenn Constantine dem bösesten aller Bösen genüsslich seinen Mittelfinger entgegenstrecken darf.

Erfrischend, aber genauso unausgegoren ist an “Constantine” da eigentlich nur noch der ein oder andere Seitenhieb gegen die Bush-Regierung und die Ironisierung mancher politisch-korrekter Attitüden: wenn Constantine Balthasar zur Rechenschaft zieht, weht im Hintergrund unübersehbar die amerikanische Flagge und wenn seine Körperbewegung am Ende das Anzünden einer weiteren Zigarette andeutet, wird das als lustvolles Einwerfen eines Kaugummis entlarvt. Hier entwickelt “Constantine” einen Anflug von Ironie, der durchaus engagierter hätte ausfallen können.

Ansehnlicher Okkultismusthriller mit inszenatorischen Schwächen und falscher Besetzung


Thomas Schlömer