Super Size Me

USA, 100min
R:Morgan Spurlock
B:Morgan Spurlock
D:Morgan Spurlock,
Daryl Isaacs,
Lisa Ganjhu,
Stephen Siegel
L:IMDb
Inhalt
Warum sind die Amis so fett? Der New Yorker Filmemacher Morgan Spurlock ging in „Michael-Moore-Manier“ dieser tief schürfenden Frage nach und ernährte sich im Selbstversuch 30 Tage lang nur von Produkten der größten Fastfood-Kette der Welt. Erstaunliches kam zu Tage: 25 Pfund mehr auf den Rippen, Leberwerte zum Erschrecken und Blutwerte, die seine Ärzte in höchste Alarmbereitschaft versetzten.
Kurzkommentar
In der Nachfolge Michael Moores inszeniert Morgan Spurlock seinen bissigen Selbstversuch: Dabei erreicht er aber weder dessen argumentative Dichte, dessen suggestive Wirkung oder die polemische Nachlässigkeit der Moore'schen Agit-Doku. Braver und korrekter, aber letztlich mit dem deutlichen Stigma der Kopie, arbeitet »Supersize Me« jedoch ebenfalls ein brisantes (uramerikanisches) Thema auf.
Kritik
WalMart verzichtet auf den Verkauf von Gewehrpatronen, McDonald's stellt sein Supersize-Angebot ein und der aktuelle Präsident wird die nächsten Wahlen nicht mehr überstehen – sind das die Auswirkungen der aktuellen Doku-Manie? Eingetreten sind jedenfalls bereits die ersten beiden, Folge und Ursache des Phänomens Dokumentarfilm, das derzeit in amerikanischen und europäischen Kinos Erfolge feiert; neben den aktuellen politisch-gesellschaftlichen Filmen sind nämlich auch andere Genres präsent: Von Sport (»Höllentour«) über Geschichte (»Black Box BRD«, »The Fog of War«) bis hin zu Natur (»Deep Blue«) und Kultur (»Die Geschichte vom weinenden Kamel«).

Ob darin ein Aufbegehren des ermüdeten Zuschauers gegen zu viel künstliche (»Matrix«) und fantastische Welten (»Der Herr der Ringe«) oder eine neue politische Mündigkeit zu sehen ist, darüber darf gestritten werden. Ebenso heiß diskutiert sind die Folgen: Bush-Anhänger protestierten bereits gegen Moores cineastische Demontage ihres Präsidenten und forderten gar eine Aufführungsverbot während des Wahlkampfes – soviel zur Meinungsfreiheit.

Auch Morgan Spurlock hat sich mit seiner Kampfansage an die FastFood-Industrie einige mächtige Feinde gemacht – zu seinem Glück scheuen diese jedoch vor gerichtlichen Klagen zurück, fürchten sie doch noch mehr Negativ-Publicity. Dabei erstaunt es, welchen Effekt und welches Medienecho seine Dokumentation hervorruft: Denn dass FastFood-Essen nicht gesund und McDonalds kein wohltätiger Verein ist, das wusste man auch schon vorher. Allenfalls erstaunt das Ausmaß der gesundheitlichen Schädigung – und obwohl Spurlock hier argumentativ die Flucht nach vorne antritt, kommt er nicht umhin zuzugeben, dass sein Experiment unrealistisch extrem war. Letztlich bleibt ihm nur zu beweisen, was bereits bekannt war.

Der Verkauf von fettem, ungesundem Essen ist nicht verboten – hier allein die Anbieter in die Pflicht zu nehmen, wäre zu simpel. Entscheidend ist allein das Maß, denn es ist keine neue Weisheit, das allein die Menge den Grad der Toxizität einer Substanz bestimmt. Dennoch verfällt Spurlock leider allein dem Robin-Hood-Schema als Kämpfer gegen die Ungerechtikeit der versammelten kapitalistischen Essensmacht. Seine Argumentation geht nur dort auf, wo er nachweist, mit welch rücksichtslosen, gesellschaftlich unverantwortlichen Methoden die Hersteller in den Kinder- und Jugendmarkt drängen um die Konsumenten frühzeitig zu konditionieren. Diese Praktiken prangert er vollkommen zurecht an.

Doch wenn sein Selbstversuch ergibt, dass FastFood die Gesundheit ebenso radikal schädigt wie Alkohol oder Zigaretten (nicht umsonst vergleicht ihn sein Arzt mit der Figur des Nicolas Cages aus »Leaving Las Vegas, die sich in kürzester Zeit krank säuft), so müsste er eigentlich zu dem Schluss kommen, FastFood ebenso wie Zigaretten und Alkohol gesellschaftlich zu stigmatisieren oder gar erst bei Volljährigkeit abzugeben.
Diese Idee erscheint absurd, doch leider geht Spurlock auf ihre Grundlagen nicht ein: Individuelle Verantwortung, soziale Prägung, gesellschaftliche Konditionierung. Allein die Werbung von McDonalds für die Fettleibigkeit verantwortlich zu machen, wäre zu kurz gegriffen.

Und hier offenbart der Film seine simple, geradezu langweilige argumentative Struktur. Zahlreiche interessante Fragen werden nicht gestellt: Warum verspürt der Mensch ein Bedürfnis nach FastFood, wo dieses aus biologischer Sicht doch geradezu schädigend ist? Weshalb gibt es so starke regionale Unterschiede hinsichtlich der Fettleibigkeit in den einzelnen Bundesstaaten? Wie hängen familiär-soziale Struktur und Übergewicht zusammen? Weshalb sind in den USA die sozial benachteiligten Schichten deutlich stärker von Fettleibigkeit betroffenen als Mittel- und Oberschicht? Welche Rolle spielt die individuelle Erziehung in der Familie? Welchen Einfluss hat die moderne kapitalistische Gesellschaft auf unsere familiäre Realität und somit letztlich auf unsere soziale Prägung – auch hinsichtlich der Ernährungsgewohnheiten?
Spurlocks Freundin, die einmal kurz zur Rede gegen den kriminellen kapitalistischen Komplex anheben darf, hätte ihm da sicherlich einige inspirierende Fragen vorschlagen können.

So reduziert sich der Film auf die Erkenntnis, dass Hamburger im Übermaß fett machen, unser Wunsch nach FastFood durch die Fernsehwerbung erzeugt wird, und alles besser wäre, wenn in jedem Restaurant Nährwert-Tabellen aushingen.

Schade, dass sich Spurlock nicht ein wenig mehr bei Michael Moore abgeschaut hat: Wie man Verantwortliche mit Guerilla-Journalismus zum Reden bringt, wie man suggestiv Zusammenhänge in den Raum wirft, die man zwar nicht beweisen kann, die aber der Wahrheit erschreckend nahe kommen, oder wie man verschieden Enden der gleichen Problematik verknüpft, statt stur nur der Idee des Selbstexperiments zu folgen.

Es ist in der Tat drastisch zu sehen, wie sich Spurlocks psychische und physische Konstitution dramatisch verschlechtert – doch im Zuge seines Weltverbessereranspruchs wäre es mehr als angemessen gewesen, nicht nur die eine Seite der Medaille zu beleuchten, nicht nur von der Unverantwortlichkeit der Produzenten zu berichten, sondern auch von der der Konsumenten.

Moore-Kopie mit starkem Ansatz und mäßiger Ausführung


Wolfgang Huang