Collateral

USA, 120min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Michael Mann
B:Stuart Beattie
D:Tom Cruise,
Jamie Foxx,
Jada Pinkett Smith,
Mark Ruffalo
L:IMDb
„I do this for a living”
Inhalt
Max (Jamie Foxx) fährt seit zwölf Jahren Taxi in Los Angeles und träumt von einem besseren Leben. Als ein Gast namens Vincent (Tom Cruise) in sein Taxi steigt und Max samt Taxi gegen sechshundert Dollar Lohn für einen Tag mieten möchte, willigt dieser ein - natürlich ohne zu wissen, dass Vincent ein Auftragskiller ist und von Max von Mord zu Mord gefahren werden möchte.
Kurzkommentar
Kein klassischer Wurf ist Michael Manns hoch gehandeltes Tom Cruise-Vehikel. Als düsterer Großstadtthriller nutzt er das dramaturgische Potential seiner genial einfachen Idee konsequent aus, opfert die psychologische Ausbuchstabierung seiner Charaktere aber herkömmlichen Spannungsmomenten. Dennoch ist „Collateral“ schon wegen Manns handwerklicher, unterkühlter Eleganz ein Highlight. Tom Cruise hat stylish auszusehen, besonders nuancenreich ist seine erste Schurkenrolle jedoch nicht.
Kritik
Einige Regiegrößen wie Steven Spielberg verspielen im Moment einigen Kredit deswegen, weil sie in immer kürzerer Zeit immer mehr Filme produzieren. In der Konsequenz verliert der einzelne Streifen dadurch deutlich an „Ereigniswert“, läuft gar Gefahr, nur noch en passant wahrgenommen zu werden. Bei einem neuen „Mann“ ist das anders. Der aus Chicago stammende Regisseur wartet nur ungefähr alle drei Jahre mit einem neuen Projekt auf. Gerade seit dem energetischen Großstadtepos „Heat“ (1995) und dem Nichtraucheraufruhr „The Insider“ (1999) steht Mann für intelligent packendes Thrillerkino mit dem geschliffen analytischen Blick für seine Akteure. Die von Produktionsproblemen heimgesuchte Boxerbiographie „Ali“ (2001), Manns letzter Film, schien hier nur aus der Reihe zu tanzen. Mit „Collateral“ ist Mann nun zurück auf dem angestammten Pflaster der Großstadt, die so unterkühlt und erstickend ist, dass sie als Fußnote unbedingt ihren coolen postmodernen Killer braucht.

„Collateral“, nebenständig im Wortsinne, ist bei diesem stringent durchkomponierten Thriller natürlich nichts. Die Rolle des stylishen Todesengels ist Tom Cruise sicher nicht auf dem Leib geschrieben. Manch anderer hätte sie spielen können, schon deswegen, weil sie kaum Variation fordert und am Ende trotz Bemühen zum Unkonventionellen in Klischees stecken bleibt. Aber „Collateral“ wäre kein Michael Mann-Film, wenn er nicht erheblich auch als Starvehikel funktionieren würde. Das war mit Al Pacino und Robert DeNiro in „Heat“ so, nicht anders mit Will Smith in „Ali“. Und da niemand es besser als Tom Cruise versteht, jeden neuen Film zum narzisstischen Weihakt zu machen - zuletzt im „Last Samurai“ -, bot er sich Mann schon aus Gründen der Kassenräson an. Cruise lässt jeden Streifen unweigerlich größer wirken als er ist. Das Wichtigste aber: Als ewiger Sonnyboy war der Schauspieler, obwohl in letzter Zeit deutlich respektabler, bisweilen immer ein Stück zu sympathisch, die Zeit war also reif für die erste Schurkenrolle. Die darf natürlich keine x-beliebige Erscheinung sein.

Die Kälte Vincents, des Killers, muss also allegorischen Niederschlag im mattgrauen Anzug und eisweißer Haartönung finden. Sinn macht dieses selbstgefällige Überstyling schon deswegen nicht, weil man sich Killer ja doch eher um Unscheinbarkeit bemüht vorstellt. Doch Cruise muss extravagant verpackt sein. Für die szenische Wirksamkeit war ein exquisiter Drehbuchautor unerlässlich, der auf Manns Fiktion eines adrenalingeladenen Thrillers hinschreiben würde. Dass sich ausgerechnet Stuart Beattie für diese Aufgabe fand und sie mit Bravour löst, ist die eigentliche große Überraschung eines Filmes, der zweifellos zu den besseren des Jahres gehört, ohne dabei die in einen „Mann“ gesetzten Ansprüche der Nachhaltigkeit wirklich zu erfüllen. Beattie zeigt nach seinem schwer amüsanten Durchbruchsdrehbuch für „Fluch der Karibik“, dass er auch die Formel des Thrillers aufs Wirkungsvollste beherrscht und für „Collateral“ aus einer simplen Ausgangsidee maximalen Wirkeffekt erzielt.

Überhaupt ist es ja schon fast exotisch, dass Hollywood noch mit einer halbwegs originellen Idee Filme macht. Der Einfall, dass ein über kosmische Bedeutungslosigkeiten sinnierender Profikiller einen Taxifahrer zwingt, ihn von Mord zu Mord zu fahren, ist eine dieser Ideen. Schon deshalb ist „Collateral“ unbedingt sehenswert. Gleichzeitig legen Beattie und Mann dem Geschehen jedoch eine gewisse Gradlinigkeit auf, die Spannung in eng umrissenen Grenzen entfaltet und sich letztlich nur auf die Frage konzentriert, ob Jamie Foxx als Taxifahrer Max Vincent entkommen und einen der Morde verhindern kann. Bald verräterisch im Rückblick wirkt hier die gelungene, lange Prologsequenz, in der Max die unsichere Staatsanwältin Annie fährt und kennen lernt. In nur wenigen Sätzen offenbart die flüchtige Gesprächssituation Wesentliches der Charaktere und etabliert sie gekonnt. Damit ist klar, dass Jada Pinkett Smith als Annie unweigerlich erneut auftauchen muss.

Als Vincent dann das Taxi besteigt ist die zuweilen leicht kammerspielartige Grundsituation als Haupt- und Angelpunkt des Films hergestellt. Natürlich weiß Mann das Forttreiben der stationsartigen Handlung schon formal äußerst geschickt in Szene zu setzen. Direkt von Beginn ist die Atmosphäre des stickigen Großstadtpulses, der „Heat“ so unvergleichlich machte, wieder sogartig zu spüren. Allerdings erlaubt sich Mann hier zuweilen fragwürdige Mätzchen. So wirken etliche Musikeinlagen zu aufdringlich videoclipartig, wenn der Rhythmus des Films einmal stockt, und gerade die Szene der Wolfsmetapher ist arg lächerlich. Sonst konstruiert „Collateral“ jedoch durchweg eine bannende, konzentrierte Stimmung, die aus dem elegant inszenierten Wechsel von fast ruhigen Momenten und Gewalteinbrüchen lebt. Auch die Chemie der Hauptdarsteller arbeitet glänzend. Gerade für Jamie Foxx dürfte es bis dato die beste Rolle sein, allerdings gilt trotz aller versuchten Charakterauslotung für beide Figuren, dass sie nicht mehr als Typisierungen sind.

Gerade die Figur Vincents bleibt enttäuschend steif. Noch einmal, für Cruise gilt: Zwar überzeugt er auch im Rahmen des ihm hier Abverlangten und wirkt restlos glaubwürdig. Aber was immer er an mimischer Bandbreite bieten mag, im zwanghaften Styling wird es nicht gebraucht. Für Michael Mann sind die Charaktere hauptsächlich Katalysatoren für Wendungen und absehbare Entwicklungen. Wohl macht „Collateral“ seinen zynisch-weltverlorenen Killer mit Sinn für Manieren äußerst interessant, als Charakterstudie taugt Manns sehr konstruierter Streifen jedoch kaum. Das Psychopathische von Vincent bleibt hinter der Fassade ebenso unentdeckt wie weitere Tiefen hinter der enigmatischen Schwermütigkeit unausgelotet. Am Ende herrscht mit der früh gestorbenen Mutter und dem Vater als prügelndem Alkoholiker dann vor allem das Klischee. So bleibt die Teilidentifikation mit dem Bösen möglich. Aus der Interaktion zwischen Max und Vincent entsteht nicht nur im moralischen Diskurs wenig. Dennoch ist „Collateral“ sehr sehenswertes, auf Hochglanz poliertes Thrillerkino samt einiger brillant-absurder Einfälle und einem wirkungsvoll schicken, theatralischen Ende.

Planmäßiger Psychothriller mit hohen Produktionswerten


Flemming Schock