Insider
(Insider, The)

USA, 157min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Michael Mann
B:Marie Brenner, Eric Roth, Michael Mann
D:Al Pacino,
Russell Crowe,
Christopher Plummer,
Diane Venora,
Philip Baker Hall
L:IMDb
„I don´t believe it is addictive.”
Inhalt
Dr. Jeffrey Wigand (Russel Crowe), ehemaliger Forschungsleiter eines Zigarettenherstellers, enthüllt einem CBS-Nachrichten- magazin, unter Produzent Lowell Bergman (Al Pacino), einen Skandal: Der Konzern setzt die gezielte chemische Erhöhung des Nikotingehalts zur Suchtsteigerung ein. Kurz nachdem Verantwortliche offiziell äußerten, dass das Produkt nicht süchtig macht und sie somit keiner Haftung unterliegen. Die Folgen sind verheerend: Über Wigand bricht eine schmutzige Rufmordkampagne herein. Er wird mit Morddrohungen überhäuft. Aufgrund des wachsenden Drucks verlässt ihn seine Frau. Als der Sender sein Interview aus der Sendung schneidet, um einer Milliardenklage der Zigarettenkonzerne zu entgehen, ist er schließlich dem Selbstmord nahe.
Kurzkommentar
Michael Mann ("Heat") liefert den längst überfälligen Rachefeldzug gegen die verteufelte Zigarettenindustrie in handwerklicher Höchstform und holt dramaturgisch das Maximum aus der leinwanduntauglichen Thematik heraus. Darstellerisch bestechend, kränkelt der Film an fehlender Spannung und seinem uninteressanten Kern.
Kritik
Achja, es gab Zeiten, in denen der moderne, zeitbewusste Mensch nicht durch sein Handy, sondern durch seine Zigarette gekennzeichnet war. Als das zwanzigste Jahrhundert noch in seiner Geburtsstunde lag und der endültige Siegeszug der Technik am Horizont dämmerte, ja, da war die Fluppe neben dem Hut auf dem Kopf das selbstverständliche Charakteristikum eines Menschen mit "Zeitgeist". Der Eintritt in die beschleunigte Epoche verlangte nach weniger Muße und immer schnellerer Konsumtion. Keine Zigarren und Pfeifen mehr, die hastig aufgerauchte Zigarette war nun identitätsstiftendes Genussmittel und in seiner Wirkung nicht anders als Kaffee betrachtet. Das wird die Kulturgeschichte des Rauchens zu berichten wissen. Doch je älter das neue Jahrhundert wurde, desto mehr nahm seine Komplexität zu. Typisierende Aufnahmen aus dem zweiten Weltkrieg zeigen den vorbildhaften amerikanischen Soldaten mit der Zigarette, aber bald sollte sich das verkaufte Marlboro-Gefühl in blauem Dunst auflösen.

Indessen war das "gute" an der nationalsozialistischen Wissenschaft, dass bereits Ende der 30er Jahre fundierte Studien über die gesundheitlichen Konsequenzen des Nikotingenusses durchgeführt und propagandistisch ausgeschlachtet an die Öffentlichkeit getragen wurden. Doch fand der NS-Terror ein Ende, der "Terror" der bedenkenlose Rauchern gegenüber den Nichtrauchern keinesfalls. Erst nach dem Ende des kalten Krieges und dem Verlust der großen traditionellen Feindbilder, als die Welt in den 90er Jahren zunehmend trivialisiert wurde und in den Industrienationen eher Langeweile denn Probleme den Alltag diktierten, war die Zeit reif für neue Kreuzzüge, diesmal im Namen der Gesundheit. Also auf in den Sturmlauf gegen eine perfide Zigarettenindustrie, die ja die große Freiheit zu verkaufen vorgab, aber nichts außer Lungenkrebs einlöste. Pfui, diese Buben sind so schrecklich böse, dass sie in einer Konspiration ungeahnten Ausmaßes sicher die ganze Welt abhängig machen wollen. Und die Speerspitze des messianischen Eifers musste natürlich von den Bürgern jenes Landes geführt werden, die sich selbst die größte Zigarettenindustrie schenkten, den Amerikanern.

Es ist schließlich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und in diesem Fall auch, pardon, der Hohlköpfigkeiten. Seit Dekaden ist es global eine banale Erkenntnis, dass die Inhalation von Nikotin nicht so schmucken Teer in der Lunge ablagert, eine aus ökonomischen Gründen (man denke an die Tabaksteuer) tolerierte Gesellschaftsdroge ist und süchtig macht. Somit ist es reine Kasuistik, ob auf den Zigarettenschachteln der Hinweis auf Sucht- oder "nur" gesundheitsschädliches Potential prangt. Jeder gesunde Menschenverstand kennt die Konsequenzen. Aber egal, ob man die Lunge nun ohne oder mit Suchtfunktion systematisch zerstört, in Amerika ist groteskerweise die selbstverschuldete Unmündigkeit mit einer Summe von hunderten von Milliarden einklagbar.

Aber das reicht nicht für den ultimativ abrechnenden Nichtraucherfilm. Vielmehr muss die Paranoia geschürt werden, das die gewissenlosen Zigarettenmogule ja noch synthetische, suchtintensivierende Giftstoffe in den Tabak mischen. Oh Gott, die halbe Menschheit ein Haufen von Junkies unter der Kontrolle von nichtrauchenden Marlboro-Bonzen! Diese scheinen noch ruhigen Gewissens sagen zu dürfen: "I believe it is not addictive". Was ist den die prickelnde Botschaft des "Insiders"? Dass wir uns freiwillig in die Sucht begeben haben und von der skrupellosen, uns wie Zombies manipulierenden Drogenmafia unterjocht werden? Oha, in etwa so abgestanden wie ein voller Aschenbecher, aber hypen wir das Ganze mal. So wird dem Feldzug im Namen der Gesundheit auch im Film Genüge getan und, Michael Mann sei Dank, zu einem halbwegs spannenden Stück Konspirationstheorie (vornehmlich für Nichtraucher bitte) umgestaltet. Mann ist der Mann fürs episch Ausholende, für die nuancierte Atmossphäre und ruhende Charakterdarstellung.

In seinem letzten Film, dem stilistisch brillianten, aber inhaltsarmen Großstadtthriller "Heat" überzeugte er in erster Linie durch Bilderwucht und das gut plazierte Duett von Robert DeNiro und Al Pacino. Er konstruiert Stimmungen zuvörderst durch Bildsprache, lässt die ästhetisch geführte Kamera etliche Sekunden auf den Gesichtern der Protagonisten ruhen und dringt förmlich in ihr Innenleben ein. Mann ist Perfektionist, keine Frage. Seine Filme, eher Kompositionen, bestechen durch eine virtuos abgestimmte Harmonie der formalen wie inhaltlichen Ebene. Für den Kreuzzug gegen den blauen Dunst heimste er gleich sieben Oscarnominierungen, diejenigen für die formalen Elemente sind nachvollziehbar. Der geführte Schnitt und präzise Ton sind ähnlich kunstvoll wie in "Heat", der Narration mangelt es eindeutig an Spannung, aber nicht an Länge. Dreht Mann einen Film, muss sich epische Diktion auch in der Spieldauer niederschlagen. Doch das Drama um die ultimative Denunziation tritt zu häufig auf der Stelle, weiß keine Wahrheit zu berichten, die in den ersten fünf Minuten nicht schon ausgesprochen wäre. Auch die Mechanismendarstellung der Medien birgt nur Stereotypen. Unter den Händen eines Anderen wäre dies vielleicht nach einer Raucherpause verlangenden Nullnummer verkommen, aber Mann tat gut daran, wieder Al Pacino und zum ersten Mal Russell Crowe (glänzend schon in "L.A. Confindential") einzuspannen.

Pacino ist so begnadet wie immer und geht in der Figur des idealtypischen, gerechtigkeits- und wahrheitsverteidigenden Reporters uneingeschränkt auf. Nicht minder sehenswert ist der für seine Rolle oscarnominierte Russell Crowe. Er beweist, dass er sich zu den derzeit differenziertesten Mimen aufschwingt und lässt seinen nächsten Film, "Gladiator" von Ridley Scott, mit Spannung erwarten. Der Regisseur verlässt sich neben Pacino auf das Zusammenspiel seiner erforschenden Kamera mit Crowes köstlich paranoiden Blicken und furchterfülltem Verhalten. Er schürt die perfekte Angst. Ganz klar, das Zeugnis die Mannes wird die Welt verändern - oder auch nicht. So schafft es Mann vornehmlich einen stimmungsmäßig und schauspielerisch erlebenswerte Abrechnung mit dem Jahrhunderts des Tabakkonsums zu konstruieren und liefert den ersten Film für militante Nichtraucher. Bezeichnenderweise sieht man im gesamten, sich quasiauthentisch verstehenden Streifen nicht einen Glimmstengel, aber dennoch nicht nur rauchfreies Licht. Michael Mann dirigiert seine Filme fast vollkommen, aber "The Insider" hinterlässt einmal mehr dieses unbefriedigende "Ja, und?". Vielleicht hätte man über den Inhalt lieber doch einige stimulierende Zigaretten geraucht.

Handwerklich und darstellerich bestechende, inhaltich banale Provokation


Flemming Schock