Echte Frauen haben Kurven
(Real Women have Curves)

USA, 86min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Patricia Cardoso
B:Josefina Lopez, George LaVoo
D:America Ferrera,
Lupe Ontiveros,
Ingrid Oliu
L:IMDb
„Ich bin eine Kuh”
Inhalt
Für Ana (America Ferrera), Tochter einer mexikanischen Einwandererfamilie in Los Angeles, läuft eigentlich gerade alles bestens. Sie hat das High-School-Zeugnis in der Tasche, einen netten Jungen kennengelernt, und in New York wartet ein College-Stipendium nur darauf, dass sie es antritt. Doch vor allem Anas Mutter Carmen (Lupe Ontiveros) hat für die Zukunft ihrer Tochter andere Pläne: sie soll kochen lernen, sich einen passenden Ehemann suchen und am besten eine ganze Schar von Kindern großziehen. Dabei gibt es allerdings ein Problem: Ana bringt einige Pfunde zu viel auf die Waage! Und sie ist wild entschlossen, zu ihrem Körper und ihren eigenen Vorstellungen vom Leben zu stehen und vor allem: niemals so zu werden wie ihre Mutter. Dennoch lässt sich Ana darauf ein, in der Näherei ihrer Schwester Estela (Ingrid Oliu), in der auch die Mutter arbeitet, auszuhelfen. Sie kann es kaum fassen, wie viel harte Arbeit die Näherinnen dort leisten, um für reiche Frauen teure Kleider herzustellen – Kleider, die sie sich niemals leisten kann und in die sie vermutlich auch nie hineinpassen wird. Ana entwickelt großen Respekt vor den Anstrengungen, die Carmen und Estela schon jahrelang auf sich genommen haben. Und sie schafft es mit ihrer ungeheuren Kraft und Freude am Leben, den Frauen in der Näherei, deren Welt sich immer nur um die anderen dreht, wieder ein Gefühl für etwas ganz wichtiges zu geben: sich selbst und ihren Körper zu lieben, mit all den Fehlern und Kurven, die echte Frauen ausmachen.
Kurzkommentar
Mit "Echte Frauen haben Kurven" ist Regisseurin Patricia Cardosa eine kleine Perle geglückt: Sicher umschifft sie die Klippen des Formats und schafft so ein warmherziges, freundliches, aber unaufdringliches Lehrstück über Perfektionswahn und Toleranz.
Kritik
Man nehmen folgende Zutaten: Moralin, Political Correctness, eine Einwandererthematik, einen Generationenkonflikt, und alte, dicke Frauen. Daraus ein gelungenes Endprodukt zu schaffen, ist wahrlich eine Kunst, denn die Gefahr, sich in Banalitäten, Schmalz oder übertriebener Steifheit zu verlieren, ist allzu groß.

Die Geschichte der jungen Ana, Tochter mexikanischer Einwanderer in Los Angeles, die gegen die traditionellen Zukunftspläne ihrer Mutter, mit ihrem reichproportionierten Körper und schließlich für die Familie kämpft, vereint all das, und es ist bewundernswert, mit welcher Leichtigkeit die Synthese gelingt, ohne die durchaus ernsten Kernaussagen der Geschichte zu vergessen.

"Echte Frauen haben Kurven" ist ein leidenschaftliches Plädoyer für mehr Toleranz: Toleranz für mehr Körperlichkeit und weniger unnatürlichen Schlankheitswahn, Toleranz für die harte Arbeit der älteren Generation, die diese zu Gunsten der jungen vollbringt, zugleich aber auch Toleranz für die junge Generation, die in ihrer Zukunft nicht mehr den traditionellen Lebensentwürfen der Älteren folgt und sich daher von diesen abnabelt.

Obwohl ein Gutteil der Problematik ganz speziell das Los mexikanischer Einwandererfamilien und deren Ausbeutung in den Billiglohn-Sweatshops beschreibt, erschließt sich das Thema durchaus auch für Europäer. Die Thematik der Spannung zwischen Jung und Alt, Tradition und Selbstverwirklichung sowie die Besonderheiten der Ethnizität lassen sich ohne Probleme übertragen.

Zudem vollbringt "Echte Frauen haben Kurven" das Kunststück, einem die Charaktere der Geschichte, die allesamt alles andere als makellose, geschliffene Hollywood-Helden sind, ans Herz wachsen zu lassen, insbesondere die notorisch schlecht gelaunte Titelheldin Ana. Natürlich kommt der Film nicht ohne eine gehörige Portion Herz-Schmerz aus, und das Ende erscheint dann doch wieder ein wenig unreal - doch man gönnt es den Protagonisten, die so einiges erleiden mussten in ihrer Odyssee durch die neue stromlinienförmige Gesellschaft. Das ideale Ende hebt sich ab vom Rest der Geschichte, welche wohl realistischer sein dürfte, als uns bewusst und lieb ist.

Sozialkritische, aber dennoch sehr liebenswürdige Toleranz-Parabel


Wolfgang Huang